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Identitätsfindung zwischen Salamanca und Lech

Julian Nida-Rümelin
Julian Nida-Rümelin ©APA
Lech - 28 Nationalstaaten und ein Philosoph auf der Suche nach europäischer Identität. Kann das gelingen?

Blenden wir einige Jahre zurück: 27 Kulturminister treffen sich in Salamanca. Unter ihnen Julian Nida-Rümelin aus Gerhard Schröders Bundesregierung. Das Thema: Die kulturelle Identität Europas. Jeder Volksvertreter hat einen Spickzettel. Darauf steht, was europäische Identität ausmachen soll. „Wir sind für Vielfalt und Multilingualität“ ist auf jedem Blatt in unterschiedlichen Variationen geschrieben. Artig lesen die Anwesenden ihre Texte herunter. Bis Nida-Rümelin der Kragen platzt. „Wenn es bloß Unterschiede gibt, die wir schätzen, brauchen wir gar nicht weitermachen.“

Vom sonnigen Spanien der Vergangenheit ins verschneite Lech der Gegenwart. Heute ist Nida-Rümelin am 9. Mediengipfel. Mittlerweile unterrichtet der Philosoph an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und spricht wieder über die europäische Identität im Dauerkrisenmodus. Zu dem schillernden Begriff gebe es für einen Philosophen viel zu sagen, meint er einleitend. Damit beginnt ein 15-minütiger wissenschaftlicher Exkurs.

Was macht die europäische Identität aus? Nida-Rümelin nennt drei Perspektiven. Erstens gibt es zwischen Palermo und Stockholm zwar wenig Gemeinsamkeiten, doch sie sind vorhanden. In Europa ist die Balance zwischen Staat und Wirtschaft besser hergestellt als in allen anderen Weltregionen. Das schadet der ökonomischen Effizienz nicht. So ist die Arbeitsstundenproduktivität in den USA zum Beispiel niedriger als in Skandinavien. Nida-Rümelins Schlussfolgerung: Sozialstaatlichkeit und Effizienz schließen einander nicht aus. Europa kann aber noch mehr: Die Verantwortlichkeit des Staates in allen europäischen Ländern für Kultur und Bildung ist weltweit eine Besonderheit.

Zweitens braucht es für eine europäische Identität auch eine Öffentlichkeit. Oder in den Worten Nida-Rümelins: „Das europäische Staatsvolk muss den Eindruck haben, es zählt, und wir wählen Parlamentarier, die wirklich Macht haben.“ Und hier ortet der Referent Defizite.

Drittens findet der ehemalige Kulturminister Deutschlands, dass eine Form der kulturellen Vereinigung wie in den USA kein Ziel für Europa sein könne. Er findet, dass es in den letzten Jahren einige unnötige Nivellierungen gegeben habe. Dass etwa Literatur nur noch in und aus dem Englischen übersetzt wird, empfindet Nida-Rümelin als ein Armutszeugnis. Denn Vielfalt sei ein zentrales Identitätsmerkmal für Europa. Dies zeige gerade die Multilingualität. Jeder europäische Bürger sollte daher nach seiner Ansicht neben Englisch eine weitere EU-Sprache in der Schule lernen.

Was Nida-Rümelin in Salamanca noch störte, ist in Lech kein Problem mehr? Die Argumentation des Philosophen am Mediengipfel leuchtet ein; Europa definiert sich nicht primär über Gleichheit, sondern über ein gemeinsames Verständnis, dass europäische Identität durch Vielfalt definiert wird. Ein Widerspruch aber bleibt bestehen: Dass ihn diese Vielfalt in Spanien noch störte, er sie heute aber als identitätsstiftend empfindet.

Der Begriff der europäischen Identität ist schwammig. Selbst für den Philosophen ist es schwierig, eine eindeutige Definition vorzunehmen.

(Text: Matthias Humer und Tobias Schmitzberger)

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