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Je suis Karl - Kritik und Trailer zum Film

Plötzlich ist im Leben von Maxi nichts mehr wie es war. Ein Anschlag in Berlin stürzt die Schülerin und ihren Vater in eine tiefe Krise. So beginnt das Drama "Je suis Karl". Der Film erzählt davon, wie Rechtsextremismus und Radikalisierung in unserer heutigen Zeit aussehen können. Als Maxis Leben zu zerbrechen droht, lernt sie den aufmerksamen Karl kennen. Er nimmt Maxi mit in eine Welt, deren Abgründe sich erst langsam auftun.

Die Verwandlung einer jungen Frau aus linksalternativem Haus in eine Rechte - dies zeigt Christian Schwochow im Politthriller "Je suis Karl". Diese Transformation ist schnell geschnitten, cool gehalten und hat große, unpathetische Momente. Leider vertraut der Regisseur trotz guten Ensembles und starker Bilder zu wenig auf seinen detaillierten Blick, sondern gleitet immer wieder ins Plakative ab. Nach der Weltpremiere bei der Berlinale kommt der Film nun am Freitag ins Kino.

Je suis Karl - Kurzinhalt zum Film

Ein Bombenattentat in einem typischen Berliner Stadtviertel mit mehreren Toten erschüttert die Stadt, vor allem aber auch das Leben von Maxi (gespielt von der jungen Schweizerin Luna Wedler), die bei dem Anschlag ihre Mutter, ihre kleinen Zwillingsbrüder und ihr Zuhause verloren hat. Neben ihr hat einzig Vater Alex (Milan Peschel) überlebt, der an dem Verlust jedoch zu zerbrechen droht. Der ebenso sensible wie starke Karl (Jannis Niewöhner), den sie auf der Flucht vor der Boulevardpresse kennenlernt, ist da für Maxi ein Anker, ein Fluchtpunkt aus dem Trauma, der ihr neuen Lebensmut gibt.

Karl ist jedoch nicht so harmlos, wie er scheint. Unter dem Label ReGeneration ist er einer der Protagonisten einer rechten, paneuropäischen Jugendbewegung, die den Kontinent verändern will, in dem sie keinen Platz für Flüchtlinge oder Muslime sieht. Ihr Ziel ist die Machtergreifung, und dazu ist ihr letztlich jedes Mittel recht. Langsam wird die verletzte Maxi in deren Bann gezogen. Somit stellt "Je suis Karl" gleichsam das Pendant zu "Und morgen die ganze Welt" dar, bei dem Julia von Heinz den Weg einer jungen Frau in die gewaltbereite Antifa nachzeichnet.

Je suis Karl - Die Kritik

Schwochow, der zuletzt bei der Lenz-Verfilmung "Die Deutschstunde" in ruhigen, weiten Bildern Tobias Moretti mit dem Erstarken des Nationalsozialismus konfrontierte, weiß dabei durchaus subtil, den Reiz rechter Welterklärung in neuem Gewand zu inszenieren. Im schnellen Rhythmus wie ein Videospiel geschnitten, porträtiert er eine aufstrebende, fanatisierte Gemeinschaft. Man ist polyglott, die Konfliktlinien finden sich nicht mehr zwischen den europäischen Nationen, sondern werden nach außen verlegt. Man ist cool, gut aussehend, rassistisch. Zwischen NSU und Identitären positioniert, bewegen sich die ReGeneration-Aktivistinnen und -Aktivisten durch das Netz, drehen Propagandavideos im neuen Duktus und streamen sich europaweit zusammen. ReGeneration ist modern im mehrfachen Sinne.

Das Problem scheint, dass "Je suis Karl" seiner eigenen Verführungskraft misstraut und von anfänglicher Subtilität schnell abweicht und dabei selbst auf mögliche Suspensemomente der Geschichte verzichtet. Differenzierte Blicke weichen alsbald klarer Schwarz-Weiß-Zeichnung, die Bösen sind Erzböse, die Guten haben die wahren menschlichen Werte. Die Stärken der Personenzeichnung liegen denn auch auf den herzlichen Menschen wie Maxis Vater, dargestellt vom wie immer großartigen Milan Peschel. Teils gelingen hier schmerzhaft realistische Szenen der Trauer, die an die Arbeiten von Andreas Dresen gemahnen. Schwochow hält die Kamera lange auf Personen, lässt ihren Gefühlen Raum, während handlungsvorantreibende Passagen nur angedeutet werden.

Die Antagonisten, darunter der Wiener Marlon Boess in einer Nebenrolle, bleiben da hingegen eher flach, während sich Schwochow im Impetus der Anklage noch zu einem actiongeladenen Finale hinreißen lässt, welches das zuvor Aufgebaute hinter sich wieder einreißt. Immerhin gelingen ihm und seinem Kameramann Frank Lamm am Ende wiederum ein berührend-schönes Schlussbild. Das kann jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr alles wettmachen.

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(APA/Red)

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