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Neun Minuten lang blind

Schiedsrichter können aus Sicht eines Augenspezialisten gar nicht genau erkennen, was alles während der 90 Minuten passiert. Rund ein Zehntel der Spielzeit sei der Referee blind.

Der Grund: Der Schieri müsse seine Augen sehr schnell bewegen, sagte Professor Helmut Wilhelm von der Augenklinik Tübingen am Freitag. “Er sieht nur das genau, was er fixiert. Er sieht hinter sich gar nichts und sein Stammhirn läuft heiß, weil es ständig neue Programme für Augenbewegungen zu schreiben hat.” Zudem müsse sich der Schieri auf dem Spielfeld noch mit dem Gleichgewichtssystem herumärgern, das die Augen am liebsten immer schön still halten würde, erklärte Wilhelm.

“Niemand weiß, warum die meisten Schiedsrichter so gute Arbeit leisten. Sie können es eigentlich aus neurophysiologischer Sicht gar nicht”, betonte der Mediziner. “Aber es gibt ja noch Linienrichter.” Dass der Schiedsrichter es trotz der widrigen neurologischen Umstände dennoch schafft, das Geschehen auf dem Platz exakt zu beobachten, ist nach Angaben des Mediziners dennoch möglich. “Der Schiedsrichter schafft es, weil er gelernt hat, sich auf das Wesentliche zu beschränken.”

Ähnliches hatte der Deutsche Markus Merk, einer der international anerkanntesten und erfahrendsten Schiedsrichter, schon vor Längerem bestätigt: In der Praxis sehe es ganz anders aus als in medizinischen Studien. Zumindest auf dem hohen Niveau etwa einer Europameisterschaft sei die Abseits-Trefferquote der Schiedsrichter und ihrer Assistenten sehr hoch: “Mir ist aus den 31 Partien der EM keine gravierende Abseits-Fehlentscheidung bekannt”, hatte Merk mit Verweis auf die vergangene EM im Jahr 2004 gesagt. Er hatte unter anderem das EM-Endspiel Griechenland – Portugal (1:0) geleitet. Die Erfahrung und das geschulte Auge der beiden Assistenten an der Linie ließen viele Abseits-Entscheidungen den theoretischen Einschränkungen zum Trotz richtig ausfallen, erklärte Merk.

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