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Hans Weingartner: "Hatte selbst einen kleinen Burnout"

Der Feldkircher Filmemacher Hans Weingartner (41).
Der Feldkircher Filmemacher Hans Weingartner (41). ©EPA
Feldkirch - Am Samstag feiert Hans Weingartners Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“ im Kino Bludenz Vorarlberg-Premiere. Der Feldkircher (41) im Interview über Burnout, Selbsttherapie und Freiheit in den ­Wäldern von Nofels.
Weltpremiere in London
Trailer zum Film

WANN & WO: Du bist gerade aus dem Urlaub zurückgekommen – wie geht’s dir?

Hans: Super, danke. Ich konnte mich erholen. In Deutschland ist der Film ja schon angelaufen und ich habe viel positives Feedback erhalten. Vielleicht das Beste bisher – im Vergleich zu den anderen Filmen (Anm.: „Die fetten Jahre sind vorbei“, „Das weiße Rauschen“, „Free Rainer“, etc.). Auch die Kritiken waren bisher super.

WANN & WO: Wie gehst du persönlich mit Kritik um?

Hans: Sagen wir mal so: Ich habe da einiges dazugelernt. Ich nehme Kritik nicht mehr persönlich. Früher ging mir das schon zu Herzen, da ich mich immer sehr stark mit meinen Filmen identifiziert habe. Jeder Kritiker hat seine eigene Sicht. Die Gefahr besteht, dass man sich dadurch beeinflussen lässt. Das wäre nicht gut – als ob mit dir ein Kritiker am Schreibtisch sitzt oder am Set steht. Zu viele Köche verderben den Brei und so könnte man seine eigene Handschrift verlieren. Wichtig ist, sich selbst treu zu bleiben. Wenn ich Kritiken lese, versuche ich sie deshalb ziemlich schnell zu vergessen. Bitte nicht persönlich nehmen! (lacht) Die Reaktion des Publikums darf aber dennoch nicht ignoriert werden. Man will ja, dass die Leute den Film sehen.

WANN & WO: Der Ausgangspunkt deiner Hauptfigur Martin bzw. dessen Psychose ist Überbelastung und Burnout. Das Thema ist heute aktueller denn je. War das dein Grundansatz?

Hans: Eigentlich war die Thematisierung des Burnouts als solcher nicht wirklich beabsichtigt. Das Thema kam auf, als der Film bereits abgedreht war. Aber es stimmt natürlich, dass Martin Symptome des Burnout-Syndroms aufweist. Und dass die moderne Leistungsgesellschaft die Menschen überlastet, ist Thema des Films. Martin ist nicht fit genug für diese extremen Ansprüche. Ihm macht auch die Informationsüberflutung zu schaffen. Das katapultiert ihn aus der Gesellschaft raus.

WANN & WO: Ist die Überbeanspruchung mittlerweile nicht schon normal? Burnouts sind kein Ausnahmephänomen mehr.

Hans: Ja, das ist eben der Fluch des Kapitalismus, alles muss schneller ge­­­­hen, die Wirtschaft muss wachsen usw. Mir kommt es vor wie ein Motor, der immer heißer wird, bis er kaputt geht. Dabei wird vergessen, dass Menschen eine Belastungsgren­ze haben. Du kannst nur ein ge­­­­wis­­­ses Maß an psychischem Druck aushalten. Irgendwann ist es halt vorbei. Darauf nimmt das System keine Rücksicht. Wie viel soll die Wirtschaft noch weiterwachsen, wieviel sollen wir noch konsumieren? Früher hat die Natur die Grenzen gesetzt.

WANN & WO: Spürst du selbst den Druck auch beim Filmemachen?

Hans: Klar betrifft mich das auch. Als Filmemacher musst du Druck hoch Zehn aushalten. In der Figur Martin steckt auch ein bisschen was von mir. Gerade der Dreh von „Free Rainer“ war sehr anstrengend. Da hatte ich auch einen kleinen Burnout. Die Arbeit ist so fordernd, dass man sich eigentlich fast nach jedem Film so fühlt. Ich mache dann dasselbe wie Martin – ich gehe in die Natur. Bei mir sind‘s aber eher die Berge, die mich wieder erden. Da erkenne ich wieder, was ich als Mensch im Kern bin, was ich will und was mich glücklich macht. Als Kind verbrachte ich viel Zeit in Nofels im Wald, das war damals unsere Zuflucht vor den Erwachsenen. Ein mystischer Ort, eine andere Welt, in der man absolut frei war. Niemand sagte uns dort, was wir tun müssen.

WANN & WO: Vielfach werden bei psychischen Leiden statt Therapie Psychopharmaka eingesetzt. Auch deine Hauptfigur muss diese Erfahrung machen.

Hans: Das ist auf jeden Fall billiger für die Krankenkassen. Therapiestunden kosten viel Geld. Es ist auch einfacher und schneller, sich ein paar Pillen einzuwerfen. So muss man sich nicht seinem Leben stellen. In manchen Fällen würde das aber schon viel bringen: Einfach sich wieder bewusst werden und ein paar Sachen in seinem Leben umstellen.

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