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Kritik an, in und durch die Kultur

Christine Lederer gießt Acrylfarbe auf Bücher und macht sie so völlig unbrauchbar.
Christine Lederer gießt Acrylfarbe auf Bücher und macht sie so völlig unbrauchbar. ©Sams
Die Kunst von Christine Lederer eckt an – und ist damit erfolgreich. W&W sprach mit ihr über zementierte Verhältnisse, Gesellschaft und fehlende Worte.

WANN & WO: Du hast vergangenen September den Hypo Vorarlberg Kunstpreis gewonnen, herzlichen Glückwünsch noch. Ausgezeichnet wurde dein Bild „Am liebsten trage ich ein Bügelbrett“, das eine eindeutige Kritik an der traditionellen Rolle der Frau als Haushälterin ist. Inwieweit würdest du dich selbst als Feministin bezeichnen?

Christine Lederer: Ich habe mir lange überlegt, ob ich überhaupt Feministin sein will. Mittlerweile wird der Begriff ja inflationär benutzt. Allein schon die Erwähnung dieses Wortes bringt Emotionen mit sich, die nicht nur positiv sind. Aber ich glaube, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich bin keine Feministin. Ich würde aber gerne ein neues Wort dafür finden. Das suche ich noch.

WANN & WO: Deine Ausstellung „Alle Frauen sind immer daheim“ ist inspiriert von Anne Marie Jehle, die gerade im Mittelpunkt einer Ausstellung im KUB steht und dort auch als großflächiges Plakat an der Fassade hängt. Wird die Rolle der Frau präsenter in der Kunst?

Christine Lederer: Ja, da ist definitiv eine Tendenz da. Ich habe erst letztens gelesen, dass auch in Auktionshäusern Werke von Frauen besser verkauft werden.

WANN & WO: Meinst du, dass über die Kunst auch in Wirtschaft und Gesellschaft das Bild der Frau wachsen kann?

Christine Lederer: Klar, sonst wäre meine Arbeit obsolet. Bestenfalls befruchten sich die Bereiche gegenseitig. Kunst korrespondiert mit der Gesellschaft. Allerdings ist es schwierig, in die Bereiche der Wirtschaft vorzudringen. Die Interessen der beiden Bereiche sind sehr unterschiedlich. Dabei sehe ich gerade in der Symbiose dieser Diskrepanzen großes Potenzial.

WANN & WO: Thema Selfies & Co.: Zementieren soziale Medien heute die klassische Rolle der Frauen zusätzlich, wenn sie auf ihr Äußeres reduziert werden und sich teils auch selbst reduzieren?

Christine Lederer: Ich denke, das kommt auf die Inhalte an, die man anschaut. Social Media macht auch viel möglich, wenn man an die vielen kritischen Inhalte denkt. Ich sehe immer eher die Möglichkeiten. Ein tolles Beispiel ist Celeste Barber auf Instagram. Sie ahmt Models mit sehr viel Humor und Sarkasmus nach, wie ich finde.

WANN & WO: Du hast mal gesagt, mit Humor kann man leichter an ein Thema wie Frauenrechte herangehen, gerade wenn es oft als nervend wahrgenommen wird. Wie schwer haben es Frauenrechte immer noch in deinen Augen, ist das Thema noch nervender geworden?

Christine Lederer: Wir sind sehr satt. Die Schwelle beim Rezipienten ist höher geworden, in sein Inneres, seine Gedankenwelt, einzudringen und ihn mit Themen zu berühren. Das Wiederholen hat aber durchaus eine Kraft. Nur eben nicht immer eine positive. Trotzdem glaube ich an den Erfolg der Repetition und vor allem an den Humor. Uns ist die Leichtigkeit etwas abhanden gekommen. Da ist Humor eine herrlich leichte Eintrittskarte.

WANN & WO: Hat es das Thema Frauen in Vorarlberg in deinen Augen noch schwerer?

Christine Lederer: Ich erlebe Vorarlberg als konservativ, obwohl es kulturell sehr offen ist. Aber das Bild von der Frau am Herd und vor allem beim Kind ist einfach noch tief verankert, ebenso die „Häusle-bauen-und-sauber-drin-leben“-Mentalität. Und das möchte Vorarlberg selbst gar nicht so sehen. Neben einigen urbanen Qualitäten wie Vernetzung und einem großen
kulturellen Angebot, sind wir eben doch am Land. Die Gedanken hier sind manchmal eng gefasst. Wir kochen unsere Suppe oft alleine am Herd.

WANN & WO: Findest du, dass sich das dringend ändern muss? Ist das ein Ziel deiner Kunst?

Christine Lederer: Ich spüre Reibung am Konservativen, mich interessieren die Themen unserer Sozialisierung und Werte. Diese greife ich auf. Ein Versuch anzuregen und, ja, gerne auch ändern wollend. Aber das braucht wohl Zeit, Geduld und Ausdauer.

WANN & WO: Zu deiner Arbeitsweise: Du hast mal gesagt, dass du dich gern in Themen vertiefst und dir dabei dann deine Haltung dazu entwickelst, gern auch politisch. Wie würdest du deine Haltung allgemein beschreiben?

Christine Lederer: Ich habe es immer ein bisschen bedauert, dass ich nicht aus einem intellektuellen Haushalt komme. Ich dachte, dass man sich erst zu einer Sache äußern darf, wenn man ein umfassendes Wissen darüber hat. Eine sehr weibliche Denkweise, wie ich vermute. Das hat mich lange gehindert, eine Haltung einzunehmen und die öffentlich zu vertreten. Aber irgendwann ist mein Ärger darüber immens groß geworden, wie man etwa das Anderssein behandelt, über den Umgang mit Geflüchteten, über Trump an der Spitze der USA oder über das Verhalten von Heinz-Christian Strache oder Sebastian Kurz.

WANN & WO: Würdest du wünschen, dass mehr Menschen sich informieren, eine Haltung einnehmen und vertreten?

Christine Lederer: Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Menschen zurückhalten. Gleichzeitig gibt es Postings in sozialen Medien, auf denen sehr viel Meinung in übergriffigem Ton verbreitet wird. Ich glaube, es sollte bereits in Schulen das Lernen einer offenen, wertschätzenden Gesprächskultur gelehrt werden.

WANN & WO: Du hattest vor fast vier Jahren die Ausstellung „Die Welt ist in Ordnung“. Der Titel war schon damals ironisch gemeint. Wie schlimm ist sie heute?

Christine Lederer: Ich glaube, die Welt ist immer nur halb in Ordnung. Wir sind hier sehr privilegiert. Ich wünsche mir, dass wir uns dessen bewusster sind. Und das nicht gegen andere verwenden. Als Frau in Vorarlberg habe ich viel mehr Möglichkeiten, denn als Frau in Rumänien. Das muss man sich immer wieder vor Augen halten.

WANN & WO: Du hast Bludenz in einem Interview 2016 als „verdörrtes Brachland“ in Sachen Kultur bezeichnet. Hat sich da inzwischen etwas getan oder hat sich die Dürre ausgebreitet?

Christine Lederer: Es hat sich einiges verändert. Es ist sehr viel in Bewegung. Ich genieße nach wie vor die Ruhe, die man in der Stadt hat. Es gibt hier eine überaus schöne Lebens- und Arbeitsqualität. Ich sehe aber, dass es Menschen in der Region gibt, die sich schwer damit tun, zu partizipieren und Wege gemeinsam zu gehen. Und ich kann nicht anders, als zu sagen: Das münzt ein bisschen aus der schwarzen Politik heraus. Ich habe das Gefühl, Kultur wird nur an der Oberfläche behandelt und am Leben erhalten. Sie funktioniert, wenn es am Abend ein Bier dazu gibt. Aber was will Kultur sein? Da fehlt es am Bekenntnis und an der Strategie. Aber nehmen wir das als Chance, dass Schärfung nun möglich wird. Wir können verdammt stolz sein auf diese Stadt mit ihren Möglichkeiten. Es ist Ackerland, das bestellt werden kann. Daran sollten wir endlich glauben.

WANN & WO: Vergangenen September hast du bei der Schaffarei in Hard mitgemacht. Wie siehst du die Zukunft der Arbeit?

Christine Lederer: Ich glaube, die „Schaffa, schaffa bis zur Erschöpfung“-Mentalität dürfen wir überdenken. Luft zu holen und Pausen zu machen sind sehr wichtig geworden in dieser hektischen Zeit. Themen wie 4-Tage-Woche dürfen gelebt werden. Sie machen uns effizienter und stark. Wir dürfen uns vom bisherigen Denken der Tüchtigkeit um jeden Preis lösen und in neue Arbeitswelten mit mehr Freude und Leichtigkeit am Tun eintauchen.

WANN & WO: Inwiefern hat dich das selbst betroffen?

Christine Lederer: Ich bin so aufgewachsen, dass man „körig“ arbeitet. Mit meinem Grafikbüro gab es dann Zeiten, die sehr arbeitsintensiv waren. Und irgendwann habe ich gemerkt: Es kann mit dieser Dauerüberlastung so nicht weitergehen. Ich hatte das eben so antrainiert – du bist nur etwas, wenn du arbeitest. Aus diesem Gedanken rauszukommen und sich nicht nur über die Arbeit zu definieren, ist keine leichte Aufgabe. Aber diesen Wandel braucht es in der Gesellschaft. Unsere Werte dürfen sich an was anderem als am Kapitalismus orientieren.

WANN & WO: Also braucht es zwei Dinge: Ein neues Wort für Feminismus und ein neues Wirtschaftssystem?

Christine Lederer: Wir dürfen hinspüren und experimentieren, was es Neues braucht: Einen Feminismus, der die Männer nicht ausschließt und ein neues Wirtschaftssystem, das nicht auf Ausbeutung aufbaut.

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

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