"Der Innovationstreiber bleibt der Mensch"

Hubert Bertsch.
Hubert Bertsch. ©Sams
Als Sohn der Bertsch Gruppe tritt Hubert Bertsch in große Fußstapfen. W&W sprach mit dem jungen Industriellen über Tradition, Innovation, internationalen Wettbewerb und den Standort Vorarlberg.

Von Joachim Mangard/Wann & Wo

WANN & WO: Wie würdest du die persönliche Beziehung zu deinem Vater beschreiben?

Hubert Bertsch: Aktuell bin ich ja in einem anderen Unternehmen tätig, also sehe ich ihn nicht ganz so oft. Wir sind aber ständig in Kontakt. Mein Vater hat mich in meinem Tun immer gefördert, gleichzeitig aber auch gefordert. Natürlich sind wir uns nicht in allen Bereichen einig – hier besteht schon eine Art Generationenkonflikt. Unsere Diskussionen verlaufen aber stets sachlich und auf respektvoller Basis. Das war aber auch schon bei ihm und meinem Großvater so. Ich kann nur von seiner praktischen Erfahrung profitieren, er vielleicht von meinem jugendlichen Elan (schmunzelt).

WANN & WO: Dein Vater zählt zu den schillerndsten Persönlichkeiten in der nationalen und internationalen Wirtschaft. Wie schwierig fällt es dir, in seinen Fußstapfen zu wandeln?

Hubert Bertsch: Ich habe früher oft meine Herkunft verschwiegen, einfach um nicht in eine Schublade gesteckt zu werden oder Vorschuss-Lorbeeren zu erhalten. Ich möchte mich über mein Können und meine Leistung profilieren, nicht über meinen Namen – auch wenn ich denselben wie mein Vater trage (schmunzelt).

WANN & WO: Euer Betrieb besteht seit 1925, gegründet von deinem Urgroßvater Josef Bertsch. Welche Rolle spielt Tradition für dich?

Hubert Bertsch: Sie schwingt schon in unserem Slogan „Tradition, Qualität, Know-how“ mit. Von der Tradition lebt die Moderne. Man muss auf einer gesunden Basis aufbauen, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Unsere Firma hat sich vom klassischen Kesselbau hin zu einem Generalunternehmen im Kraftwerksbau entwickelt. Diesen Schritt hat die Bertsch Gruppe aber auch benötigt, um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben. Nur mit Entwicklergeist und Innovation können lokale Firmen punkten, da man in Sachen Lohnniveau auf internationaler Ebene im Hintertreffen liegt.

WANN & WO: Da schwingt ein wenig Kritik am Standort Österreich mit?

Hubert Bertsch: Ja und nein. Österreich ist unsere Heimat und wir bekennen uns klar zum Standort. Die Kernkompetenz und das Know-how bleiben hier. So wird z.B. das inzwischen in die Jahre gekommene Werk in Nüziders in den nächsten Jahren abgerissen und wieder fast an der selben Stelle neu und modern aufgebaut. Aus strategischer Sicht müssen wir aber auch Produktionsstätten ins Ausland verlagern, um im globalen Wettbewerb mit Russland, China oder den USA zu bestehen.

©Sams

WANN & WO: Wie präsent war die Firma für dich in der Kindheit?

Hubert Bertsch: Schon in der Schulzeit hat mich mein Großvater von der Schule abgeholt und wir haben viel Zeit im Werk verbracht. Das war für mich als kleinen Jungen sehr imposant – und ist es heute noch. Einerseits hat mich die Größe der Rohre mit vier bis fünf Metern Durchmesser beeindruckt, andererseits die Tatsache, dass unsere Produkte in die ganze Welt hinaus gehen. Das hat meine Entscheidung für meinen Berufsweg maßgeblich beeinflusst.

WANN & WO: Gab es von Seiten deiner Eltern Druck, in den Familienbetrieb einzusteigen?

Hubert Bertsch: Überhaupt nicht, mein Vater hat uns die Möglichkeit zur freien Entfaltung gegeben und uns immer in unserem Tun unterstützt. Vielleicht habe ich mich gerade deswegen für diesen Weg entschieden.

WANN & WO: Hatte dein Vater neben seinem beruflichen Alltag überhaupt Zeit für die Familie?

Hubert Bertsch: Die hat er sich trotz seiner anstrengenden Tätigkeiten immer genommen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als er uns damals, meistens am Freitag, in Anzug und Krawatte von der Schule abgeholt hat. An den Wochenenden waren wir oft in Brand oder generell in den Bergen zum Skifahren.

WANN & WO: Du warst einer der ersten Absolventen des Maschinenbauzweigs an der FH. Wie wichtig ist der Ausbildungsstandort Vorarlberg?

Hubert Bertsch: Allein im Betrieb haben wir aktuell 30 Stellen offen. Das Wort Fachkräftemangel geistert schon seit zwanzig Jahren durch die Wirtschaft. Wir müssen uns zum Ziel setzen, eine unternehmerische Standortqualität zu schaffen. Wie bekommen wir jene, die ihre Ausbildung außerhalb von Vorarl­berg machen, in unsere Betriebe? Gleichzeitig müssen wir in die lokale Ausbildung investieren – auch in dualer Hinsicht, um direkt praktische Einblicke in die heimische Wirtschaft zu erhalten. Eine gesunde Außenperspektive mit einem Studium im Ausland schadet aber auch nicht.

WANN & WO: Damit sprichst du auf dein Wirtschaftsstudium in London an. Wie hast du dadurch profitiert?

Hubert Bertsch: Meine Leidenschaft für die „Insel“ fußt auf einer Jugendliebe, mit 15 war ich zum ersten Mal in Großbritannien. Später entschied ich mich dann, meine dreijährige Wirtschaftsausbildung in London zu absolvieren. Im Anschluss an die FH habe ich dann in der Metropole jeweils den Master in Management und Finance gemacht – übrigens gemeinsam mit einem ehemaligen Mehrerauer Studienkollegen aus dem Montafon. Mit dem Aufkeimen der Brexit-Thematik fiel mir dann die Rückkehr aufs Festland leicht. Nach meiner Zeit im Vertrieb des Foodtec-Zweigs der Bertsch Gruppe arbeite ich aktuell seit Jänner bei Zellstoff im steirischen Pöls, um nochmals eine weitere Perspektive aus einem anderen Bereich zu bekommen.

WANN & WO: Vom Kupferschmied zum Kraftwerksbau – wie hat sich die Bertsch Gruppe entwickelt?

Hubert Bertsch: Innovation war ein historischer Grundpfeiler unseres Erfolgs. In der Nachkriegszeit begann mein Urgroßvater als Kupferschmied und war mit der Fertigung von Kirchentüren oder Laternenmasten beschäftigt. Als erste größere Innovation bauten wir dann Kupferkessel für den Alpbetrieb, mit Schwenkfeuer, um den Sennern die Arbeit zu erleichtern. Diese Kessel sind heute noch im Einsatz. Konsequenterweise begann die Firma, Dampfkessel zu bauen – der Schritt zum Kraftwerk war der nächst logische. Gleichzeitig haben wir uns auch im Ernährungsbereich weiter entwickelt. Vom Käsekessel zum kompletten Anlagenbau in der Bertsch Foodtec.

WANN & WO: Das erfordert aber auch Akquise von Mitarbeitern und Know-how. Wie geht ihr mit dieser Herausforderung um?

Hubert Bertsch: Wie schon angesprochen, besteht diese darin, an gute Mitarbeiter zu kommen und diese auch zu halten. Deshalb muss man den Arbeitskräften ein attraktives Umfeld bieten. Früher hatte Vorarlberg viele Pendler in die Schweiz. Wir sollten uns zum Ziel setzen, der attraktivste Arbeitgeber im gesamten Bodenseeraum zu werden.

WANN & WO: Wie stehst du den aktuellen Entwicklungen am Arbeitsmarkt gegenüber?

Hubert Bertsch: Der aktuelle Arbeitsmarkt ist extrem dynamisch. Die Veränderungen durch die Digitalisierung, auch digitaler Medien, betreffen alle Bereiche des Lebens. Dadurch verändern sich auch Berufsfelder, die es so in ein paar Jahren nicht mehr geben wird. Die Briten haben es z.B. verschlafen, die Sparte Handwerk in die Zukunft zu führen. Egal ob Schreiner, Installateur oder Schlosser – auf der Insel werden diese Arbeiten größtenteils von ausländischen Kräften erledigt. Dort ist viel Know-how verloren gegangen. Die Leute wollen aber auch nicht mehr alle Jobs machen, das merkt man auch hierzulande, z.B. bei den Saison-Jobs im Fremdenverkehr oder am Fließband.

WANN & WO: Stichwort Digitalisierung Industrie 4.0 – diese Arbeit könnte dann ja von Robotern und Automaten erledigt werden. Wie beurteilst du Modellen wie die Maschinensteuer?

Hubert Bertsch: Die Menschen fürchten sich vor der Digitalisierung, da sie ihnen Arbeitsplätze wegnehmen wird. Die Furcht ist teilweise berechtigt, birgt aber auch viel Potenzial. Aus unternehmerischer Sicht können wir im internationalen Wettbewerb ohne automatisierte Prozesse nicht bestehen. Die Konkurrenz schläft nicht. Einer Maschinensteuer stehe ich skeptisch gegenüber, da wir uns den Wettbewerbsvorteil einer Automatisierung – gerade in einem Land mit hohem Lohnniveau – mit einer Steuer wieder zunichte machen. Wir möchten nicht Mitarbeiter durch Maschinen ersetzen, sondern die Arbeit unserer menschlichen Kräfte effizienter gestalten. Eine Maschine kann Know-how, das über Generationen weitergegeben wird, nicht vorantreiben. Der Innovationstreiber bleibt der Mensch. Auch wenn mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ eine neue Figur das Spielfeld betritt. Darauf muss die Politik gerade in Sachen Bildungswesen reagieren, um nicht im weltweiten Niemandsland zu verschwinden.

WANN & WO: Wie kritisch siehst du das österreichische Bildungssystem?

Hubert Bertsch: Die Ausbildung hinkt den aktuellen Anforderungen hinterher. Genauso wichtig wie die vier Grundrechnungsarten sollte man frühestmöglich digitale Kompetenzen vermitteln, sei es z.B. in Form von Präsentationstools oder dem Umgang mit Suchmaschinen & Co. Außerdem tritt lebenslanges Lernen und Weiterbildung vermehrt in den Fokus – jeder von unseren Ingenieuren ist ständig gefordert, sein Wissen mit unserer Unterstützung zu erweitern. Ein ähnliches System wäre für unseren Lehrkörper wünschenswert, auch mit Evaluierungsmöglichkeiten und vorgeschriebener Weiterbildung, um auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Wordrap

Unternehmen: Zukunft.
Zukunft: Vorfreude.
Ausbildung: Wichtig.
Neid: Sinnlos bis schwierig.
Verantwortung: Hohes Gut.
Führungsstil: Individuell.
Bludenz: Daham

Zur Person Hubert Bertsch

Alter, Wohnort, Familienstand: 28, Bludenz/Pöls, in einer Beziehung
Ausbildung, Funktion: VS Bludenz, Gymnasium, Mehrerau, FH Dornbirn (Maschinenbau), London Management, Bertsch Foodtec (Vertrieb), aktuell bei Zellstoff Pöls (Technische Planung) Hobbys: Laufen, Skifahren, Fliegen, Fallschirmspringen

(Red.)

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