KUB zeigt erste Einzelausstellung Theaster Gates' in Europa

Am Samstag öffnet die neue Ausstellung im KUB ihre Tore.
Am Samstag öffnet die neue Ausstellung im KUB ihre Tore. ©VN/Steurer
Künstler oder Aktivist? Auf jeden Fall Revolutionär. Die Kunst Theaster Gates' kommentiert die soziale und politische Realität nicht nur, sie wirkt auf sie ein, verändert sie künstlerisch und ökonomisch.

Das Alltägliche steht dabei immer im Mittelpunkt – auch in seiner Schau im Kunsthaus Bregenz (23. April bis 26. Juni), die der US-Künstler einer kritischen Erforschung des “Schwarzseins” widmet.

“Negrobilia”

Was bedeutet “Schwarzsein”? Welche Formen und Vorstellungen der weißen Welt gehen und gingen damit einher? Diesen Fragen widmet sich der afroamerikanische Künstler Theaster Gates in seiner ersten Einzelausstellung in Europa im KUB, deren Werke zum Großteil in Zusammenarbeit mit der Dachdeckerfirma Tectum und dem Bregenzerwälder Schnitzer Wendelin Hammerer in Hohenems entstanden sind. Als jemand, der selbst Archive anlegt – er übernahm unter anderem 14.000 Ausgaben des Jet-Magazins, dem Pendant des weißen “Readers Digest”, ordnete sie nach Jahrgängen und ließ sie binden – lag der Titel “Black Archive” für die Schau im KUB nahe. Erstmals zeigt er darin auch zwei Stücke seiner Sammlung von “Negrobilia” – historische Figuren, die Afroamerikaner meist in herabwürdigender in stereotyper Weise darstellen: als ergebene Diener, freundliche Mommies, tanzende Sklaven mit dicken Lippen, krausem Haar und üppigen Pos.

“Nicht länger süß”

Die kleine Figur eines tanzenden schwarzen Dieners etwa hat Gates auf vier Meter vergrößert und lässt sie im dritten Stockwerk des Museums von der Decke baumeln. Will der Besucher die Figur tanzen sehen, muss er selbst zum Tänzer werden, auf die Feder steigen, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und wird dabei selbst mit der Rolle des “Weißen” konfrontiert, der das Schwarze auf rassistische Weise veralbert. “Wenn Du es vergrößerst, ist es nicht länger süß”, sagte Gates bei der Presseführung am Donnerstag. Unweigerlich muss sich der Betrachter mit der Frage konfrontieren, was die Figur ursprünglich meinte, und das Lachen verschwindet.

“Eine Fassade von Schwarzsein”

Bezüge zu Rasse, Klassentrennung und Arbeit sind in den Werken des einstigen Mitarbeiters der Chicago Transit Authority im Überfluss vorhanden. Die Arbeit und die Geschichte, die hinter den Werken stehen, sind für den Sohn eines Dachdeckers mitunter das Wesentliche seiner Kunst. So auch bei den ausgestellten gebundenen Bänden der Jet-Magazine, die farblich geordnet erneut quadratische Bilder ergeben, oder den ebenfalls in Vorarlberg entstandenen Teer-Arbeiten, die rohe Dachdeckermaterialien einbeziehen. “Der ganze Inhalt ist hinter diesen Rechtecken”, betonte Gates und erklärte seine Ausstellung mit einer Allegorie: Er sehe hier in Vorarlberg die schönen Häuser und Portale, eingeladen werde er aber nicht. “Was ich also bekomme, ist eine Fassade von Österreich. Was der Besucher im KUB sieht, ist eine Fassade von Schwarzsein.”

Gates zählt zu den aufstrebendsten und derzeit bekanntesten schwarzen Künstlern. Erst am Vortag der Presseführung wurde er in die “American Academy of Arts and Science” aufgenommen, 2017 wird ihm der Kurt-Schwitters-Preis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung verliehen. Seine Wahl begründete die Jury unter anderem damit, dass seine Skulpturen, Installationen, Performances und Interventionen darauf abzielen, den Abstand zwischen Kunst und Leben zu verringern.

Installation und Kulturzentrum

Tatsächlich scheint der 1973 in Chicago geborene Gates wahre Wunder zu vollbringen: Er erweckt vergessene Gebäude und Dinge und damit auch Menschen zu neuem Leben. Bekannt wurde Gates mit dem Dorchester Projekt. Gemeinsam mit arbeitslosen Jugendlichen begann er 2009 ein Abbruchhaus neben seinem Studio in der Dorchester Avenue in Greater Grand Crossing, einem von Leerstand und sozialen Problemen geprägten Viertel im Süden Chicagos, zu renovieren und verwandelte es in eine Mischung von Installation und Kulturzentrum.

Das Projekt war so erfolgreich, dass mittlerweile weitere 60 Gebäude dazukamen, darunter etwa das Archive Haus, das eine Bibliothek beherbergt oder das Black Cinema House, in dem seit 2012 unter anderem Video-Workshops für Jugendliche angeboten werden. Renoviert werden die Gebäude immer im Kollektiv, verwendet werden Baustoffe aus anderen verlassenen Häusern. Gates selbst bezeichnet seinen Ansatz als ein konzeptuell offenes Ökosystem, denn sein Projekt finanziert sich über die Verkäufe von Skulpturen und Installationen aus Materialien, die er in den Gebäuden findet. “Poetisch-pragmatisch”, so Gates, denn aus “armen”, einfachen Dingen entstehen mitten in vernachlässigten Bezirken Lebens- und Arbeitsräume oder Bildungsstätten – Orte, die Menschen zusammenbringen und kreative Energie erzeugen. (APA)

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