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Immunität als elementarer Weg aus der Corona-Krise?

Weltweit beschäftigen sich Forscher mit der Corona-Krise. Univ.-Prof. Dr. Stadelmann rückt die Suche nach immunen Menschen in den Fokus.
Weltweit beschäftigen sich Forscher mit der Corona-Krise. Univ.-Prof. Dr. Stadelmann rückt die Suche nach immunen Menschen in den Fokus. ©Sams | APA
WANN & WO sprach mit dem gebürtigen Wälder Ökonom Univ-Prof. Dr. David Stadelmann über sein für Schlagzeilen sorgendes, kontroverses Modell eines schnellstmöglichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einsatzes von immunen Menschen während der Krise.
Weist uns ein Vorarlberger den Weg aus der Krise?

von Joachim Mangard/Wann & Wo

WANN & WO: Wie beurteilen Sie die Maßnahmen der österreichischen Regierung im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?

David Stadelmann: Man muss zwischen kurz- und langfristigen Zielen unterscheiden. Kann man die Epidemie überhaupt langfristig eindämmen? Aktuell beschäftigten wir uns mit der rapiden Eindämmung, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern oder wenigstens zu verlangsamen. Jetzt geht es darum, potenzielle Spitzen im Gesundheitssystem zu vermeiden. 

WANN & WO: „Die Wirtschaft wird an die Wand gefahren“ – wie stehen Sie zu diesem Einwand?

David Stadelmann: Wir wissen, dass wir im Vergleich zu anderen Ländern ein gutes Gesundheitssystem aufweisen. Aktuell können wir die Maßnahmen noch gut verkraften, insofern, dass man die Spitzen der Ausbreitung in den Griff bekommt. Dann könnten die Restriktionen auch schrittweise nach einiger Zeit zurückgefahren werden. Auf lange Sicht sind die Folgen für unsere Wirtschaft schwer einzuschätzen. Deshalb sollte man sich, auch wenn dies in der aktuellen Situation vor dem Peak vielleicht diskutabel erscheint, schnellstens mit Exit-Strategien beschäftigen.

WANN & WO: Die rapide Ausbreitung von Covid-19 beruht auch auf den Folgen der Globalisierung. Inwiefern wird lokales Wirtschaften während und nach der Epidemie an Bedeutung gewinnen?

David Stadelmann: Nach der gängigen Meinung stammt das Virus aus China. Das heißt aber keinesfalls, dass man die Globalisierung verteufeln sollte. Sie kann auch zum Schlüssel für dieses weltweite Problem werden. Die Chinesen, Russen oder sogar Kubaner leisten gerade jetzt in Italien wertvolle Hilfestellung. Forscher weltweit arbeiten an einer Lösung und vernetzen sich, um einen Impfstoff oder mögliche Exit-Strategien zu entwickeln. Für den lokalen Handel ist der „Lockout“ natürlich ein „Worst-Case“-Szenario. Gleichzeitig zeichnen sich aber jetzt schon viele innovative Lösungsansätze ab. In der Schweiz haben wir vorgeschlagen, dass den kleinen Einzelhändlern als Direktmaßnahme die Versandkosten ersetzt werden. Ein weiterer Vorschlag von uns war, dass Wirte ihre Strukturen nützen könnten, um weiter zu kochen und die Menschen mit Mahlzeiten zu versorgen, die in Form vom Hilfspaket querfinanziert werden, beispielsweise in Form von Essensbons.

WANN & WO: Solidarität ist derzeit in aller Munde. Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der europäischen Union in Relation zu den Maßnahmen der einzelnen Mitgliedsstaaten?

David Stadelmann: Aktuell erfahren wir drastische Einschränkungen der persönlichen Freiheit, wie beim Personenverkehr. Die europäischen Nationen agieren individuell, was auch dem Nationalismus Aufschwung verschaffen könnte. Wir sollten aber nicht auf einen europäischen Schulterschluss hoffen. Es braucht robuste Exit-Strategien, die auch regional umsetzbar sind.

WANN & WO: Zusammen mit Reiner Eichenberger (Ökonom) und Rainer Hegselmann (Philosoph) haben Sie ein Strategiepapier formuliert, in dem das enorme Potenzial der Menschen, die Corona-Immunität erlangt haben, in den Mittelpunkt gerückt wird. Welche Rolle spielen dabei die diskutierten Immunitäts-Zertifikate?

David Stadelmann: Unser Grundgedanke fußt darauf, dass Immunität als individuelle Ressource im Kampf gegen Corona angesehen werden sollte. Es gibt bereits Berichte von Immunen, die beispielsweise im Gesundheitssektor Verwendung finden könnten. Jetzt gälte es, diese zu suchen, zu finden und mittels Attest zu zertifizieren, um sie sinnvoll einzusetzen. Immunität ist nicht zu 100 Prozent garantiert. Es kann sein, dass man nochmals erkrankt, oder weiterhin den Erreger in sich trägt. Allerdings ist es weniger wahrscheinlich, was diese Menschen während der Krisenzeit so wertvoll macht – in der Altenpflege würde es also Sinn machen, jene einzusetzen, welche die Krankheit bereits überstanden haben. Solange kein Impfstoff existiert, sollten wir den Fokus auf Immune legen. Zumal sie auch für die Forschung auf der Suche nach den Antikörpern extrem wertvoll sind.

WANN & WO: Die These sorgt teilweise für massive, ethische Kritik, gerade in Hinblick auf „gelenkte Durchseuchung“ und der gesellschaftlichen Einteilung in „Immune“ und „Nicht-Immune“. Wie stehen Sie zu den Vorwürfen?

David Stadelmann: Unser Ziel ist es, den Menschen immer in den Mittelpunkt zu stellen. Daher geht es uns darum, Leben zu schützen. Der Einsatz von immunen Menschen im Bereich der Pflege schützt Menschenleben. 

WANN & WO: Schweizer Mathematiker arbeiten ja bereits an einem umsetzbaren Modell. Wo könnte es zum Einsatz kommen?

David Stadelmann: Die Berechnungen von Mathematikern und Biologen zeigen, dass eine klug gelenkte Infektion einer beschränkten Anzahl von Personen mit geringem Risiko und der darauffolgende gezielte Einsatz dieser Personen für die Pflege von Hochrisikogruppen sinnvoll sein kann. Wichtiger ist jedoch zu verstehen, dass die Immunität eine Exit-Strategie darstellt, damit die gesamtgesellschaftlichen Folgen der Krise nicht größere Schäden verursachen, als die Gesundheitsfolgen durch das Virus.

WANN & WO: Welche Ressourcen gewinnen außerdem an Bedeutung?

David Stadelmann: Auch die Wirtschaft ist ein Organismus. Irgendwann droht aufgrund der Isolationsmaßnahmen ein Zusammenbruch, was auch zu einem Staatskollaps führen könnte. Massive, kurzfristige Investitionen wie die schnellstmögliche Produktion von Masken, Desinfektionsmitteln oder den benötigten Beatmungsgeräten und die Vorbereitung auf den „Peak“ sind im Vergleich dazu geringe Kosten. Auch hier gilt es, Ressourcen richtig zu nutzen, wie etwa die Installation von Krankenbetten in Hotels, wie dem Intercontinental in Wien. Oder auch der Verbund der Vorarlberger Textilunternehmen, die jetzt Masken produzieren. Kurzfristige Aufstockung des Personals im Laborbereich, um Tests schneller abzuwickeln – ausgestattet mit Verträgen auf Zeit, die trotzdem das Prinzip der Fairness beinhalten, halte ich für sinnvoll. Das benötigt etwas Zeit, aktuell wahrscheinlich eine der wichtigsten Ressourcen.

WANN & WO: Angesichts der Übertragung des Virus durch Tröpfcheninfektion – wird die maschinelle und automatisierte Produktion durch Corona einen ungeahnten Schub erfahren?

David Stadelmann: Ich habe schon von Robotern gehört, die Test abwickeln sollen – hier bin ich aber nicht vom Fach. Ich glaube aber, die Automatisierung kommt so oder so, ungeachtet der Auswirkungen der Krise. Neben den Folgen des Infekts müssen wir unser Augenmerk auf die psychischen Folgen für unsere Gesellschaft richten. Die Folgen des Virus auf unseren sozialen Verbund sind nicht absehbar, aber mindestens gleich gefährlich wie die rein gesundheitlichen. Das Virus darf nicht unsere Gesellschaft „anstecken“.

WANN & WO: Das Image von Berufen wie im Gesundheits- und Pflegewesen oder im Lebensmittelbereich erfährt zurecht eine ungeahnte Aufwertung. Glauben Sie, dies wird sich nach der Krise auch am Arbeitsmarkt widerspiegeln?

David Stadelmann: Ich denke, ein Großteil der Bevölkerung hat diese Berufe auch vorher schon geschätzt, zumindest gesellschaftlich. Es gilt nun aber auch, diese Wertschätzung finanziell zum Ausdruck zu bringen. Denn diese Menschen setzen täglich ihr Leben aufs Spiel, bis dato nicht unbedingt eine Qualifikations-Anforderung im Lebensmittelhandel.

WANN & WO: Wie lange können sich die Regierungen solche Hilfspakete oder Kurzarbeitsmodelle leisten? Und ab wann wird das von Ihnen angesprochene Exit-Szenario unausweichlich?

David Stadelmann: Eine Exit-Strategie ist so oder so notwendig, denn keiner will in dieser Situation auf Dauer verharren. Ob man sich dies auf längere Sicht leisten kann, hängt davon ab, wie schnell wir ein Ausweg-Modell implementieren können. Irgendwann müssen die vorgestreckten Gelder wieder erwirtschaftet werden. Mit Fortdauer des Stillstands sinkt die Glaubwürdigkeit, diese Finanzvorleistungen zurückzahlen zu können. Und daraus könnte ein Kollaps, ähnlich der Finanzkrise, folgen. Unser Modell könnte diesbezüglich in diese Diskussion einfließen. Aktuelle Ansätze basieren auf einer geringen Datengrundlage. Aufgrund des Verlaufs der Krankheit, die beispielsweise an Jüngeren teilweise unbemerkt vorbeizieht, brauchen wir flächendeckende Tests. Einerseits, um uns ein besseres Bild von Covid-19 und des Verlaufs zu machen und andererseits, um Menschen zu finden, die Immunität aufgebaut haben.

WANN & WO: Welche Chancen birgt die Krise?

David Stadelmann: Wenn man aus der Krise herauskommen will, muss man lernen, Zielkonflikte öffentlich anzusprechen. Wie hoch ist die Bereitschaft, auf unseren Wohlstand oder persönliche Freiheit zu verzichten, um uns im Gegensatz vor weiteren Infektionen zu schützen? Integrativer Bestandteil dieser Diskussion wird die Stimme der älteren Bevölkerung sein, die einem besonders hohen Risiko ausgesetzt ist.

Zur Person

Herkunft, Geburtstag: Sibratsgfäll, 10. Juni 1982
Familienstand, Wohnort: Verheiratet, Bayreuth
Beruf, Funktion: Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth (2013), zahlreiche Auszeichnungen wie Vorarlberger Wissenschaftspreis, Ludwig-Erhard-Preis,...

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