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„Meine Generation muss lebenslang lernen“

Zivildiener des Jahres 2022 und IT-Jungunternehmer Marcel Simma im Talk über Technologie, Arbeitswelten und zukunftsorientierte Bildungsmodelle.

WANN & WO: Wie bist du Zivildiener des Jahres 2022 geworden?

Marcel Simma: Ich hatte eine tolle Stelle, in der Tagesbetreuung der Sozialdienste Wolfurt. Da war es für mich möglich, eigene Ideen einzubringen und auch umzusetzen. Meine Spezialität waren die Tagesausflüge. Der See in Hard, das Bödele, die Seebühne und für die Wolfurter natürlich Bildstein als Hausberg oder der Wolfurter Markt wurden uns von den Senioren als ihre Lieblingsplätze genannt. In der Tagesbetreuung kann man noch viele Dinge recht gut machen, weil die meisten noch recht mobil sind. Trotzdem muss man schauen, ob man mit dem dem Rollstuhl durchkommt, es braucht Sitzmöglichkeiten und muss mit dem Auto gut erreichbar sein.

WANN & WO: Wieviel Stunden hatte dein Tag als Zivildiener und Unternehmensgründer?

Marcel Simma: Da kommen schon mal zwölf bis 14 Stunden zusammen und man muss schauen, dass alles was nicht drängend ist, auf das Wochenende verschoben wird. Ich habe das Unternehmen gemeinsam mit sieben Geschäftspartnern gegründet. Da haben wir uns die Arbeit aufgeteilt.

WANN & WO: Was ist Zewas Digital?

Marcel Simma: Zewas Digital ist ein Software-Dienstleister. Wir entwickeln Softwarelösungen für Unternehmen und setzen diese auch um. Für große Projekte oder Firmen stellen wir Manpower für die internen Entwicklungsabteilungen zur Verfügung. Beispielsweise entwickeln wir eine Logistik­software zur Routenoptimierung. Wenn ein Container von A nach B soll, müssen viele Daten erfasst werden, damit die Route optimiert werden kann. Wetter, Verkehrsaufkommen und viele weitere Dinge müssen berücksichtigt und schlussendlich auch abgebildet werden.

WANN & WO: Spielt bei euch Künstliche Intelligenz eine Rolle?

Marcel Simma: Wir verwenden es hauptsächlich in der Entwicklung, die komplexen und vernetzten Dinge, was mit KI noch nicht möglich ist, programmieren wir mit unserer eigenen Hirnleistung. Mittlerweile haben wir auch Kunden, die Künstliche Intelligenz in ihre Unternehmen implementieren möchten.

WANN & WO: Verstehst du die allgemeine Skepsis gegenüber KI?

Marcel Simma: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, also löst jegliche Art von Neuerung Skepsis oder gar Angst aus. Das kann ich nachvollziehen, man sollte aber das Potenzial sehen, dass es das Leben für uns alle stark verändern wird. Ich bin überzeugt, zum Positiven, weil dadurch ein extrem großer Effizienzgewinn möglich ist.

WANN & WO: Wieviel Tech-Knowhow ist im Ländle vorhanden?

Marcel Simma: Wir haben extrem viele Hidden Champions. So ist es auch in Egg, denn Dorner Electronic und Simma Electronic sind zwei IT-Firmen, die weltweit unterwegs und Marktführer sind. Wenn man in den Bregenzerwald fährt, denkt man eher an Wandern, Skifahren, Handwerk und einen guten Käse, als an Tech-Knowhow.

WANN & WO: Warum bist du in Richtung IT gegangen?

Marcel Simma: Ich wollte mir lange offenhalten, ob ich studieren oder gleich ins Berufsleben einsteigen möchte und bin daher nach einem Ausschlussverfahren vorgegangen. Mir war auch klar, dass ich nicht fünf Sprachen lernen will, also war das Angebot dann schon ziemlich überschaubar. Bei der HTL Dornbirn habe ich mir gedacht, Informatik ist ja ein Zukunftsfeld und mich dann dafür entschieden.

WANN & WO: Wie wichtig ist es, sich auf neue Dinge einzulassen?

Marcel Simma: Meine Generation wird ein Leben lang lernen müssen. Ich bin aus der Schule raus, aber jeden Tag kommen neue Technologien auf uns zu. Mit oder ohne KI, wo wir uns im Unternehmen überlegen müssen, ist das ein Pferd, auf das man setzen kann oder verschwindet das wieder vom Markt? Mit 18 oder 19 zu sagen: „Jetzt bin ich ein paar Jahre in die Schule gegangen und jetzt ist fertig“, wird sich in Zukunft nicht mehr spielen.

WANN & WO: Wie siehst du, dass deiner Generation nachgesagt wird, dass sie nicht arbeiten will?

Marcel Simma: Für mich ist es klar, dass ich mehr als 40 Stunden in der Woche arbeite, also bin ich vermutlich nicht repräsentativ. Man hat heute einfachere Möglichkeiten, seine Gedanken und auch Kritik einer großen Masse kundzutun. Wenn jemand auf Social Media kritisiert, 40 Stunden Arbeit pro Woche sei ja viel zu viel, hat das großes Potenzial zu polarisieren. Das lässt sich im Bereich digitale Medien gut verkaufen. Je mehr Leute das vor den Kopf stößt, umso besser kann man damit Geld verdienen. Das ist ein neues Phänomen, das in unserer Generation und auch in den folgenden Generationen stark auftritt.

WANN & WO: Warum habt ihr schon als Schüler eure Firma gegründet?

Marcel Simma: Das war in der vierten Klasse HTL, im Sommer 2019, als man noch fortgehen durfte. Wir haben es als mühsam empfunden, immer suchen zu müssen, wo was los ist. Und wenn ich es gefunden habe, weiß ich nicht, wer mitgeht. Dann haben wir eine Veranstaltungs-App programmiert, die alle diese Eventdaten gesammelt, kategorisiert und personalisiert ausgegeben hat, basierend auf deinen Interessen, deinem Standort und den Präferenzen deines Freundeskreises. Das war die Idee von unserem „Festic“-Startup, das wir vor vier Jahren präsentiert haben. Bis März 2020 hat das super funktioniert und wir hatten rund 1000 aktive Nutzer. Wir waren kurz davor, die Studentenstädte anzugehen und dann kam der Lockdown. Da niemand wusste, ob oder wann man wieder fortgehen darf, war unsere Geschäftsgrundlage weg. Wir hatten das Glück, dass wir mit Leuten zu tun hatten, die nicht nur an unserer App interessiert waren und haben uns darauf verlegt, Homepages, Webshops und Automatisierungen umzusetzen. Mit der Zeit kamen auch größere Firmen auf uns zu und wir haben uns gesagt, ok es macht Spaß, es sind coole Projekte, es bringt uns Cashflow, also machen wir das jetzt weiter. So wurde unser Unternehmen Zewas Digital durch die Krise zum Softwaredienstleister.

WANN & WO: Hat Corona das Fortgehen verändert?

Marcel Simma: Schon vor der Pandemie haben die Leute angefangen, sich gezielter auszusuchen, wo sie am Wochenende hingehen. Bei uns im Wald ist dazugekommen, dass es keine Diskothek mehr gibt, seit das E-Werk geschlossen hat. Man hat sich am Wochenende überlegen müssen, wo ein Zeltfest oder Ähnliches ist. Wer ist dort? Wie komm ich heim? Und sonst hat man halt privat gefeiert. Ich verstehe, dass sich Gastronomen schwertun, damit zu konkurrieren.

WANN & WO: Muss man alles können oder ist es wichtiger, sich zu spezialisieren?

Marcel Simma: Langfristig brauchen wir Leute, die sich in gewissen Bereichen sehr gut auskennen. Österreich kann sich nur langfristig im internationalen Wettbewerb halten, wenn wir das Labor der Innovation sind. Das bedeutet, wir brauchen diese spezialisierten Leute. Man meint, jeder muss Software entwickeln können. Das ist kompletter Bullshit! So viele Softwareentwickler können wir gar nicht brauchen, weil sonst andere Bereiche nicht mehr funktionieren. Wichtig sind aber Grundkompetenzen: Wie funktioniert ein Handy? Verwende ich überall das Passwort „1234“? Welche Fußspuren hinterlasse ich im Internet, auf Social Media? Das sollte schon in der Volks- und Mittelschule vermittelt werden. Außerdem brauchen wir auch soziale Kompetenzen, weil wir aufgrund dieser Spezialisierungen immer mehr in Teams zusammenarbeiten müssen, um unser Wissen zu vernetzen.

WANN & WO: Was muss sich in den Schulen ändern?

Marcel Simma: Leider ist Schule sehr träge, bis sich ein Lehrplan ändert dieser dann tatsächlich unterrichtet wird, dauert es viel zu lange. Der Unterricht im Mittelalter unterschied sich kaum von einer heutigen Unterrichtseinheit. Das Setting ist genau gleich wie damals: Ein Lehrer sagt was, die anderen schreiben mit. Hier müssen wir uns weiterentwickeln und KI gibt uns die Chance für individuelles Lernen, basierend auf den Stärken und Schwächen der Einzelnen.

WANN & WO: Ist es wichtig, alle Schwächen auszumerzen?

Marcel Simma: Wenn jemand nicht gut rechnen kann, musste er bisher extrem viel Zeit investieren, um darin Durchschnittsniveau zu erreichen. Viel wichtiger ist es, die Stärken zu stärken. Wer sich mit Sprachen leicht tut, wird beruflich eher in diese Richtung gehen. Wer sich mit Mathe schwer tut, wird wohl nicht Physik studieren. Darum sollte man Talente früh erkennen und gezielt fördern. Wir müssen davon wegkommen, jemanden die Hälfte seiner Zeit in Mathe investieren zu lassen, weil er Mathe nicht kann. Wenn ich in etwas gut bin, macht es mir auch eher Spaß. So gelingt es, ein Hobby zum Beruf zu machen, das ist der Idealfall. Wenn ich aber weiß, ich muss beruflich etwas machen, das mir überhaupt nicht gefällt, verstehe ich, dass sich 40 Stunden die Woche nicht so toll anhören.

Zur Person: Marcel Simma

Alter, Wohnort: 22, Egg/Wien
Ausbildung, Beruf: HTL Dornbirn, WU Wien;
Mitgründer und Vertriebsleiter Zewas Digital
Familie: ledig, Zwillingsschwester
Hobbys: Skifahren, Fahrradfahren, Land- und Forstwirtschaft, Ausgehen

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(WANN & WO)

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