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Herr Köhlmeier, was würden Sie Sebastian Kurz anraten?

Michael Köhlmeier gewährt spannende Einblicke in seine Gedankenwelt. Fotos
Michael Köhlmeier gewährt spannende Einblicke in seine Gedankenwelt. Fotos ©Sams
Anlässlich seines 70. Geburtstags am 15. Oktober war WANN & WO zu Gast bei Michael Köhlmeier und sprach mit dem charismatischen Autor über Literatur, Musik, Politik und Angst vor dem Verlust der deutschen Sprache.

WANN & WO: 70 Jahre Michael Köhlmeier – ein Leben auch geprägt von Aufstand, Revolte, Aufbegehren, den Finger dahin legen, wo es weh tut. Wann entschloss sich Michael Köhlmeier, Rebell zu werden?

Michael Köhlmeier: Das ist schon lange her und wird überschätzt. Was bedeutet es schon, als junger Mensch rebellisch zu sein. Damals war es leicht, die Jugend traf auf eine Vorgänger-Generation, die politisch oder historisch halb Europa in Schutt und Asche gelegt hatte. Wir befanden uns mitten in einem Umbruch, ob man wollte oder nicht. Wenn heute jemand lange Haare hat oder Rock-Musik hört, wird dem kaum Bedeutung beigemessen. Ich möchte nicht die 68er-Bewegung an sich schmälern, aber manche, die sich heute damit brüsten, damals ein Teil davon gewesen zu sein, machen sich größer, als sie es damals waren. Diese Epoche hat aber unheimlich viel bewirkt, z.B. in Bezug auf die Rechte der Frauen.

WANN & WO: Stichwort „Jugendliches Aufbegehren“ – wie sind sie aufgewachsen?

Michael Köhlmeier: Meine Mutter war dezidierte Anti-Faschistin, die sich immer gegen Hitler und das Regime ausgesprochen hat. In der Schule war ich gemeinsam mit einem Mitstreiter unter den Ersten, die den Wehrdienst verweigert haben. Weniger aus innerem Antrieb heraus, viel mehr im Wissen um den unerschütterlichen Pazifismus, der in meiner Mutter innewohnte – ich wollte ihr schlicht nicht weh tun. Meine Eltern haben mir viel in die Wiege gelegt, aber sicher nicht ein Aufbegehren gegen Werte, mit denen sie sich nicht identifizieren wollten. Im Gegenteil, mein Vater hat mir immer geraten, mit allen den Kontakt zu suchen. Auch mit Rechtsextremen – denn nur so kann man herausfinden, wieso Menschen so denken.

WANN & WO: Sie beziehen regelmäßig Stellung zu politischen Themen. Kürzlich geriet Herbert Grönemeyer ins Visier der Kritik. Wie stehen Sie als Autor zur Rolle der Kunst im Wechselspiel mit der Politik?

Michael Köhlmeier: Ich habe mich immer wieder politisch geäußert. Meist ungern, weil es mich von meiner Berufung als Schriftsteller ablenkt. Ich mag keine Autoren, die mir mit der Literatur eine Sicht, auch wenn sie der meinigen entspricht, aufzwingen wollen. Wenn ich mich politisch artikuliere mache ich das nicht als Autor, sondern als Mensch und Bürger. Natürlich genieße ich mit meinem Bekanntheitsgrad das Privileg, eher Gehör zu finden. Das ändert aber nichts daran, dass ich die Aussage als Bürger tätige, was nichts mit meinem literarischen Schaffen zu tun hat.

WANN & WO: Viele sehen in der Rolle der Kunst einen Auftrag zur Provokation – wieso sind Sie Künstler geworden?

Michael Köhlmeier: Ich bin aus dem Grund Künstler geworden, weil mir niemand einen Auftrag geben kann, auch nicht die Gesellschaft. Man bleibt aber immer ein Kind seiner Zeit. Und man hat ein gewisses Menschenbild. Einerseits muss man als Autor entscheiden, wie man die Leute sieht, bzw. wie man sie sehen möchte. Und hier liegt die Versuchung nahe, in Zynismus abzudriften. In der Schriftstellerei begegne ich dem Menschen mit größtmöglichem Realismus in Kombination mit der Illusion.

WANN & WO: Für wen schreibt Michael Köhlmeier?

Michael Köhlmeier: Ich habe noch nie einen Autor kennengelernt, der ein gutes Werk publiziert hat, bei dem er sich während des Schreibens für irgendetwas anderes interessiert hätte, als für sein Schaffen – für die Seite, den Absatz und den Satz, an dem er gerade schreibt. Das ist auch der Grund, wieso der Schreibprozess zur Sucht werden kann, man vergisst alles um einen herum. Als ich noch geraucht habe, war das messbar – man vergisst auf die Zigarette, die sich dann in Asche verwandelt. Die große Freiheit der Kunst liegt in der Verantwortung dem Werk gegenüber, und nichts anderem.

WANN & WO: Welches Bild haben Sie von der aktuellen Gesellschaft?

Michael Köhlmeier: Mein Gesellschaftsbild hat einen Leitstern, den mir auch meine Mutter mitgegeben hat: Man muss alles tun, damit man zum Guten in der Welt beiträgt. Was mich sehr getroffen hat und immer noch entsetzt ist, dass ein Wort wie „Gutmensch“ zu einem Schimpfwort werden kann.

WANN & WO: „Wenn ich wir sage“ lautet der Titel Ihres kürzlich erschienenen Essays. Gibt es in der österreichischen Gesellschaft, die sich gerade auch politisch stark polarisiert, überhaupt ein „Wir“?

Michael Köhlmeier: Aus dem kleinen und harmlosen Wort „Wir“ kann man viel herauslesen. Die meisten Worte lassen sich metaphorisch aufladen. Wenn wir zum Beispiel den Begriff „Vaterland“ hernehmen, ist die etymologische Herkunft mit dem Begriff „Vater“ in den meisten Fällen positiv konnotiert. Das überträgt sich nun auch auf den Begriff „Land“, der eigentlich nichts mit dem „Vater“ als solches zu tun hat. Nüchtern betrachtet ist der Staat Österreich eine historische und politische Vereinbarung, getroffen überwiegend von Männern. Im Prinzip dasselbe wie bei einer Verkehrstafel. Nur dass man ihr gegenüber keine so starken Gefühle aufbaut. Oder haben Sie schon mal vom Begriff eines „Verkehrstafel-Verräters“ gehört? Die Gleichsetzung von Vaterland und Heimat ist wiederum ein sprachlicher Trick. Bei solchen Übertragungen muss man immer aufpassen, wieso Dinge mit Gefühlen in Verbindung gebracht werden.

WANN & WO: Kommende Woche präsentieren Sie Ihre neue Platte „9 Songs“ im Feldkircher Musikladen. Worauf darf sich Ihr musikalisches Publikum freuen?

Michael Köhlmeier: Mein Freund Georg Hoanzl hat mir angeboten, zu meinem 70. Geburtstag eine Vinyl-Schallplatte zu veröffentlichen. Lyrik war immer die Königsdisziplin. Das Gitarrenspiel begleitet mich mein Leben lang. Auch während meiner Krebserkrankung gab mir die Musik Halt. Eine der höchsten Formen von Dankbarkeit ist Gesang. Die überstandene Erkrankung beflügelte mich zum Songwriting. Daraus entstanden dann damals die „42 Songs“. Später widmete ich dann Hank Williams, in Amerika nicht umsonst als „Shakespeare für Arme“ betitelt, eine weitere Platte, auf der ich zwölf Songs nach Motiven des Country-Sängers zum Besten gebe. Und zu meinem „Runden“ folgt nun die Platte „9 Songs“ inklusive des bis dato unveröffentlichen „Krüppel-Songs“, einem sehr harten Stück. Ich freue mich schon auf die Präsentation im Feldkircher Musikladen, bei der ich ebenfalls ein bis zwei Songs zum Besten geben werde.

WANN & WO: Wie haben sich ihre musikalischen Hörgewohnheiten über die Jahre verändert?

Michael Köhlmeier: Da gab es natürlich viel. Zu meinen Lieblingen gehören Lou Reed oder die alten Songs von Leonard Cohen. Die letzten Platten von Johnny Cash und selbstverständlich Bob Dylan. Die einzige musikalische Konstante in meinem Leben ist meine Liebe zur echten Volksmusik, z.B. finde ich einen Bregenzer Dreigesang unglaublich schön. In dieser großen, weltumspannenden Volksmusik findet sich auch der Blues wieder. Die Uranfänge der Dichtung liegen im Gesang – als Erzähler sollten wir unsere Wurzeln nicht vergessen, und die liegen auch in den Märchen.

WANN & WO: „Mir wäre ein Schriftsteller suspekt, der sich nicht für Märchen interessiert. Das wäre wie ein Schreiner, der sagt, er interessiert sich nicht für Holz (Zitat Michael Köhlmeier).“ Welches Märchen hat Sie in Ihrer Kindheit am meisten beschäftigt?

Michael Köhlmeier: Aufgewachsen bin ich in einer wirklich erzählsüchtigen Familie. Ich habe stundenlang den Märchen und Sagen aus dem Mund meiner Großmutter gelauscht. Ich kann mich noch gut an den Herrn Korbes erinnern, ein kurzes und relativ unbekanntes, aber unheimliches Märchen der Gebrüder Grimm.

WANN & WO: Wie stehen Sie zum Wechselspiel zwischen Autor und Leser, gerade in Hinblick auf Deutung?

Michael Köhlmeier: Hier möchte ich Franz Kafka, den größten Märchenerzähler des 20. Jahrhunderts anführen. Er meinte immer gegenüber seinen Kritikern, das Einzige, was er zu seinem Text sagen könne, wäre den Text selbst noch einmal vorzulesen. Sein Freund Max Brot vermutete nicht, dass Kafka zu seinem Werk schwieg, weil er wollte, sondern schlichtweg weil er nicht wusste, welche Bedeutung seine eigenen Texte hätten. Meiner Meinung nach ein Idealzustand, sowohl für Leser als auch Autor. Der Kraft der Inspiration sollte nicht nachgejagt werden, gute Literatur entsteht nicht am Reißbrett. Und darf auch einfach mal schön sein.

WANN & WO: Trotzdem stellt das kritische Hinterfragen im Zentrum unserer Zeit?

Michael Köhlmeier: In der bürgerlich, kapitalistischen Welt sind wir so auf den Nutzen und den Gebrauch aller Dinge konditioniert, dass wir ständig hinterfragen, wofür etwas gut sein soll. Irgend ein Profit muss ja da sein. Und das halte ich für ein schwerwiegendes Grundproblem und den Auslöser einer gesellschaftlichen Depression.

WANN & WO: Social Media – wie stehen Sie zum Medienkonsum im Zeitalter von Facebook und Co.?

Michael Köhlmeier: Ich halte mich von all diesen Dingen fern. Ich weiß von Leuten, die auf Social Media aktiv sind um ihr schlechtes Gewissen, permanent antworten zu müssen oder etwas zu verpassen. Das geht mir am A... vorbei. Man darf die neuen Medien aber nicht verteufeln, sonst würden wir dasselbe machen, was die älteren Generation immer gemacht haben. Schon allein die Arbeit am Computer hat meinen Job unglaublich verändert, allein in Sachen Recherche. Der Verwirrung durch diesen „Daten-Overkill“ kann man sich ja relativ leicht entziehen. Und die jüngere Generation wächst mit einem selbstverständlichen Zugang zu diesen Medien auf, der für uns bis dato unvorstellbar ist. Was ist denn das Böse? Wenn man mit etwas nicht aufhören kann, egal mit was.

Kurz gefragt …

Wie verbringen Sie Ihren 70. Geburtstag?

Mit meiner Familie. An sich hat der Anlass keine besondere Bedeutung für mich. Und eine Party würde mich von meiner regelmäßigen Arbeit abhalten, die tägliche Schreiberei ist inzwischen ein fixer Anker in meinem Leben. Früher war das noch anders, da hat man geschrieben, wenn die Zeit es zuließ.

Was bringt Sie zur Weißglut?

Wenn jemand mit einem Monatsgehalt eines Straches eine Sozialministerin vorschickt, die davon spricht, wie leicht man doch mit 150 Euro im Monat ­auskommen könne.

Was kochen Sie, wenn es einmal schnell gehen muss?

Ich liebe das Kochen und vergleiche es gern mit meinem Beruf. Wenn es schnell gehen muss: Spaghetti aglio e olio e peperoncino.

Ihre guten und schlechten Eigenschaften?

Das kann ich nicht beurteilen und bin nicht der Typ, der sich über Ehrgeiz oder Ungeduld profiliert. Ich denke ungern über mich nach.

Wie bringen Sie der Jugend Literatur näher – haben Sie Angst vor dem Verlust der deutschen Sprache?

Ich glaube nicht, dass es weniger junge Leser gibt. Lesen war früher schon sexy, der Besitz einer Bibliothek war früher schon sehr anziehend auf Mädchen (schmunzelt). Der Verlust der Sprache ist aber kein Problem der Literatur sondern ein generelles. Wenn wir verlernen, uns über unsere Sprache auszudrücken, verlieren wir die Möglichkeit, unsere Visionen, Wünsche oder Bedürfnisse zu artikulieren. Und das macht mir Angst.

Was würden Sie Sebastian Kurz anraten?

Ich glaube zwar nicht, dass er auf mich hören wird. Ich würde ihm eine Dreier-Koalition mit den Grünen und NEOS empfehlen. Er muss nämlich versuchen, sein internationales Image wieder aufzupolieren, nach dem Fiasko mit dieser „Partie“. So schlau schätze ich ihn ein. Die Neos könnten als Puffer helfen, die schier unüberbrückbaren Gräben zwischen Türkis und Grün zu überwinden.

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier!

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