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"Man müsste Müller heißen"

Dornbirn - Eine junge Türkin erzählt vom größten Hindernis bei ihrer Arbeitssuche.

Necmiye Gönay ist auch nicht anders als andere 22-Jährige. Die junge Frau kleidet sich gerne gut, so weit der Geldbeutel das eben zulässt. Sie geht gern aus. Arbeitet derzeit noch als Assistentin in einem Fortbildungsinstitut. Bald tritt sie ihre neue Stelle an. Sie hat vier Monate lang danach gesucht. Necmiye Gönay trägt kein Kopftuch. Sie spricht und schreibt druckreifes Deutsch. Ihr Handicap ist ihr Name. Necmiye Gönay. „Damit musst du dich eigentlich gar nicht bewerben gehen.“ Neci, wie ihre Freunde sie rufen, erzählt diese Geschichte nicht, weil sie sich davon einen Vorteil erhofft. Für ihren neuen Job als Werbedisponentin hat sie schon eine mündliche Zusage. Der Vertrag folgt. Neci will einfach was loswerden. Dass die Erfolge der Integration noch durchaus wachsen dürften, zum Beispiel.

Mehrfach ausgebildet

Sie kam in Bregenz zur Welt. Bis zum sechsten Lebensjahr lebte das Kind bei den Großeltern am Schwarzen Meer. Ab dem Kindergarten kam Neci zur inzwischen geschiedenen Mutter nach Bregenz. Neci hat die dreijährige Fachschule am Marienberg absolviert und danach als Sekretärin gearbeitet. Im Dornbirner Institut Inka hat sie migrantischen Kindern Lernbegleitung organisiert. Von ihrem Bürofenster aus konnte sie zum WIFI rübersehen. Dort erwarb Neci berufsbegleitend in eineinhalb Jahren ihr Diplom als Marketingassistentin, im Sommer schließt sie ihre zweite Ausbildung als Wirtschaftsassistentin ab.

Das alles kann sich sehen lassen. Dass Neci mittlerweile für die Junge ÖVP als Ersatzmitglied im Bregenzer Stadtparlament sitzt, sollte in diesem Land auch nicht wirklich ein Nachteil sein.

Erste Erfahrungen als Schülerin

Aber als sie sich im Jänner auf Jobsuche begab, ahnte sie schon, was ihr bevorstand. „Ich hatte mich vor Jahren in einer Bregenzer Innenstadtboutique einmal als Verkäuferin beworben.“ In der Auslage stand: Mitarbeiterin gesucht. „Ich stellte mich also vor. Die Chefin sah mich an und erklärte, die Stelle sei schon vergeben.“ Zum Test ging Necis Freundin, eine „waschechte“ Bregenzerin, eine Stunde später hin und wurde prompt aufgefordert, rasch ihre Unterlagen zu bringen.

Wie bei der Wohnungssuche

Ab Jänner 2011 hat Neci nun „täglich zwischen zwei und fünf Bewerbungen verschickt, aber größtenteils nicht einmal Absagen erhalten“. Auch, dass sie sich einer professionellen Personalvermittlung bediente, half nicht. Es erging ihr wie bei der letzten Wohnungssuche: „Einmal hab ich am Telefon erst meinen Namen nicht genannt. Ja, sagt der Vermieter, die Wohnung sei zu haben. Dann stellte ich mich vor. Und plötzlich war da noch ein anderer Bewerber im Spiel.“ Eine Stunde später war die Wohnung vergeben.

„Mein Freundeskreis ist ziemlich international.“ Neben Vorarlbergern trifft Neci auch Kosovaren und Bosnier. „Wir scherzen inzwischen schon: Man müsste nur Sandra Müller heißen, dann wäre das alles kein Problem.“

„Weils die Kunden wollen“

Neci weiß, dass sie als 22-jährige türkischstämmige ledige Frau in Vorarlberg die Ausnahme darstellt. „Die meisten in meinem Alter sind schon verheiratet und Mütter.“ In ihren wenigen Vorstellungsgesprächen hat sie die Erfahrung gemacht, „wie sehr viele Unternehmer befürchten, dass so eine eh nur ein Jahr arbeiten geht und dann Kinder bekommt“. In manchen Firmen, in denen Neci sich bewarb, arbeiten Freunde von ihr schon lange. Über diese Kollegen hat sie mehr als einmal erfahren, dass unternehmensintern die Devise ausgegeben werde, türkische Bewerberinnen erst nicht zu berücksichtigen. Das sei seitens der Kunden so erwünscht.

Necmiye Gönay will nicht bevorzugt behandelt werden. Aber sie möchte, dass es ihre Briefe künftig weiter als bis zum Papierkorb der jeweiligen Personalabteilung schaffen. Obwohl sie nicht Sandra Müller heißt.

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