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Josef Hader: "Das ist ein kreativer Kontrollverlust"

Josef Hader: "Ich wäre mir komisch vorgekommen zu jammern."
Josef Hader: "Ich wäre mir komisch vorgekommen zu jammern." ©APA/ROLAND SCHLAGER
Am Donnerstag ist der Startschuss für das aktuelle Programm von Josef Hader gefallen. Es heißt "Hader on Ice" und hat eine Premiere hinter sich, die Jubel hervorrief. Der Kabarettist hat der APA ein Interview gegeben.
Josef Hader im 2016er-Interview
Neue Kulturveranstaltungen

Erstmals seit 17 Jahren ist Josef Hader wieder mit einem neuen Programm unterwegs. "Hader on Ice" feierte am Donnerstagabend eine viel umjubelte Premiere im Wiener Stadtsaal. Am Tag danach erklärt der Kabarettist im APA-Interview, warum er lieber wieder monologisiert, die Corona-Zeit als luxuriös erlebt hat und er das Gegenteil eines Genies ist.

APA: Sind Sie zufrieden mit dem gestrigen Premierenabend?

Josef Hader: Ich bin schon zufrieden, weil das Ziel war, möglichst bald in einen Zustand zu kommen, wo man halbwegs Spaß hat am Spielen. Das hat funktioniert. Wenn man selber Spaß hat, ist es meistens so, dass die Leute auch Spaß haben.

Sind Sie vor einer Premiere eigentlich noch nervös?

Das geht nicht weg. Das ist teilweise auch eine wichtige Sache, dass man nervös ist oder - wenn es keine Premiere ist - in einer inspirierten Anspannung. Ich glaube, wenn man auf die Bühne geht und sich denkt 'Das passt eh' oder 'Es ist wurscht', dann spielt man schlecht und hat keinen Spaß dabei.

Seit ihrem letzten Solo "Hader muss weg" sind 17 Jahre vergangen. Ist es Ihnen so schwer von der Hand gegangen?

Nein, das war eine bewusste Entscheidung, eine Zeit lang eher im Filmbereich zu arbeiten. Zuerst waren die "Brenner"-Filme, wo wir immer lange am Drehbuch geschrieben haben, und dann habe ich mir gedacht, bevor ich ein neues Programm schreibe, würde ich noch gern einen eigenen Film machen mit Drehbuch und Regie. Das dauert bei mir sehr lange, weil ich langsam bin. Nach der "Wilden Maus" war für mich immer klar: Jetzt kommt ein neues Programm.

Bei "Hader muss weg" haben Sie viele Rollen gespielt. War für Sie von vornherein klar, jetzt wieder zum Monolog zurückzukehren?

Ja. Ich wollte wieder mit den Leuten reden und einen Märchenerzähler auf der Bühne haben, einen Gschichtl-Drucker. Grad nach diesen verschiedenen Rollen im letzten Programm habe ich erst gemerkt, wie sehr mir das abgegangen ist. Denn die vierte Wand, die ich da aufgebaut habe, macht eigentlich beim Spielen nicht so viel Spaß. Es war schön, das einmal zu machen. Das war eine Art virtuoser Kraftakt. Aber jetzt bin ich sehr froh, dass ich wieder direkt mit den Leuten reden kann.

Das Bühnen-Ich, das da zwei Stunden sein Leben und seine Gedanken ausbreitet - was ist das für ein Charakter?

Der Josef Hader von diesem Programm. In jedem Programm ist der Hader eine eigene Kunstfigur. Was ich aber derzeit sehr schwer schaffe ist, das Ganze zu interpretieren wie ein Germanist. Man schreibt sich von verschiedenen Themen hin zu einer möglichst geschlossenen Sache und dann probt man, ändert noch viel, spielt es dann zum ersten Mal. Da hat man eher Angst, das selber zu interpretieren, weil der eigene Blick eventuell ein bisschen verstellt ist. Mir ist lieber, die Zuschauer interpretieren das. Im Glücksfall ist es so beim Schreiben, dass irgendwann einmal die Absichten weg sind und man ist so drinnen im Schreiben, dass man sich irgendwohin schreibt. Das ist ein kreativer Kontrollverlust. Und das Ergebnis ist vielleicht vielschichtiger, als es meine Absicht war, weshalb ich glaube, dass meine Interpretation eher einengen würde.

Wenn Sie so eine Figur bauen, hören Sie da eher in sich hinein oder beobachten sie andere?

Beides. Ich glaube, jeder Satiriker, der nur die Schwächen der anderen behandelt, ohne dass er einen Blick auf die eigenen Schwächen hat, nimmt sich die Hälfte von seinen Möglichkeiten weg. Wenn man an die ganz Großen denkt, an meine Vorbilder - Qualtinger oder Polt -, dann hat man immer das Gefühl, dass die sehr genau um die eigenen Schwächen wissen und diese sehr gut benutzen können für ihre eigenen Bühnenfiguren.

Einmal sagt Ihre Figur den Satz "Zur besten Zeit auf die Welt kommen, der nächsten Generation alles wegfressen und zur besten Zeit sterben." Ist das eine Art Kurzcharakteristik einer zukunftsvergessenen Wohlstandsgesellschaft?

Es ist die Beschreibung einer bestimmten Generation, die aufgewachsen ist mit einem Zukunftsversprechen, wonach es ihr besser gehen wird als den Eltern. Das ist bei vielen passiert. Und jetzt ist es vielen von ihnen wurscht, wie es den nächsten Generationen gehen wird. Jetzt existiert dieses Zukunftsversprechen nicht mehr. Damals dachte man, es wäre vielleicht ganz gut, wenn man alles gerechter verteilt, wenn man Menschen ermöglicht, mit nur einem Job durchzukommen, wenn man ein ordentliches Sozialsystem hat. Wir dachten uns alle, das sei eine Errungenschaft. Aber das war es nicht. Die soziale Marktwirtschaft war nur ein Werbegag nach dem Zweiten Weltkrieg, weil man Angst hatte, dass die Menschen gleich wieder in die nächste Diktatur kippen würden, wenn man nicht ein bisschen verteilt. Jetzt interessiert das niemanden mehr. Jetzt bröckeln überall die Sozialsysteme. Bildung ist wieder verteilt nach Einkommen - wie in den 50er Jahren. Es ist eigentlich ein Rückschritt. Das Blöde ist: Der Mensch lernt nur aus großen Katastrophen - und dann nur sehr kurzfristig.

Das ist aber eine recht pessimistische Sichtweise.

Das ist einfach realistisch. Wir können doch nicht ernsthaft in der Schule 1000 Jahre Menschheitsgeschichte lernen und dann glauben, innerhalb von ein paar Jahrzehnten wird alles besser und alle Menschen wären gescheiter geworden und es gibt in Zukunft keine Pandemien, Kriege und Katastrophen mehr. Warum sollte das plötzlich aufhören? Nur weil gerade Gegenwart ist? Ich persönlich ziehe daraus eigentlich keine Depression, sondern eher eine gewisse Gelassenheit.

Wie haben Sie eigentlich die Corona-Zeit erlebt?

Sehr luxuriös. Ich habe 2019 beschlossen, dass 2020 ein reines Schreibjahr wird. Dadurch habe ich kaum gelitten. Blöd gesagt, war Corona für mich eher eine Konzentrationshilfe.

Wir sitzen hier im Kaffeehaus - ein Ort, an dem Sie ja gerne schreiben. Das war jetzt monatelang nicht möglich.

Das stimmt. Aber ich habe daheim einfach ein Zimmer zum Kaffeehaus gemacht. Das war nicht ideal, aber das sind Luxusprobleme.

Hatte Corona eigentlich Einfluss auf den Programminhalt oder die Figurenzeichnung?

Gar nicht so stark, weil ich mir 2019 dachte, ich würde gern diese verrückte Zeit beschreiben, in der alles gerade ein bisschen aus den Fugen gerät. Es war vor Corona ja auch schon so, dass man sich gedacht hat, irgendwie bricht gerade diese ganze Nachkriegsordnung zusammen und erstaunliche neue Dinge kommen auf. Deshalb musste ich das Thema gar nicht groß abwandeln.

Wird Corona die Gesellschaft weiterbringen - etwa im Hinblick auf die Klimakrise?

Es wäre natürlich ein super Modell für die Klimakrise, wie wir in der Coronakrise plötzlich fähig waren, Dinge umzustoßen, die als unumstößlich gegolten haben. Ob das passiert, weiß kein Mensch. Aber ich denke, man kann insofern Grund zur Hoffnung haben, als der Mensch bisher immer noch mit allem zurechtgekommen ist.

In der Krise wurde immer wieder der Umgang mit Künstlerinnen und Künstlern kritisiert. War das für Sie ein Thema?

Ich wäre mir komisch vorgekommen zu jammern. Ich hatte persönlich wie gesagt wenig Nachteile. Ich weiß natürlich von Kolleginnen und Kollegen, von Bühnentechnikern, von freiberuflichen Agenten, die wirklich kämpfen mussten. Aber angesichts von fünfköpfigen Familien, die auf 50 Quadratmetern leben müssen, wollte ich ehrlich gesagt nicht die Papp'n aufreißen.

Was können Sie denn über Ihr aktuelles Filmprojekt "Andrea lässt sich nicht scheiden" schon sagen?

Nicht viel. Es ist eine Landgeschichte, die Geschichte einer jungen Polizistin. Ich werde eine wichtige Nebenrolle spielen. Wenn alles gut geht, wird im nächsten Frühsommer gedreht.

Wie geht's beim Schreiben voran?

Eh. Aber es ist halt immer so: Wenn man eine Fassung geschrieben hat, denkt man sich: 'Pfau, wie geil ist das denn' und dann schaut man nach ein paar Monaten wieder drauf und denkt sich, da gebe es noch einiges zu machen. Ich bin eigentlich das Gegenteil eines Genies. Ich brauche immer sehr viele Fassungen, bis ich das Gefühl habe, es wird langsam.

Muss die Filmarbeit in den nächsten Jahren zugunsten des Kabaretts mehr hintanstehen?

Es geht beides. Ich kann inzwischen nicht mehr sagen, ich spiele jetzt wieder zehn Jahre nur Kabarett und mache dann wieder Film. Das geht mit meinem Lebensalter nicht mehr.

Darf man davon ausgehen, dass das nächste Hader-Solo vor 2038 kommt?

Sollte schon so sein. Sonst muss ich liegend aus einem Bett heraus spielen.

(Das Interview führte Thomas Rieder/APA)

(APA/Red)

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