Kindeswohl braucht Mittel

Bregenz - Jugendwohlfahrt : Personalstand, Jobsituation und Bezahlung entwickeln sich.

Da tut sich was: Die Jugendwohlfahrt macht sich nun daran, ihre eigene Arbeit messbar zu machen. Gleichzeitig signalisiert Landeshauptmann Herbert Sausgruber Zustimmung zur Forderung, Sozialarbeiter als Akademiker in das Gehaltssystem des Landes zu übernehmen.
Landesrätin Greti Schmid berichtete gestern dem sozialpolitischen Ausschuss des Landtags über die nächsten Schritte in Organisationsanalyse und Personalentwicklung. Die Jugendwohlfahrt hat in Vorarlberg mit allen Bereichen inzwischen gut 70 Mitarbeiter und die Größe eines mittelständischen Unternehmens angenommen. Seit Juli 2009 prüft eine Projektgruppe die Strukturen.
Zwar läuft seit September 2009 im Land ein Lehrgang für SozialarbeiterInnen, der geschulte Nachwuchskräfte hervorbringen soll. Auch wird das Traineeprogramm seit September 2010, das derzeit fünf Trainees durchlaufen, in den Bezirkshauptmannschaften positiv bewertet. Doch steigen die Belastungen der Jugendwohlfahrt kontinuierlich an.

Fallzahl beinahe verdoppelt

Von 2002 bis 2009 hat sich die jährliche Fallzahl in der Sozialarbeit von 1280 auf 2071 Fälle erhöht. Die Anzahl der Unterhaltsangelegenheiten hat sich hingegen mit 6938 im Jahr 2009 gegenüber 2002 nur um vier Prozent erhöht.
Bislang haben die Bezirkshauptmannschaften die Bearbeitungszeiten der Fälle nicht erhoben. Nun bringt die Projektgruppe Licht ins Dunkel. Grob gerechnet verwenden die Mitarbeiter der Jugendwohlfahrtsabteilungen 42 Prozent ihrer Arbeitszeit auf Gefährdungsabklärung, 17 Prozent für die Hilfeplanung und 19 Prozent für die Fallsteuerung. Nur 13 Prozent der Arbeitszeit gehen für Sachverständigentätigkeit und acht Prozent für Beratung drauf. Ab Mitte März soll ein neues System exakte Zeiten liefern. Aber so viel ist klar: Die Sicherung des Kindeswohls dominiert den Arbeitsalltag.
Noch eine Zahl verdeutlicht die erschreckende gesellschaftliche Entwicklung: 2002 gab das Land noch 10,494 Millionen Euro für Maßnahmen der Erziehungshilfe aus. Dieser Betrag hat sich bis 2009 um 74 Prozent auf 18,249 Millionen Euro gesteigert. Die Entwicklung der vergangenen beiden Monate hat die Lage drastisch verschärft. Nach Bekanntwerden des gewaltsamen Todes des dreijährigen Cain in Bregenz und der wiederholten Aufforderung der Behörden an die Bevölkerung, nicht tatenlos zuzusehen, wenn Kindeswohl gefährdet ist, brach über die Jugendwohlfahrt eine Flut von Meldungen herein. Wolfgang Blecha von der BH Dornbirn etwa fand „jede wert, abgeklärt zu werden“.
Auch das Vorarlberger Kinderdorf ist nach Auskunft von Geschäftsführer Christoph Hackspiel mit 30-prozentigen Fallzahlensteigerungen „an der Grenze des Leistbaren. Wir hatten schon im Vorjahr allein in Bregenz und Dornbirn 200 Neuübernahmen.“

54 Opfermeldungen – manche auch jünger

Kinder- und Jugend­anwalt Michael Rauch hat seit Mitte Jänner 54 neue Meldungen von Menschen erhalten, die nach eigenen Angaben als Kinder und Jugendliche in Heimen des Landes geschlagen oder missbraucht worden sind. Darunter habe sich kein Fall befunden, „der Anlass zu Zweifeln gegeben hat“. Das Gros der Fälle betrifft den Jagdberg. Inzwischen wurde Rauch zeitlich befristet eine Mitarbeiterin beigestellt. Neu ist, dass die Frage der Verjährung in Einzelfällen ernsthaft zu prüfen ist. Diese Fälle liegen weniger als 30 Jahre zurück. Bei der Kriminalpolizei sind laut Stefan Schlosser noch keine Anzeigen eingegangen.

Jugendwohlfahrt: Sozialarbeit

Fallzahlentwicklung im Bereich Sozialarbeit

Bezirkshauptmannschaft          2002      2009     Veränderung in Prozent
BH Bludenz                                    223        327                         47 %
BH Bregenz                                    405        630                         56 %
BH Dornbirn                                   334        605                         81 %
BH Feldkirch                                   318        509                         60 %
Gesamt                                          1280       2071                       62 %

Personalentwicklung im Bereich Sozialarbeit

Bezirkshauptmannschaft           2002       2009   Veränderung in Prozent
BH Bludenz                                    3,20        4,20                         31 %
BH Bregenz                                    4,00        6,50                        62,5 %
BH Dornbirn                                   3,50        5,70                         63 %
BH Feldkirch                                  3,50        6,00                          71 %
Gesamt                                           14,20      22,40                       57,75 %

ERZIEHUNGSHILFE

Die Kosten für Maßnahmen der Erziehungshilfe sind in den letzten Jahren angestiegen.

2002 10.494.000 Euro
2003 11.068.000 Euro
2004 12.504.000 Euro
2005 12.981.000 Euro
2006 13.978.000 Euro
2007 14.624.000 Euro
2008 16.324.000 Euro
2009 18.249.000 Euro

Landesarchive erarbeiten die Heimgeschichte

Die Landesarchive in Tirol und Vorarlberg werden gemeinsam die Geschichte der Landeserziehungsanstalten aufarbeiten. Landesrätin Greti Schmid hat einen solchen Auftrag erteilt. In Vorarlberg leitet Univ.-Prof. Dr. Alois Niederstätter das Projekt. Etliche Kinder waren lange Zeit in Heimen des jeweils anderen Bundeslandes untergebracht worden. (VN)

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