ICF als Sekte? "Grenzen können oft fließend sein"

Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly, Expertin für Sekten und Weltanschauung, über die ICF Freikirche in Dornbirn.
Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly, Expertin für Sekten und Weltanschauung, über die ICF Freikirche in Dornbirn.
Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly, Expertin für Sekten und Weltanschauung bei der Katholischen Kirche Vorarlberg, spricht im VOL.AT-Interview über die ICF Freikirche in Dornbirn.

VOL.AT: ICF in Dornbirn: Wie lässt sich die Ausrichtung dieser religiösen  Gemeinschaft charakterisieren?

Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly: Das ICF (International Christian Fellowship) ist eine christliche Freikirche. Die Theologie und Glaubenspraxis sind durch eine evangelikale und pfingstlerische Ausrichtung charakterisiert.

VOL.AT: Ist diese Kirche anerkannt?

Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly: ICF will eigentlich keine Organisation, sondern vielmehr ein Organismus sein. Vermutlich, um sich nach außen hin von bestimmten Vorstellungen von „Kirche“ oder „Institution“ abzugrenzen. Trotzdem hat ICF in Österreich eine staatliche Anerkennung als Kirche angestrebt. Das ist gelungen, indem sich die Gemeinden des ICFs dem „Gemeindebund der Pfingstbewegung“ (FCGÖ) angeschlossen haben. Über diesen Weg ist das ICF Mitglied der „Freikirchen in Österreich“ (FKÖ) geworden, die seit 2014 zu den staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft zählen, von denen es 16 in Österreich gibt.

VOL.AT: Wie steht die Katholische Kirche zu dieser Glaubensgemeinschaft?

Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly: Gläubige in den Freikirchen sind Mitchristinnen und Mitchristen, die sehr engagiert sind und sich darum bemühen, dem Glauben eine Alltagsrelevanz zu geben. In der Auseinandersetzung mit einer anderen religiösen Gemeinschaft soll zunächst immer das Bemühen um einen respektvollen Dialog und ein interessiertes Verstehenwollen im Mittelpunkt stehen. Auf dieser Basis kann dann auch ein kritischer Diskurs geführt werden. Neben den theologischen Unterschieden drängen sich mir im Blick auf das ICF kritische Anfragen auf zu den Themen: Geschlechterrollen, Frauen- und Familienbild, Homosexualität und die Vorgaben für die private Lebensführung.

VOL.AT: Wieso ist das ICF gerade für jüngeres Klientel interessant?

Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly: Das lässt sich recht einfach erklären. Das ICF kommt in einem extrem modernen-multimedialen Outfit daher. Technisch auf neuestem Stand und ästhetisch topaktuell gestylt. Die gewählte Sprache ist getränkt mit amerikanischem Vokabular.  Der Gottesdienst ist die „Celebration“, die Predigt ist die „Message“ und das Ganze spielt sich in einer „Location“ ab. Nach dem Gottesdienst gibt es die Gelegenheit zum „Chillen“. Und alles ist einfach krass, mega und amazing. Alles klingt dadurch viel cooler und trendiger. Oft aber auch etwas sehr bemüht jugendsprachlich. Im ICF begegnet das Christentum als Popkultur mit viel Emotionen, Religion als großes Event, Gott als Happening. Die Theologie im Hintergrund ist allerdings weniger neu, sondern eher vergangenheitszugewandt. Die Bibel wird wortwörtlich verstanden und die Botschaft Jesus ist stark mit Moral eingefärbt.

VOL.AT: Zu dieser Form einer modernen Kirche gehört offensichtlich, dass Spenden online oder sogar mittels Krypto-Währungen gezahlt werden können. Schwingt hier nicht ein starkes finanzielles Interesse mit?

Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly: Natürlich. Das ICF finanziert sich aus Spenden. Wie in den meisten Freikirchen gibt es auch hier die aus der Bibel hergeleitete Orientierung, dass der „Zehnte“, also 10 Prozent des Einkommens gegeben werden. Die Aufmachung des ICFs kostet sehr viel Geld – das Personal, die Gebäude, die eingesetzte Technik. Die ständige und fast penetrante Aufforderung zum Spenden mag aus Sicht des ICFs zwar nachvollziehbar sein, kann Menschen aber auch unter Druck bringen. Zumal auch mit biblischen, scheinbar gottgewollten  Begründungen fürs rege Spenden gearbeitet wird. Manche sagen deshalb, das ICF erinnere an eine Marketing-Firma.

VOL.AT: Wie stehen Sie zu doch eher martialisch klingenden Titeln von Veranstaltungen wie „Waffenrüstung Gottes“, das „Schild des Glaubens“ oder das „Schwert des Geistes“?

Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly: Das hat mit der evangelikalen-pfingstlerischen Theologie zu tun. Komplexere Zusammenhänge werden gerne reduziert und vereinfacht. Die Begeisterung und Faszination für Jesus lebt oftmals von einem Ausblenden oder sogar von einer Dämonisierung mancher Teile der Wirklichkeit. Die Welt wird dann eingeteilt in Gut und Böse. Es gibt Jesus und es gibt den Teufel. Es gibt die Glaubenden und die Nichtglaubenden. Deshalb hat man in diesem Denken auch sehr rasch Antworten parat und erscheint alles schnell klar und logisch zu sein. Die Verwendung des kriegerisch anmutenden Vokabulars offenbart auch die inhaltliche Fokussierung  auf das Thema Schuld und Sünde. Deshalb werden das Leben und der Glaube gerne als Kampf empfunden und interpretiert. Das kann allerdings auch Ängste erzeugen. Und Angst ist immer das Gegenteil von Glauben.

VOL.AT: Wo hört „Freikirche“ auf, wann beginnt eine „Sekte“?

Dr. Eva-Maria Melk-Schmolly: Freikirchen sind im Normalfall keine Sekten, sprich keine „gefährlichen“ Gemeinden oder Gruppen, die Menschen gezielt in Abhängigkeiten bringen und in irgendeiner Form ausbeuten. Diese Grenze kann manchmal allerdings auch fließend sein. Deshalb muss sich jede religiöse Gemeinschaft ständig einem Prozess der Reflexion stellen und offen sein für kritische Anfragen, um eben keine sektiererischen Züge zu entwickeln. Das zentrale Kriterium für die Einschätzung einer religiösen Gruppe ist für mich, ob eine bestimmte Religiosität und Glaubenslehre lebensförderlich ist. Das heißt, ob sie Menschen darin unterstützt und begleitet, selbstbestimmt, vertrauensvoll und zuversichtlich durchs Leben mit all seinen Höhen und Tiefen zu gehen, verantwortungsvolle und wertschätzende Beziehungen zu führen (auch außerhalb der religiösen Gruppe) sowie mitzuwirken an einer gerechten und solidarischen Welt.

(VOL.AT)

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