ICF: "Der Begriff Sekte trifft überhaupt nicht auf uns zu"

Lead Pastor Johannes Schmid gewährt Einblick in die Glaubensauslegung der Freikirche ICF in Dornbirn.
Lead Pastor Johannes Schmid gewährt Einblick in die Glaubensauslegung der Freikirche ICF in Dornbirn.
Johannes Schmid, Lead Pastor der Freikirche ICF in Dornbirn, bezieht im umfangreichen VOL.AT-Interview Stellung zu Vorwürfen, seine Glaubensgemeinschaft weise Züge einer Sekte auf.
Ist das eine neue Sekte?
Junge Kirche für Fundamental-Christen

VOL.AT: Seit wann gibt es die ICF in Dornbirn, wie viele Mitglieder zählt Ihre Glaubensgemeinschaft?

Johannes Schmid: Das ICF in Dornbirn wurde 2010, also vor mehr als 10 Jahren, gegründet. Es ist unser Prinzip, dass alle Besucher aus freien Stücken Teil unserer Kirche sind. Deswegen haben wir keine offizielle Mitgliedschaft. Es gehören die dazu, die dabei sind, und es steht jedem frei, das Maß der Teilnahme selbst zu bestimmen. Durch unsere Rechtsform als Körperschaft und die Anerkennung als Teil der Freikirche in Österreich haben auch wir gewisse Strukturen, die für eine Organisation in diesem Format wichtig sind. Wir haben z.B. ein Leitungsteam, ein Kernteam und auch einen Kassier. Diese Teams setzen sich vorwiegend aus ehrenamtlichen Verantwortungsträgern zusammen, die wiederum Teams und Groups aus ehrenamtlichen Teilnehmern und Besuchern leiten. Hier treffen wir gemeinsam Entscheidungen, die unsere Kirche prägen und möglichst vielen Menschen unserer Kirche und darüber hinaus unserer Gesellschaft guttun. Wir freuen uns, wenn Menschen die Plattformen unserer Kirche nutzen, um Beziehungen und Freundschaften zu pflegen, auftanken können, im Alltag ermutigt werden und in all dem Gott erleben.

VOL.AT: Wie würden Sie Ihre Kirche in eigenen Worten charakterisieren?

Johannes Schmid: Gott liebt uns, ist als Schöpfer an uns interessiert und will das Beste für uns – das ist großartig. Dass Gott in der Person Jesus Christus als Erlöser auf diese Welt kam, um den Menschen zu zeigen, wie sehr Gott sie liebt und an ihnen interessiert ist, ist vielleicht noch größer. Dass Gott selbst zu uns gekommen ist, war der größte Gnadenakt der Geschichte und hat den Weg frei gemacht, um Gott persönlich zu erleben. Gott selbst sagt in der Bibel: Wer ihn sucht, wird ihn sicher finden. Deswegen glaube ich, dass jeder Mensch nur ein Gebet von Gott entfernt ist, um ihn persönlich kennenzulernen. Wir leben eine Kirche, die offen ist für jeden. Egal, woher Menschen kommen und was ihre Geschichte ist: hier soll jeder ein Zuhause finden können. Wir wollen eine Familie sein, die von bedingungsloser Liebe, Zusammenhalt und dienender Leiterschaft geprägt wird. Die Nöte der Gesellschaft bewegen uns zu barmherzigem Handeln. Wir wollen bekannt sein für unser großzügiges und authentisches Handeln. Wir sehnen uns danach, die Kraft Gottes zu erleben und erwarten, dass für Gott alles möglich ist. Unsere Leidenschaft gilt einer Kirche, die für Gott das Beste gibt, die Sprache unserer Zeit spricht und sich als Teil der Antwort versteht. Neben unseren sonntäglichen Gottesdiensten treffen sich einige auch in kleinen Gruppen unter der Woche, um in persönliche Beziehungen und Freundschaften zu investieren.

VOL.AT: Auf Ihrer Website ist die Rede von knapp 200.000 Euro an Spenden im Vorjahr. Wie finanzieren Sie sich, wie wird das Spendengeld eingesetzt?

Johannes Schmid: Ja, es ist uns sehr wichtig, mit den freiwilligen Spenden transparent und verantwortungsbewusst umzugehen. Deswegen veröffentlichen wir unseren Spendenbericht jährlich auf unserer Website. Wir wollen in diesem Bericht nachvollziehbar machen, wofür die Spenden eingesetzt werden und welche Unkosten zu Erhaltung und für das vielfältige Programm unserer Kirche entstehen. Aber auch zeigen, welchen Impact wir als Kirche auf verschiedenen Ebenen (sozial, zwischenmenschlich, gesellschaftlich) haben. Das ist uns deswegen so wichtig, da wir uns eben zu 100 Prozent aus freiwilligen Spenden finanzieren und jeder Spender sich bewusst selbst entscheidet, wie viel er uns als Kirche spenden bzw. anvertrauen möchte. Als anerkannte Kirche ist es unsere Aufgabe, mit den Spenden unseren gemeinnützigen Zweck zu erfüllen und einen positiven Beitrag zu unserer Gesellschaft zu leisten. Es ist jedem Spender jederzeit möglich, einen Blick in unsere Finanzen zu erhalten. Es gibt immer wieder Menschen, die sich bei unserem Kassier und unserem Buchhaltungsteam melden, um gemeinsam einen Jahresabschluss anzuschauen oder allgemein einen Einblick in unsere Finanzdetails zu erhalten. 'No problem', wir haben nichts zu verbergen! Wie die meisten Kirchen sammeln auch wir sonntags in den Gottesdiensten jeweils eine freiwillige Kollekte ein. Neben unseren Ausgaben als Kirche ist es etwas Besonderes, wenn wir mit unserer Reach-Kampagne soziale und
gesellschaftliche Projekte unterstützen und fördern können. Ein Projekt der letzten Jahre war beispielsweise der Verein "Geben für Leben" aus Vorarlberg. Außerdem konnten wir auch schon einige Male ganz praktisch mit Finanzen Hilfe leisten. Hier haben wir beispielsweise einer alleinerziehenden Mutter ihren ersten gemeinsamen Urlaub mit ihrem Sohn ermöglicht, Menschen mit Schulden ausgeholfen und beraten, Menschen in Burnout oder Depression Therapien ermöglicht, die von der Krankenkasse nur zum Teil oder gar nicht bezahlt werden.

VOL.AT: Kritiker werfen Ihnen vor, sektenhafte Tendenzen aufzuweisen, vergleichbar mit Scientology. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?

Johannes Schmid: Zu diesem Eindruck kann man nur durch eine oberflächliche Betrachtung kommen. Wer uns näher kennt, wird sehr bald erkennen, dass er einfach nicht stimmt. Es gibt viele Gründe, weshalb der Begriff Sekte überhaupt nicht auf uns zutrifft. Wir sind eine anerkannte Kirche. Uns dienen allgemein bekannte und anerkannte christliche Glaubensgrundlagen als Fundament.

Hierzu zählt beispielsweise das Apostolische Glaubensbekenntnis, gleiche und allgemein anerkannte Bibelübersetzungen der römisch-katholisch und evangelischen Landeskirche (Bsp. Luther, Einheitsübersetzung und einige weitere). Das heißt: Wir haben die gleiche Glaubensgrundlage wie die großen Landeskirchen und keine Sonderlehre oder Sonderoffenbarung, wie das bei Sekten wie Scientology der Fall ist. Hier möchte ich auch erwähnen, dass wir uns im Allgemeinen als ICF in allen Ländern in der evangelischen Allianz (einer engen Zusammenarbeit der protestantischen Kirchen) zuhause fühlen. Ich finde, Frau Melk- Schmolly formuliert unser Anliegen sehr gut mit den Begriffen „lebensfördernd und selbstbestimmt“, welche beide höchste Ziele für die Besucher unserer Kirche sind. Eine Abgrenzung zur Gesellschaft, wie es in den meisten Sekten der Fall ist, entdecke ich bei uns überhaupt nicht. Im Gegenteil, wir tun alles, um ein relevanter Teil der heutigen Gesellschaft zu sein und diese positiv zu prägen und uns für das Allgemeinwohl einzusetzen.

VOL.AT: Sie pflegen eine fundamentale, biblische Auslegung der Religion. Wie stehen Sie zu Themen wie Homosexualität oder Sex vor der Ehe, gerade in Bezug auf Ihr doch eher jüngeres Publikum?

Johannes Schmid: Wir haben ein Fundament, das uns wichtig ist. Dieses Fundament ist die bedingungslose Annahme und Liebe für jeden Menschen. Wir bekennen uns sehr klar und eindeutig zur Bibel als Wort Gottes, wie dies auch die anderen Kirchen wie evangelische, römisch-katholische und Freikirchen tun. Wie die Bibel vor allem in ethischen Fragen ausgelegt wird, hängt natürlich vom jeweiligen Bibelverständnis und der zugrunde liegenden Hermeneutik ab. Im ICF ist jeder willkommen, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung und der gefühlten geschlechtlichen Identität. Weil wir glauben, dass das Erleben der Liebe Gottes unser Leben nachhaltig prägen kann, ist es unser tiefster Wunsch, dass alle Menschen mit Jesus Christus in Beziehung kommen können. Wir sind überzeugt, dass durch diese Beziehung das ganze Leben auf eine völlig neue Grundlage gestellt wird. Die Bibel betont, dass Christus seinen Auftrag darin sah, Menschen in eine echte Freiheit zu führen. Wir als gläubige Christen und Nachfolger Jesu teilen diese Berufung und sehen es als Ziel an, Jesus Christus immer ähnlicher zu werden. Dieses Wachsen begreifen wir als Prozess, der nie ganz abgeschlossen sein wird. Im biblischen Kontext steht Sexualität in enger Verbindung mit der Übernahme von gegenseitiger Verantwortung und gehört deshalb in einen verbindlichen Rahmen. Wir glauben an das biblische Leitbild der Ehe zwischen Mann und Frau, in welcher die Sexualität erfüllend ausgelebt werden kann. Wir möchten den Menschen helfen, auf eine gesunde Weise einen Weg zu finden, mit ihrer Sexualität aus dem Glauben heraus umzugehen. Wir haben vor jedem Menschen tiefen Respekt – wie auch immer er oder sie die eigene Sexualität auslebt.

(VOL.AT)

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