Lustenauer Loft

"Manches ist auch schön, wenn man es lässt, wie es ist, unprätentiös und einfach." (Arno Bereiter, Architekt)
"Manches ist auch schön, wenn man es lässt, wie es ist, unprätentiös und einfach." (Arno Bereiter, Architekt)
Lustenau - Das Leben ist kein Opernball. Und deshalb muss auch die Wohnung nicht nobel sein wie eine Abendrobe, finden Arno Bereiter und Carmen Grabher. Viel praktischer sei eine Jeans, sind sich Architekt und Bauherrin einig.
Leben&Wohnen in Lustenau

Carmen Grabher öffnet die Tür: „Die Schuhe dürft ihr anlassen, das ist extra so gemacht!“ Durch einen kleinen Gang, an den seitlich kompakte Schlaf-, Arbeits- und Sanitärräume anschließen, gelangen wir in den Hauptraum, der sich über die volle Breite der Wohnung mit großer Fensterfront nach Süden öffnet. Am Boden ist dicker Nadelfilz verlegt, ein Teppich, den Wintersportbegeisterte aus dem Restaurant auf der Piste kennen. Den frechen Vergleich mit der Skihütte kommentiert Carmen so gelassen wie überzeugend: „Ich will kein Ausstellungsstück. Ich möchte, dass sich Menschen hier herinnen frei bewegen können. Bei mir darf man sein, grad wie man will!“ Und tatsächlich fällt es leicht, sich in der Wohnung auf Anhieb wohlzufühlen. Die einzige Schwierigkeit liegt in der Entscheidung für eins der gemütlichen Angebote, die hier im lockeren Ensemble zum Sitzen einladen: Lieber auf einen der Thonet-Hocker um die Kücheninsel, an den großen Esstisch, der nach geselligen Tafelrunden aussieht, oder doch an die Bar direkt am Fenster? Carmen nimmt uns die Entscheidung ab und serviert Kaffee auf dem praktisch-schlichten Küchenmöbel aus massiver Eiche. Sie schätzt Einrichtung mit der Fähigkeit zu altern: „So richtig gefallen mir die Oberflächen erst, wenn sie fünf, zehn Jahre alt sind.“ Nicht nur den Möbeln gönnt die Bauherrin die Verwandlung mit dem Lauf der Zeit, auch für sich selbst schätzt sie die Freiheit zur Veränderung. Diese Haltung teilt sie mit dem Architekten, der das Endgültige, Festgelegte und Standardisierte in der Architektur nicht besonders schätzt. „Eine Wohnung soll leger sein im Umgang mit einem selbst“, sagt er – eben eine Jeans, kein Frack: „Das bietet Freiraum. Es ist noch variabel, es ist nicht jeder Quadratzentimeter verplant.“

Seine Aufmerksamkeit für das Zeitliche, die Fähigkeit, Qualitäten eines bestehenden Bauwerks aufzuspüren und umzudeuten, haben überhaupt erst zu dem Auftrag geführt: Baumeister Karl Grabher aus Hohenems hatte ihn um Rat gebeten, ob er den bestehenden Betonskelettbau auf dem Areal der ehemaligen Stickerei abreißen oder für die projektierte Wohnanlage nutzen solle. Arno Bereiter zeichnete einen Entwurf als Antwort und plante das Projekt dann bis zur Einreichung. Die endgültige Ausführungsplanung und Ausstattung war zwar weitgehend dem Generalunternehmen überlassen, aber der grundlegende Charakter des umgebauten Fabrikgebäudes entspricht den Ideen des Architekten. So war es auch seine Vorgabe, den benachbarten Neubau im Norden des Grundstücks an der formalen Erscheinung des erneuerten Altbaus auszurichten. Das bewirkt nun räumlichen Zusammenhang und nachbarschaftliche Integrität der beiden Gebäude. Die Anlage wirkt selbstverständlich, natürlich gewachsen und fügt sich damit unaufdringlich in die Umgebung ein.

Für Carmen könnte das Ganze eigentlich noch „roher“ sein, wie sie meint. Als Wohnungskäuferin ist sie zu einem Zeitpunkt ins Projekt eingestiegen, als vieles schon definiert war. „Es war eigentlich mehr ein Abreißen“, erzählt die Baubegeisterte, die Arno bereits von einem früheren Hausprojekt kannte und seine Arbeitsweise seither schätzt. Der hatte so die Möglichkeit, seine Vorstellungen für das Gebäude in dieser Wohnung detaillierter umzusetzen. Die Standardausstattungen wurden entfernt, bereits eingezogene Zwischendecken geöffnet. Die wiedergewonnenen Hohlräume in dem fast holzbauartigen Betonskelett machen jetzt den Charme der gut vier Meter hohen Wohnung aus. „Ich kann mir ein Leben mit normaler Raumhöhe gar nicht mehr vorstellen“, sagt die Lustenauerin, die nicht zuletzt „der Wohnung zuliebe“ im Ort geblieben ist. Das ist schon nach kurzer Zeit als Gast in dem besonderen Ambiente gut nachvollziehbar. „Umnutzungen bringen oft die spannendsten Ergebnisse“, sagt Arno. Insofern eigentlich schade, dass nutzbare alte Substanz dieser Art im Lande langsam rar wird und schade noch vielmehr, dass neue Bauten nur selten so angenehm „jeansmäßig“ sind wie die umgenutzten alten.

Daten & Fakten

Objekt: Wohneinheit Anlage Widum, Lustenau
Eigentümerin: Carmen Grabher
Architektur: Arno Bereiter, Lustenau
Planung: 2005–2006
Ausführung: 2007–2009
Wohnnutzfläche: Wohneinheit 105 m²; Keller 15 m²

Bauweise: Stahlbetonskelett; gemeinsame Tiefgarage; Fußböden: Estriche, Nadelfilz, Fliesen; Fußbodenheizung; Innenwände im Trockenbau

Ausführung: Baumeister Grabher, Hohenems als Generalunternehmen

Quelle: VN/ Leben&Wohnen – die Immobilienbeilage der Vorarlberger Nachrichten

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
Das Vorarlberger Architektur Institut ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

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