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"Mit meiner Politik möchte ich es nicht allen recht machen"

Claudia Gamon hat gute Aussichten auf einen Platz im Europäischen Parlament.
Claudia Gamon hat gute Aussichten auf einen Platz im Europäischen Parlament. ©Sams
EU-Wahl: NEOS-Spitzen­kandidatin Claudia Gamon im W&W-Talk über Frauen in der Politik, private Anfeindungen, Populismus, Asylrecht und ihr Bild von Europa.
Claudia Gamon im Sonntags-Talk
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Claudia Gamon: "Scheiß auf Taktik"

Von: Joachim Mangard (WANN & WO)

WANN & WO: Wie lebt es sich als Nenzingerin im Bregenzerwald?

Claudia Gamon: Jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht etwas Falsches sage (schmunzelt). Schwarzenberg ist wunderschön, gerade von der Natur her. Da kann der Nenzinger Himmel aber mithalten. Sprachlich werde ich sowieso nach zwei Sätzen als Oberländerin entlarvt. Die Wälder sind ein gastfreundliches Volk. Auch wenn es um Politik geht, sind sie offener, als so mancher denken würde.

WANN & WO: Wie bist du aufgewachsen?

Claudia Gamon: Als Kind habe ich viel Zeit in der Natur verbracht – ein Privileg, dass ich nicht missen möchte. Später habe ich dann das Bludenzer Gymnasium absolviert. Besonders geschätzt habe ich den von meinem damaligen Klassenvorstand geprägten, politischen Diskurs.

Claudia Gamon war auch bei VOL.AT im Livetalk

WANN & WO: Reifte dort schon der Gedanke an eine politische Karriere?

Claudia Gamon: Sicher nicht, der kam erst in der Person von Heide Schmidt. Ihre schnörkellose Sprache und ihre Art, Themen direkt anzusprechen, haben mir imponiert. Umso entsetzter war ich, als dann das Liberale Forum die Wahl verloren hat. Vielleicht war das schon ein Antrieb für mich, selber politisch tätig zu werden.

WANN & WO: Wieso hast du dich für ein Wirtschaftsstudium entschieden?

Claudia Gamon: Die damalige Information über Studiengänge war meiner Meinung nach mangelhaft. Mit BWL hatte man Berufsaussichten, obgleich meine Interessen eher in Informatik oder einem kreativen Studium lagen.

WANN & WO: Ab wann wurdest du aktiv in der Politik?

Claudia Gamon: Als Junge Liberale in der ÖH. Dann kam ein gewisser Matthias Strolz daher, der in großen Teilen deckungsgleich mit unseren Ansichten ging. So waren wir von Anfang an bei den NEOS involviert – mit dem ÖH-Background wussten wir, wie man Politik ohne viel Geld macht.

WANN & WO: Wie unterscheidet sich der Mensch Strolz vom Politiker?

Claudia Gamon: Eigentlich gar nicht. Matthias war immer ein sehr authentischer Politiker, der gezeigt hat, dass es keine „erfundene Persönlichkeit“ braucht, um Politik zu machen. Leute wollen keine Roboter, sie möchten echte Menschen. Geschätzt habe ich seine Art, mit seinen Mitstreitern umzugehen, und seine Fähigkeit, Dinge umzusetzen.

WANN & WO: Wie hart hat euch sein politischer Rückzug getroffen?

Claudia Gamon: Einerseits trifft es einen persönlich, weil man gemeinsam viel erlebt hat. Für die Partei war es ein Verlust der Vaterfigur. Viele Politiker verpassen aber den richtigen Zeitpunkt, „abzudanken“. Matthias hat aber strategisch richtig gehandelt und mit Beate Meinl-Reisinger für eine mehr als adäquate Nachfolge gesorgt.

WANN & WO: „So, meine Herren“: Wie beurteilst du aktuell die Situation von Frauen in der österreichischen Politik?

Claudia Gamon: Frauen sind nach wie vor unterrepräsentiert – auch in der Debatte, wenn es um weibliche Themen geht. Gerade die aktuelle Regierung vertritt ein gelinde gesagt „verstaubtes“ Frauenbild, wenn es darum geht, was „ghörig“ ist und was nicht. Hier braucht es einfach mehr weibliche „Role-Models“ und keine „älteren Herren“ mit tausenden Titeln, Ämtern und Vorstandsposten.

WANN & WO: Hast du das Gefühl, dass man dir als Politikerin mehr Steine in den Weg legt?

Claudia Gamon: Bei meiner Partei sicher nicht, als Frau im generellen politischen Diskurs schon. Junge Menschen haben es nicht einfach in der Politik, junge Frauen noch weniger. Das spiegelt sich im Ausmaß der Anfeindungen wider, mit denen wir konfrontiert werden. Wie grotesk das werden kann, sieht man ja auch im aktuellen Fall von meiner grünen Ex-Kollegin im Nationalrat Sigrid Maurer, die ich übrigens sehr für ihren Mut, mit derartigen Hasspostings an die Öffentlichkeit zu gehen, schätze.

WANN & WO: Wie gehst du persönlich mit Hass dir gegenüber um?

Claudia Gamon: Manchen besonders untergriffigen E-Mail-Schreibern antworte ich bewusst freundlich. Mit dem Hintergedanken, dass die Menschen sehen, dass hinter ihrer Zielscheibe ein echte, lebendige Person steckt. In der Politik braucht man eine dicke Haut. Im Zeitalter von Social Media & Co. habe ich aber schnell gelernt, gewissen Kommentaren keine Bedeutung zu schenken.

WANN & WO: Deine Forderung nach einem EU-Heer und einer Abschaffung der österreichischen Neutralität sorgten landesweit für Schlagzeilen. Hat sich deine Meinung dadurch verändert?

Claudia Gamon: In keinster Weise. Im Gegenteil, viele gratulieren mir zu dieser Position. Endlich würde jemand dieses Thema direkt ansprechen. Wichtig ist, dass ein gemeinsames Heer diskutiert wird. Politik soll dazu dienen, Denkanstöße vermitteln.

WANN & WO: Würdest du mit „deinem“ EU-Heer Afrika besetzen?

Claudia Gamon: Nein, das wollen vielleicht andere (schmunzelt). Wir stellen uns ein Berufsheer vor, mit der Wehrpflicht können wir auch nicht viel anfangen. Außerdem soll dieses Heer eine Verteidigungsarmee sein. Wir müssen uns für eine starke EU-Außengrenze einsetzen. Ob dies dann Sache eines Heeres ist, das dort stationiert ist, bezweifle ich – auch aus symbolischen Gründen. Wir brauchen aber einen guten Grenzschutz, auch mit entsprechender Rechtsgrundlage.

WANN & WO: Im Fall des Mordes an der BH-Dornbirn orten die NEOS ein Versagen des Innenministeriums. Wie kann so eine schreckliche Tat in Zukunft verhindert werden?

Claudia Gamon: Es stellt sich die berechtigte Frage, ob man wirklich nichts dagegen hätte tun können. Wie kann es sein, dass jemand mit einem aktiven Aufenthaltsverbot einreist, Vorarlberger Behörden ihm die Grundversorgung verweigern, die Gefahr des Untertauchens besteht, die Person aber trotzdem nicht in Schubhaft genommen wird? Es geht nicht darum, die europäische Menschenrechtskonvention in Frage zu stellen, sondern zuerst vor der eigenen Haustüre zu kehren. Umso wichtiger ist eine genaue Überprüfung der Möglichkeiten des Innenministeriums.

WANN & WO: Wie stehst du zum europäischen Agrarsystem?

Claudia Gamon: Die jetzige Ausrichtung des EU-Agrarmodells stillt nicht die aktuellen Bedürfnisse der Bauern, vor allem in kleineren Betrieben. Es fördert kaum Innovation, bevorzugt Großbetriebe und stellt das Bio-Thema zu wenig in den Vordergrund. Dieser Protektionismus von Althergebrachtem ist stark zu hinterfragen.

WANN & WO: Wie erklärst du das einem Schwarzenberger Bauern, dem nahe gelegt wird, sich von der Milchwirtschaft zu verabschieden?

Claudia Gamon: Ich kenne in Vorarl­berg viele junge Bauern, die gerne innovativer wären. Das wird aber von der EU-Politik nicht intensiv verfolgt. Die Menschen wünschen sich ja Dinge wie Regionalität, Bio-Produkte und das Wissen, woher die Lebensmittel kommen. Oder auch, dass auf die heimische Landschaft geachtet wird. Hier muss man einfach umschichten. Weniger Direktförderung für große Agrarbetriebe, mehr kriterienorientierte Förderungen für kleine innovative Betriebe.

WANN & WO: Wieso tun sich viele EU-Bürger mit dem EU-Begriff schwer?

Claudia Gamon: Wir müssen uns vom Gedanken einer einzigen Identität verabschieden. Man kann gleichzeitig Europäer und Österreicher, Franzose oder Spanier sein. Europa ist so bunt aufgrund seiner Vielfalt. Uns eint aber der Glaube an Grundwerte wie Menschenrechte, liberale Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit. In der Jugend ist dieser Gedanke präsent – mein Großvater ist mit 93 Jahren aber ebenfalls ein glühender Europäer.

WANN & WO: Das EU-Parlament wird gern als „zahnlos“ bezeichnet. Wünschst du dir mehr Kompetenz und Durchschlagskraft von Seiten der EU, gerade auf nationaler Ebene?

Claudia Gamon: Wir halten uns ein Parlament ohne Initiativrecht, das keine Kompetenzen in der Gesetzgebung mitbringt. Will man aber mehr bewegen, muss man dem Europäischen Parlament mehr einräumen – zumindest in Themen, die uns alle gleichermaßen betreffen – wie z.B. dem Klimaschutz.

WANN & WO: Was sind positive, was negative Eigenschaften von dir?

Claudia Gamon: Ich kann mich gut in Themen hineinarbeiten. Meine ehrliche und direkte Art könnte in der Politik vielleicht als negativ interpretiert werden. Das stört mich aber nicht. Meine Politik muss es nicht allen recht machen, man muss allen Meinungen mit Respekt begegnen. „Agree to disagree“ ist die gewohnte österreichische Lösung, bei der dann alle unglücklich sind. Wenn man an etwas glaubt, muss man dafür kämpfen.

WANN & WO: Glaubst du, dass manche Parteien an Kontur verlieren, um „Everybody’s Darling“ zu sein?

Claudia Gamon: Wenn man der FPÖ und den Grünen nahelegt, dass ihre Parteiprogramme in Teilen deckungsgleich sind, folgt ein lauter Aufschrei. Man muss aber auch sagen, dass sich die Leute in vielen Themen einig sind. Mir fehlt einfach eine klare Standpunktpolitik. Viele haben einfach verlernt, konstruktiv zu diskutieren.

WANN & WO: Liegt das am österreichischen System mit einem Club-Zwang, der Diskussion verhindert?

Claudia Gamon: Ich bin ein Freund der konstruktiven, kritischen Opposition und keiner Politik der Verhinderung per se. Wegen persönlichen Befindlichkeiten, vielleicht auch aufgrund einer parteilichen Couleur, bleibt gute Politik auf der Strecke – Sinnbild für die „beige“ österreichische Einheitspolitik.

WANN & WO: Wie hoch wäre deine Schampus-Rechnung im EU-Parlament?

Claudia Gamon: Im Nationalrat habe ich gelernt, dass man mit Parlamentsgeldern keinen Champagner zahlt (schmunzelt).

WORDRAP

Fake-News: Donald Trump. Wahlkampf: „Die Zeit fokussierter Unintelligenz (Michael Häupl)“. Politisches Vorbild: Margrethe Vestager, EU-Wettbewerbskommissarin. Menschliches Vorbild: Mein Opa. Populismus: Größte Gefahr für den Kontinent.

Zur Person Claudia Gamon

Wohnort, Geburtstag: Schwarzenberg, 23. Dezember 1988 Familienstand: In einer Beziehung Beruf, Funktion: Nationalratsabgeordnete für die NEOS, bundesweite Spitzenkandidatin für die EU-Wahlen am 26. Mai Slogan: „Auf geht’s nach #neuropa

(WANN & WO)

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