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Haller: "Hochgradig abnorme Persönlichkeit"

Gerichtspsychiater Reinhard Haller äußerst sich im großen "VN"-Interview zum Inzestfall in Amstetten. Es handle sich beim 73-jährigen Josef F. nicht um einen "typischen Täter".

VN: Der ehemalige Techniker Josef F. wird als sehr intelligent, sehr autoritär beschrieben. Für Sie als Kriminalpsychologe ein typischer Täter?

Haller: Nein, Josef F. kann kein ,typischer Täter’ sein, weil wir es mit einem weltweit einzigartigen Fall zu tun haben. Auch wenn wir Psychiater oft noch so gescheit sind, wir wissen jetzt im Prinzip nichts, denn es gibt keinen Vergleichsfall. Der Einzige, der nun Licht ins Dunkel bringen kann, ist der Täter selbst.

VN: Was beunruhigt Sie angesichts dieses schrecklichen Falles nun am meisten?

Haller: Unheimlich ist, dass es eine gewisse Dunkelziffer gibt. Es ist äußerst beunruhigend, dass nach Kampusch jetzt ein noch viel schlimmerer Fall mitten unter uns passiert ist. Und dieser Fall hat sich nicht in einem einsamen Gehöft abgespielt, sondern mitten in einer 20.000-Einwohner-Stadt. Es gibt weltweit keinen bekanntgewordenen, vergleichbaren Fall. Inzestfälle wird es immer geben, aber nicht mitten in einem Mehrfamilienhaus. Ich habe schon mehr als 300 Mörder untersucht – aber da bleibt einem die Sprache weg.

VN: Was ist das für ein Mann, der seiner Familie unvorstellbaren Schmerz zufügt?

Haller: Ich will nicht allzu viel spekulieren, aber er kann nicht dumm sein, muss über einen hohen Verstand verfügen. Das wiederum spricht gegen eine Geisteskrankheit. Und da sich der Fall über 24 Jahre hinzog, kann man das Verhalten auch nicht mit einer Krise, mit einer vorübergehenden Störung erklären. Es handelt sich um eine hochgradig abnorme Persönlichkeit. Dass er eines seiner eigenen Kinder verbrannte, lässt ja auch auf die Gemütslosigkeit des Mannes schließen. Neben Sadismus spielt Gemütsarmut eine wichtige Rolle in seiner Persönlichkeit.

VN: Wieso konnte er seine Gräueltaten so lange verheimlichen?

Haller: Der Mann muss eine Atmosphäre voller Angst verbreitet haben, sodass niemand jemals nachgefragt hat. Wenn es stimmt, dass er neben seiner Frau all die Anstrengungen unbemerkt unternehmen konnte und unter anderem zahlreiche Geburten organisiert hat, dann kann das nur durch unglaubliche Angst bei den Angehörigen erklärt werden. Darüberhinaus war die Legende mit der Sekte eine ausgesprochen schlaue, eine äußerst raffinierte Idee. Jedermann wird Sekten einiges zutrauen.

VN: Das Motiv?

Haller: Es geht sicherlich um Macht, um sexualisierte Machtausübung – und er war nicht mit einem Opfer zufrieden. Vergleichbar mit Inzestfällen in kinderreichen Familien, wo alle Kinder der Reihe nach drankommen. Dass der Nachwuchs in die Gefangenschaft miteinbezogen wurde, das ist ja das absolut Abnorme an diesem Fall.

VN: Ist für die Opfer jemals ein normales Leben möglich?

Haller: Das ist äußerst schwierig. Das Hauptopfer, die Tochter, ist offensichtlich mit 18 Jahren in das Verlies gekommen. Das ist wie lebenslanges Gefängnis unter erschwerten Bedingungen – weil ja für die Frau kein Ende absehbar war. Für die Kinder bedeutet das Weggesperrtsein schwerste Entwicklungsschäden, in körperlicher, psychischer, emotionaler und sozialer Hinsicht. Diese Abgeschottetheit vom normalen Leben führt zu schwersten bleibenden Folgen. Man kann nur hoffen, dass es behutsam gelingt, sie an die Welt zu gewöhnen. Dass Verwundungen und Narben für den Rest des Lebens zurückbleiben, ist aber klar.

VN: Im Gegensatz zu Nataschas Peiniger Wolfgang Priklopil hat sich Josef F. nicht vor seiner Verhaftung umgebracht.

Haller: Nein, er hat bisher nicht – wie sonst so oft üblich – Bilanz gezogen. Aber die Gefahr ist nach wie vor sehr hoch, dass er Suizid begeht. Wenn Lügenkonstrukte zusammenbrechen, begehen viele Täter Suizid – wie eben auch Priklopil.

VN: Hätten die Behörden, die Sozialarbeiter nicht eher etwas bemerken können, ja müssen?

Haller: Es ist in der Tat von großem Interesse, warum niemand etwas bemerkt hat. Das gehört aufgeklärt. Man hat nun auch beim Fall Natascha gesehen, dass es ja Hinweise gegeben hätte. Fakt ist: Große Verbrecher sind in der Lage zur perfekten Tarnung – wie auch Briefbomber Franz Fuchs und Natascha-Entführer Priklopil. Das ist ja das Verrückte an diesen Fällen . . .

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