"Impfdurchbrüche": 4 von 1000 Menschen betroffen

Impfreferent Dr. Robert Spiegel im VOL.AT-Interview über Impfdurchbrüche, Winter-Prognosen und Herdenimmunität.
Impfreferent Dr. Robert Spiegel im VOL.AT-Interview über Impfdurchbrüche, Winter-Prognosen und Herdenimmunität.
Vollimmunisiert und trotzdem auf der Covid-Station? VOL.AT sprach mit Impfreferent Dr. Robert Spiegel über schwierige Prognosen für den Winter, wenn wir nicht eine Impfquote von 80 Prozent erreichen.

VOL.AT: Als Impfreferent der Vorarlberger Ärztekammer: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

Dr. Robert Spiegel: Nicht gerade beruhigend. Wir sind mit steigenden Inzidenzzahlen und Spitalsbelegungen konfrontiert und stehen vor der „Indoor Saison“. Die Durchimpfungsrate ist mangelhaft. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr gibt es heuer bereits jetzt verstärkt Influenza-Ausbrüche, zum Beispiel in Kroatien. Lokal macht sich eine Häufung von RS-Viren (Respiratorische Syncytial-Virus) bemerkbar.

VOL.AT: Aktuell häufen sich Meldungen von Vollimmunisierten, die auf den Covid-Stationen landen. Skeptiker nutzen dies gerne als Argument gegen die Impfung. Worauf sind „Impfdurchbrüche“ zurückzuführen?

Dr. Robert Spiegel: Einerseits bietet keine Impfung einen 100-prozentigen Schutz, andererseits bauen Personen mit bestimmten, schweren Grunderkrankungen eine zu geringe Immunantwort auf, die zu einer Reinfektion führen kann.

Alle Daten, auch die in Vorarlberg zeigen aber, dass rund 10 Prozent der intensivpflichtigen aktuellen Covid-Erkrankten auf einer Intensivstation geimpft oder teilgeimpft sind und in die oben beschriebenen Krankheitsbilder fallen. 90 Prozent der COVID-intensivpflichtigen Patienten sind nicht geimpft. Das zeigt die Wirksamkeit und das Schutzpotential der Impfung, auch wenn es nicht so wahrgenommen werden will. In Österreich kommen aktuell auf 1000 vollständig geimpfte Personen 4 Impfdurchbrüche. 

VOL.AT: Ärzte warnen vor einer bevorstehenden, verstärkten, herkömmlichen Grippewelle. Woran liegt das, wie können wir uns schützen?

Dr. Robert Spiegel: Wir haben bereits einen Influenzaausbruch in Kroatien, inwieweit die Grippesaison uns treffen wird, ist nicht vorhersehbar, aber wir beobachten bereits jetzt im Gegensatz zum vergangenen Herbst einen Anstieg banaler Infekte. Gegen die herkömmliche Grippe schützt wiederum die saisonale Impfung, die gerade älteren Menschen, aber auch Kindern in Form eines Nasensprays sehr anzuraten ist. Diese kann zeitnah zur Covid-19-Impfung verabreicht werden.

VOL.AT: Wie sind Sie generell mit dem Impffortschritt zufrieden?

Dr. Robert Spiegel: Gar nicht – für geimpfte Personen hat die Impfung eine sehr gute individuelle Schutzwirkung. Für das Ansteckungsgeschehen und die Auswirkung auf unsere Gesellschaft benötigen wir aber eine Durchimpfungsrate von 80 Prozente. Dazu fehlen uns aktuell leider noch viele Tausende Vorarlberger, was wiederum die Aussichten, zur „Normalität“ zurückkehren, vermindert. 

VOL.AT: Wie stehen Sie zum Vorschlag, flächendeckender Antikörpertestungen. Ergibt das überhaupt Sinn?

Dr. Robert Spiegel: "Testen, Tracen, Impfen" – sind die drei Säulen der Eindämmung. Zumindest für die kommende Winterzeit halte ich es für sinnvoll, möglichst viel zu testen, nicht nur symptomatische Patienten, auch anlassbezogen wie zum Beispiel vor Meetings, privaten Treffen oder Betriebsfeiern.

"Durchimpfungsrate von 80 Prozent verhindert System-Überlastung"

VOL.AT: Wieso sollte man sich generell impfen lassen, wieso ist der dritte Stich so wichtig?

Dr. Robert Spiegel: Es gibt zwei Gründe, sich impfen zu lassen: Zunächst bietet die Impfung einen sehr guten individuellen Schutz, nicht oder nur sehr milde an Covid-19 zu erkranken. Und dann führt die Impfung, vorausgesetzt wir schaffen eine hohe Durchimpfungsrate von 80 Prozent, zu einem gemeinsamen Schutz, damit trotz Covid-19 die Gesundheitssysteme nicht überlastet werden, so wie wir das im letzten Winter erlebt haben. Das ermöglicht uns ein Leben ohne nennenswerte Restriktionen. Zum dritten Stich: Die Impfungen werden international ja laufend monitorisiert, nachuntersucht und beurteilt. Es zeigt sich, dass die immunologische Antwort auf die Impfung ab dem 6. Monat, unterschiedlich nach dem jeweiligen Impfschema nachlässt, wiederum vermehrt auf Alter und auf die Deltavariante bezogen bei den Vektorimpfstoffen. Umgekehrt zeigen neue Daten, dass eine dritte Auffrischungsimpfung einen deutlich höheren Schutz bringt (Effektivität bei 95 Prozent). Personen über 65 Jahren, grunderkrankten Patienten, aber auch Personen aus Medizin und Lehrberufen wird eine dritte Impfung nach 6 Monaten ab der Zweitimpfung dringend angeraten, gesunden Personen soll sie ab dem 9. Bis 12. Monat angeboten werden. Zudem werden Personen, die mit dem Einmal-Impfstoff Johnson geimpft sind, schon nach 28 Tagen eine Auffrischung empfohlen.

VOL.AT: Wie beurteilen Sie den Fortschritt bei der Zulassung der Impfung für Kinder?

Dr. Robert Spiegel: Ich rechne mit einer Zulassung in den nächsten Wochen.

VOL.AT: Der österreichisch-französische Konzern Valneva berichtet über positive Studienergebnisse eines herkömmlichen, Totimpfstoffes. Ab wann könnte dieser zugelassen werden? Könnte dieser Impfstoff ein „Gamechanger“ werden, um auch die letzten Impfgegner zu überzeugen?

Dr. Robert Spiegel: Ob Lebend-, Tot- oder RNA-Impfstoff, ich denke nicht, dass sich Impfgegner überhaupt überzeugen lassen. Aber ein konventioneller Impfstoff mit guten Daten wäre sicher hilfreich. Sollte Valneva eine EMA-Zulassung bekommen, wäre es eine hochwillkommene Alternative. 

VOL.AT: Wie sieht Ihre Prognose für den Herbst/Winter aus?

Dr. Robert Spiegel: Die Vorzeichen sind nicht gerade ermutigend. Nicht nur die Impfquote, aber auch die Rückbesinnung auf die einfachen Mittel wie Lüften, Maske tragen, wenn es eng wird, Abstand halten, Hände waschen und gegenseitige Rücksichtnahme könnten uns vielleicht doch halbwegs über den Winter bringen. Das Coronavirus wird nicht verschwinden, aber es wird irgendwann seinen Schrecken verlieren.

Weitere Infos zur Corona-Pandemie im VOL.AT-Special.

(VOL.AT)

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