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Internationale Pressestimmen zur US-Wahl

Zeitungen in aller Welt beschäftigen sich am Mittwoch mit der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten der USA.

“NZZ Online” (Zürich):

“Eine neue Ära in Amerika. (…) Historisch ist der Wechsel schon deshalb, weil am 20. Jänner auf den Stufen des Kapitols in Washington erstmals ein Afroamerikaner den Amtseid als Präsident ablegen wird. (…) Viele Weiße haben Obama mit Zuversicht die Stimme gegeben, weil er seine Hautfarbe nicht zum politischen Programm erhob und den anklägerischen Ton traditioneller schwarzer Politiker vermied. (…) McCain dagegen wirkte in der Finanzkrise orientierungslos und schwächte damit seine Statur als der politisch erfahrenere Kandidat. Einen Fehler beging der Republikaner auch mit der Ernennung Sarah Palins zur Vizepräsidentschaftskandidatin. (…)”

“Amerika hat eine politische Erneuerung dringend nötig, und in diesem Sinne bringt der Sieg Obamas eine willkommene Blutauffrischung. Aber mit seiner Wahl wagen die Amerikaner einen Sprung ins Ungewisse. Die mangelnde Erfahrung des Demokraten hat sich in der Kampagne wiederholt gezeigt. Wie der Gewählte regieren wird, bleibt eine offene Frage. Sein Charisma wird ihm im Amt helfen, aber nicht ausreichen, um konkrete Herausforderungen wie die Sicherung der Altersvorsorge oder die Stabilisierung des Iraks zu bewältigen.”

“Tagesanzeiger Online” (Zürich):

“Bereits mit seiner Wahl hat Barack Obama viel getan, um den ramponierten Ruf der USA aufzupolieren. (…) Es ist kein Zufall, dass offenbar so viele junge Wähler für den Senator aus Illinois gestimmt haben. Sie wurden mobilisiert durch Aufrufe im Internet, das Obama im Wahlkampf brillant genutzt hat (…) Barack Obama tritt nach seiner Vereidigung am 20. Jänner 2009 ein schweres Erbe an: eine Wirtschaft in Rezession, Kriege im Irak und in Afghanistan, eine wachsende Staatsschuld, ein marodes Gesundheitssystem. Mehr als 80 Prozent der Amerikaner glauben heute, dass ihre Nation auf dem falschen Wege ist. All seine Wahlversprechen wird er folglich kaum halten können, obwohl gerade unter Afroamerikanern die Erwartungen an den neuen Präsidenten riesig sind. (…)”

“Le Temps Online” (Genf):

“Die Amerikaner haben dem ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten nicht nur einen Sieg, sondern einen Triumph beschert. (…) Seine Botschaft ans Ausland lautete, dass die Vereinigten Staaten nicht wegen ihrer militärischen Stärke oder ihrem Bruttoinlandsprodukt mächtig sind, aber wegen ihrer Ideen. (…) Der amerikanische Traum hat sich an diesem 4. November wieder entzündet. In dem Moment, wo er uns am nötigsten erschien.”

“The Daily Telegraph” (London):

“Obama wird als erster schwarzer Präsident gefeiert, doch es ist seine gemischtrassige Abstammung, die der Schlüssel zu seinem Charakter ist. Er hat sich nicht über seine Rasse identifiziert, was immer in eine politische Sackgasse führt, sondern hat die Werte betont, die alle Amerikaner unabhängig von ihrer Abstammung miteinander verbinden. Obama könnte Amerikas Sicht von sich und die Sicht der Welt über Amerika verändern, die selten so schlecht war. Barack Obama, 47, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kann das Ansehen seines Landes als Kraft für das Gute in der Welt wiederherstellen: das ist die wichtigste Veränderung, die er herbeiführen kann.”

“Berliner Morgenpost”:

Der historische Sieg Barack Obamas ist mehr als ein Machtwechsel. 146 Jahre nach der Sklavenbefreiung wird ein schwarzer Amerikaner Präsident der Vereinigten Staaten. Der Makel, das einzige christliche Land gewesen zu sein, in dem Sklaven gehalten und gehandelt wurden, ist endgültig überwunden. Obamas Erfolg beruht auf vielen neuen Ideen. Er hat Reden gehalten, die auch die (George W.) Bush-kritischen Amerikaner stolz auf ihr Land machten. Er sorgte mit seinem ruhigen Auftreten dafür, dass das Bild von politisch aktiven Schwarzen als leicht erregbaren, oft radikalen Menschen in den Hintergrund trat. Ein solches Bild hatten andere schwarze Kandidaten vor Obama mit flammenden Reden eher verstärkt, als es abzubauen.

(…) Barack Obama ist erfinderisch, und auf seinen Schultern trägt er eine große Last. Er darf nicht scheitern, er darf nicht einmal einen schweren Fehler machen. Wenn Obama scheitert, beschädigt er für eine lange Zeit den Ruf der amerikanischen Schwarzen. Hat er hingegen Erfolg und führt Amerika aus der Krise, wird er nach George Washington und dem Sklavenbefreier Abraham Lincoln als dritter Gründervater Amerikas in die Geschichte eingehen.”

“WAZ” (Essen):

Bis zu 85 Prozent der Befragten in Deutschland haben sich Barack Obama als nächsten US-Präsidenten gewünscht. Das bedeutet nicht etwa, dass all diese Menschen so begeistert sind von Obamas politischem Programm (das die meisten so genau auch gar nicht kennen), das bedeutet schlicht: Die Deutschen – wie fast alle Europäer – wünschen sich einen vermeintlichen Anti-Bush an die Spitze der einzigen Supermacht; sie wünschen sich einen Gegenentwurf zu jenem grobschlächtigen Texaner, der nicht nur in den USA inzwischen als der schlechteste Präsident aller Zeiten gilt. Und wer wäre ein besserer Anti-Bush als dieser jungenhafte 47-Jährige?: Schwarz. Gut aussehend. Eloquent. Charmant.

Ohne die tiefe Abneigung, ja Verachtung gegenüber Bush, keine derart hemmungslose Begeisterung für Obama. (…) Bei aller Freude: Auch der neue US-Präsident wird zuerst hart die Interessen seines Landes vertreten; auch er wird den Irak-Krieg nicht sofort beenden; er wird sogar mehr deutsche Truppen für Afghanistan einfordern; er wird weiterhin unter enormem Einfluss jener Industrie-Lobby stehen, die Umweltschutz für Geldverschwendung hält. Leicht wird es auch mit dem neuen Präsidenten nicht werden. Aber: hoffentlich deutlich besser als mit Bush.”

Paris (Oslo/Mailand/APA/dpa) “Libération” (Paris):

“Bei dieser Wahl wird ein französisches Vorurteil über die Amerikaner weggefegt: Alle vier Jahre beklagen wir die schwache Wahlbeteiligung in den USA. Doch das ist ein Klischee. Angesichts einer historischen Herausforderung und dank der technologischen Erneuerungen des Internets haben wir eine beispielhafte Mobilisierung der amerikanischen Wähler erlebt. Es gab beeindruckende Warteschlangen vor den Wahllokalen und auch die Begeisterung, die sich bei dieser Wahl äußerte, war außergewöhnlich. Wir mussten auch unsere Meinung über amerikanische Vorurteile revidieren. Erstmals wurden ein Afroamerikaner und eine Frau als Kandidaten für das höchste Staatsamt aufgestellt. Es scheint, als könnte Amerika uns eine Lektion in Demokratie erteilen.”

“Aftenposten” (Oslo):

“Am Tag nach den Präsidentschaftswahlen hoffen viele, dass wir vor einer neuen Ära im Verhältnis zwischen den USA und dem Rest der Welt stehen. Die Haltung gegenüber diesem Land gehört zu den Paradoxien in der internationalen Politik. Misstrauen und Pessimismus wechseln einander mit Vertrauen und Optimismus ab. Leider haben die Jahre mit George W. Bush starke Frustration nicht zuletzt in Europa erzeugt. Vor allem seine erste Amtszeit war von außenpolitischen Alleingängen geprägt, die zu einer schweren Belastung im Verhältnis zu vielen Freunden geführt haben. Heute gilt es, den Blick nach vorn zu richten. Ein US-Präsident muss natürlich in erster Linie die Interessen seines eigenen Landes berücksichtigen. Aber das bedeutet nicht dasselbe wie eine komplette Abmeldung. Die Welt braucht die USA als konstruktiven Mitspieler bei der internationalen Zusammenarbeit in allen Bereichen.”

“Corriere della Sera” (Mailand):

“Barack Obama, zu Beginn seines Wahlkampfs als der neue (John F.) Kennedy gepriesen, hat die Ziellinie dann im Trikot des ‘schwarzen (Franklin D.) Roosevelt’ überschritten – als der Mann, der Amerika mit einem New Deal vor dem Zusammenbruch retten kann. (…) Er hat sogar die Finanzwelt auf seine Seite gezogen, was überraschen mag, denn der demokratische Frontmann will den Gewerkschaften mehr Macht geben und beabsichtigt, dem freien Handelsverkehr Zügel anzulegen. Im Grunde hatte aber auch Roosevelts Politik in den 1930er Jahren viel Zeit darauf verwendet, für Arbeitsplätze zu sorgen, und war gleichzeitig ein Allheilmittel für die Börse. Verstört durch die Krise hungert das heutige Amerika jedenfalls nach Sicherheit, es will sehen, dass es ein Projekt gibt, einen Weg. Diesen hatte Obama den Amerikanern rechtzeitig vorgegeben, während John McCain im Wahlkampf noch sein Drehbuch ändern musste.”

Ljubljana (Perpignan/Tours/APA/AFP) “Delo” (Ljubljana/Laibach):

“Der Alte Kontinent zeigt solche Begeisterung für Barack Obama, als ob er ein Erlöser für die transatlantische Beziehungen sein würde. Aber zu revolutionären Veränderungen wird es nicht kommen. Nach zwei Amtsperioden eines republikanischen Präsidenten und fünf Jahre nach dem US-Angriff an Irak ist die große Erwartung mit dem europäischen Wunsch nach veränderten europäisch-amerikanischen Beziehungen verbunden. Trotz verschiedener außenpolitischer Standpunkten des Demokraten Barack Obama und des Republikaners John McCain, den die Mehrheit der Europäer als eine Kontinuität des unpopulären (George W.) Bush wahrnimmt, sind die Unterschiede zwischen ihnen kleiner als es scheint. Die außenpolitische Form wird sich verändern, da Obama mehr einer Zusammenarbeit als den Konflikten zugeneigt ist, es stellt sich aber die Frage, inwiefern sich der außenpolitische Inhalt ändern wird.”

“L’Indépendant du Midi” (Perpignan):

“Alle Staatsmänner werden irgendwann enttäuschen, ob sie rechts oder links sind. In Schwierigkeiten zeigen sie ihren wahren Wert, und der hat nichts mit der Hautfarbe zu tun. Sie brauchen Zeit und müssen zu überzeugen wissen, wenn die Ungeduld zunimmt. Das Amerika von Bush (…) ist noch immer eine starke reaktionäre Kraft. Aber heute morgen hat ein neues Amerika sein Gesicht gezeigt. Ein Gesicht, von dem man hofft, dass es sich der Welt gegenüber weniger verschlossen zeigt, weniger arrogant sein könnte.”

“La Nouvelle République du Centre-Ouest” (Tours):

“Nie seit Franklin Delano Roosevelt und seinem ‘New Deal’ (das war 1933!) war ein amerikanischer Präsident vor solchen Herausforderungen gestanden. Acht Jahre Bush haben das Image, die Außenpolitik und die Wirtschaft der Vereinigten Staaten vollkommen beschädigt. Angeschlagen durch den 11. September, erniedrigt im Irak, verängstigt durch die Gespenster von 1929 weiß die wichtigste Nation der Welt, dass sie eine Erneuerung braucht. Und schnell, weil die Finanzkrise die Karten neu verteilt. Die Last der Verantwortung, die auf dem neu Gewählten lastet, ist folglich gewaltig.”

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