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Im zweiten Leben angekommen

Bregenz - In all dem Trubel steht er wie ein Fels in der Brandung. Eben ist die Pause vorüber. Da strömen sie wieder an ihre Kisten und Tische in der Fachwerkstätte Bregenz.

Fädeln Plastikhäkchen auf und wühlen mit beiden Händen in einem Meer aus Wuchtgewichten. Nur Siegfried Glössl nicht. Der hat jetzt Interview. Nervös? Aber geh! Das macht er mit links. Siegi ist ein Mordskumpel, das spürt man gleich. Seine Augen lachen unentwegt. So sieht einer aus, der unbeirrt bedächtig seiner Wege geht. Was tut er eigentlich hier bei der Vorarlberger Lebenshilfe? „Vor meinem Unfall hab ich sie nicht einmal dem Namen nach gekannt.“ Siegi war am Bau. Vorarbeiter. „Ich hab zwölf Leute unter mir gehabt.“ In dem massigen Körper steckt noch ein guter Rest der alten Kraft. Das Gros davon ging verloren, als Siegi die Balance verlor.

Ein Augenblick hat gereicht an jenem 14. November 2003. „Wir haben bei der Textilschule in Dornbirn Wände verschalt.“ Andere haben ihm erzählt, was dann geschah. „Ich bin aus dem vierten Stock gestürzt.“ Siegi Glössl erlitt einen doppelten Schädelbasisbruch, brach sich zwei Rippen und beide Beine. Er lag drei Monate ohne Bewusstsein. „Die ersten drei Wochen davon im Sterbezimmer.“ Die Ärzte machten seiner Frau wenig Hoffnung. Wenn er aus dem Koma erwacht, sagten sie, wird er blind sein und reif für den Rollstuhl. „Gott sei Dank ist beides nicht eingetroffen.“ Dafür musste Siegi alles neu erlernen. Den Umgang mit Sprache, „die Gedankenbildung“. Siegi deutet auf seinen Kopf und sagt: „Es bleibt fast nichts mehr drin.“ Das Wenige hat er sich bei der Lebenshilfe wieder antrainiert. Es reicht für kleine Industriearbeiten. Und für die Funktion des Werkstattsprechers. Zu den vor acht Monaten erstmals gewählten Selbstvertretern zählt er auch. Das bedeutet ihm viel. Die Selbstvertreter suchen die Interessen der Betreuten wahrzunehmen. Zu den mehr als 100 Vorschlägen zählen Ideen zur Pensionsreform genauso wie erwünschte Wohnformen im Alter. Da bringt Siegi sich ein. Der ehemalige Vorarbeiter, dem in den Hallen der Fachwerkstätte die Dinge oft zu langsam gehen – hier kommt ihm seine Beharrlichkeit zupass. Am 8. und 9. April tagen die Selbstvertreter in St. Arbogast. Siegi sieht beiden Tagen mit Neugier entgegen. Er hat seinen Platz gefunden im neuen Leben. Dank seiner Frau, den Ärzten und der Lebenshilfe.

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