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Der Preis für Kokain auf dem Schwarzmarkt ist in den vergangenen Jahren stark gesunken und liegt derzeit zwischen 60 und 100 Euro. Durch die niedrigen Preise ist Kokain auch in niedrigeren Einkommensschichten angekommen.
Der Preis für Kokain auf dem Schwarzmarkt ist in den vergangenen Jahren stark gesunken und liegt derzeit zwischen 60 und 100 Euro. Durch die niedrigen Preise ist Kokain auch in niedrigeren Einkommensschichten angekommen. ©VOL.AT/Philipp Steurer, VN

Kokain im Ländle: Zahlen & Fakten

Kokain soll sich im Ländle zur Volksdroge entwickelt haben, hieß es zuletzt in den Medien. Doch ist dem wirklich so? WANN & WO hat die Situation im Land unter die Lupe genommen.
Haller: Kokain kommende Volksdroge
Vorarlberger Suchtbericht 2018
VN-Podcast: Kokain im Kanal
Kokain im Abwasser nachweisbar

Von: Harald Küng (WANN & WO)

26 Kilogramm Koks sollen jährlich alleine in der Vorarlberger Hofsteigregion konsumiert werden. Damit spiele das kleine Ländle in der selben Liga wie die Großstadt München. Wie viel Kokain tatsächlich in Vorarlberg konsumiert und gehandelt wird, ist aber nach wie vor unklar. Fest steht aber, dass der Konsum zugenommen hat und auch woher der Stoff kommt, der hierzulande konsumiert wird, wie Horst Spitzhofer, Sprecher der Landespolizeidirektion Vorarlberg gegenüber WANN & WO mitteilt: „Wir gehen davon aus, dass der Konsum zugenommen hat und aktuell auf einem hohen Niveau ist. Das Kokain selbst kommt aus den Überseeländern und wird vorwiegend über die großen Häfen in Belgien und Holland nach Europa geschmuggelt. Natürlich gibt es aber auch Flugrouten zu den internationalen Flughäfen rund um Vorarlberg.“ Neben dem Straßenverkauf bereitet den Ermittlern vor allem der Handel im Netz – dem sogenannten Darknet – Sorgen: „Darknet ist auf jeden Fall ein nicht zu unterschätzendes Thema, insbesondere für Konsumenten, die anonym bleiben wollen. Die Problematik Darknet ist in der digitalen Ära sicherlich ein boomender Zweig.“

„Kokain ist eine Leistungs- und ­Freizeitdroge“

Auch Bernhard Amann von der Drogenberatungsstelle Ex & Hopp stellt eine Zunahme des Konsums im Land fest: „Der Kokainkonsum hat sich in den letzten Jahren sukzessive ausgebreitet. Die Konsumenten sehen sich – wie auch die Amphetaminuser – nicht als klassische Drogenkonsumenten. Viele sind sozial integriert, beruflich erfolgreich und besetzen höhere Positionen in Vorarlberger Top-Betrieben oder im öffentlichen Dienst. Daher ist Kokain auch als ,Leistungsdroge‘ bekannt.“ Hohe berufliche Anforderungen, Stress und Angst vor beruflichem Abstieg, aber auch Kompensation von Burnouterscheinungen seien Gründe, warum Menschen zu dem weißen Pulver greifen, so Amann. Allerdings erlebe Kokain auch eine Renaissance als Freizeitdroge. „Dies hängt natürlich auch mit der Verfügbarkeit und den stark gesunkenen Preisen der Substanz zusammen. Größtenteils handelt es sich um Gelegenheitsuser, die den Konsum im Griff haben.“ Die Risiken durch den Konsum der Droge sind aber nicht von der Hand zu weisen, so Amann: „Zu Beginn fühlt sich der Konsument sorglos, euphorisch, verfügt über ein erhöhtes Selbstwertgefühl und gesteigerten Antrieb. Ist die Wirkung abgeklungen, kann es temporär zu Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung bis hin zu Angstzuständen und Suizidgedanken kommen. Bei chronischem Konsum hat Kokain massive Auswirkungen auf zahlreiche Körperfunktionen, von Herz-Kreislauf-Problemen über nachhaltige Störungen des Nervensystems, Persönlichkeitsveränderungen bis hin zu erhöhter Aggression, oder Schädigungen der Organe.“ Abschließend betont Amann aber – und da sind sich er und alle anderen befragten Experten des Landes einig: „Mit dem Begriff ,Volksdroge‘ kann ich nichts anfangen.“

6 Fakten zu Kokain in Vorarlberg

  • 26 kg Kokain sollen laut Abwasseranalyse des Vorarlberger Suchtberichts jährlich alleine in der Hofsteigregion konsumiert werden.
  • 250 € kostete ein Gramm Kokain noch bis vor wenigen Jahren.
  • 60 bis 100 € kostet ein Gramm der Substanz aktuell auf dem Schwarzmarkt. Laut LPD ist der Reinheitsgehalt in Vorarlberg „sehr hoch“.
  • 30 bis 60 Min. hält die Wirkung an, wenn der Stoff gesnieft wird.
  • 13 Jahre alt war der jüngste Konsument, der der Beratungsstelle Ex & Hopp bekannt ist. Der Älteste war 80 Jahre alt.
  • 24 h ist Kokain im Blut noch nachweisbar, im Urin zudem bis zu einer Woche. Die Dauer der Nachweis barkeit hängt dabei von Substanz, Person, Dosis, Häufigkeit der Einnahme sowie der Nutzungsform ab.

„Von Volksdroge kann bei Kokain keine Rede sein“

Andreas Prenn, Leiter Supro: „Von Volksdroge kann bei Kokain keine Rede sein. Die Gruppe der Konsumenten hat sich aber insofern geändert, dass sich durch den momentan sehr niedrigen Preis auch Personen mit niedrigeren Einkommen den Konsum leisten können. War es früher vor allem in der Oberschicht verbreitet, so hat sich der Konsum mittlerweile auch auf andere Gesellschaftsschichten ausgedehnt. Kokain ist eine Droge mit hohem Suchtpotenzial, die das ,Selbstbewusstsein‘ steigert und wird daher auch als ,Ego-Droge‘ bezeichnet.“

„Auch Jüngere kommen zu uns“

Christine Köhlmeier, Leiterin Clean Feldkirch: „Heuer kamen vermehrt Personen – auch jüngere – in unsere Beratung, die ausschließlich mit Kokain ein Problem bekommen haben. Das hat es bislang so nicht gegeben, im Mischkonsum ja, als einzelne Substanz aber nicht. Kokain ist heute zudem viel billiger.“

3 Fragen an Dr. Kirsten Habedank

Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Leiterin der Therapiestation Lukasfeld.

  1. Kann man bei Kokain von einer Volksdroge sprechen? „Im Suchtbericht 2018 wird nur Tabak wörtlich als Volksdroge genannt. Die Wortwahl, die zuletzt in den Medien verwendet wurde, bezieht sich auf die im Bericht erwähnte Abwasseranalyse, in der Kokain an zweiter Stelle nach THC aufscheint – diese Werte müssen aber weiter analysiert werden. Ich wäre mit dem Begriff Volksdroge vorsichtig, denn die Mehrzahl der Vorarlberger konsumiert kein Kokain.“
  2. Wie nehmen Sie die Situation im Land in ihrer täglichen Arbeit wahr? „Im stationären Entzug und der Entwöhnungstherapie beobachte ich einen leichten Anstieg von Patienten mit massiver Kokainabhängigkeit. Kokain liegt aus meiner Sicht im Trend unserer Zeit, die Substanz verleiht den Menschen mitunter ein Selbstbewusstsein, das sie ansonsten nicht haben.“
  3. Was macht Kokain so gefährlich? „Kokainkonsum geht mit schweren Folgen für das Herz-Kreislaufsystem und massiven Schlafstörungen einher, gleichzeitig aber auch mit schweren psychosozialen Folgen (Jobverlust, Partnerverlust, Beschaffungskriminalität

(WANN & WO)

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