AA

Haben Sie als junge Jüdin Angst in Vorarlberg?

Joachim Mangard (VOL.AT) joachim.mangard@russmedia.com
Israel, Palästina und Antisemitismus in Europa: Die 33-jährige Carolin lebt in einer kleinen Gemeinde im Unterland und spricht mit VOL.AT über die aktuelle Situation, den Hamas-Terror und Kriegsverbrechen auf beiden Seiten.

In einer Zeit, in der die Wellen des Konflikts und der Unruhe die globale Gemeinschaft zu verschlingen drohen, bietet die Perspektive von Carolin, einer jungen jüdischen Frau aus einer Hofsteiggemeinde, einen Hauch von Hoffnung und Verständnis.

Im VOL.AT-Interview gewährt sie einen Einblick in ihre Gedanken, Gefühle und die Überzeugung, dass nur der Dialog einen Weg zur Überwindung von Missverständnissen und zum Aufbau von Brücken zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften sein kann.

"Man weiß nicht genau, wie man sich äußern soll"

Als junge Jüdin in Vorarlberg, besonders im Angesicht der jüngsten Geschehnisse, blickt sie besorgt auf die aktuellen Ereignisse. Die Bilder, die um die Welt gehen, schockieren die 33-Jährige. „Ja, ich halte es für sehr schwierig. Es ist sehr gespalten. Man weiß nicht immer, wie man sich in irgendeiner Form äußern soll. Aber im Großen und Ganzen fühle ich mich in Vorarlberg immer noch sicher und werde nicht mit Feindlichkeit konfrontiert“, sagt Carolin im VOL.AT-Gespräch​​.

Und auch wenn sie klar hinter dem Kampf gegen den Hamas-Terror steht, äußert Carolin ihre Unterstützung für die Rechte des palästinensischen Volkes. Angesprochen auf die Kritik an linken Organisationen, die wie jüngst die Vorarlberger SJ Demonstrationen für ein freies Palästina abgehalten haben, zeigt sie Verständnis. Zumal Carolin in Osnabrück selbst Teil der Antifa war und sich dem Kampf gegen Faschismus verschrieben hat.

Im Gespräch wirkt die 33-Jährige oft nachdenklich, aber gefasst.

„Ich finde das im Grunde genommen in Ordnung. Palästina ist nicht die Hamas und Hamas ist nicht Palästina – und solange man nicht für die Hamas auf die Straße geht, kann ich das nachvollziehen. Kein Verständnis habe ich aber für eine Unterstützung dieser Terrororganisation, die bekämpft werden muss“, erklärt sie​​.

Carolin hat sich in Vorarlberg bestens eingelebt, wie man auch an ihrem Schuhwerk unschwer erkennen kann.

"Die Bilder haben mich schockiert"

Angesprochen auf die Terroranschläge erinnert Carolin an die Bilder von jungen Menschen, die während eines Festivals brutal angegriffen und getötet wurden. Ihre Worte vermitteln eine tiefe Trauer und Besorgnis: „Das hat mich sehr, sehr schockiert und ich war auch sehr traurig. Nicht gegen Palästina, aber gegen die Hamas muss natürlich vorgegangen werden“​​.

Der Talmud darf im Haushalt von Carolin nicht fehlen. ©MJ

Antisemitismus in Europa? "Die Juden vergasen ... solche Aussagen treffen mich zutiefst"

"Natürlich, wenn ich solche Äußerungen höre, von jungen Menschen, ist es egal, ob sie einen Migrationshintergrund haben, ob sie Deutsche, Österreicher, Muslime oder Christen sind. Wenn Menschen sagen, sie wünschen sich Hitler zurück und wollen alle Juden vergasen, dann trifft mich das zutiefst. Diese Menschen sind selbst verängstigt, sie wissen nicht, in welche Richtung das geht, wie man sich richtig äußern soll. Aber solche Aussagen sind absolut unter der Gürtellinie, das gehört nicht gesagt oder überhaupt nicht gedacht. Und auch bestraft", führt die junge Jüdin, angesprochen auf Aussagen während einer pro-palästinensichen Demonstration in Hamburg, aus.

An der Tür findet sich die Mesusa, ein kleines Behältnis, das einen Schutzgebet beinhaltet. ©MJ

Politische Instrumentalisierung des Konflikts ist ein weiteres Thema, das Carolin nachdenklich stimmt. Sie kritisiert die Art und Weise, wie einige politische Fraktionen den Konflikt für ihre eigene Agenda nutzen: „Verschiedene Fraktionen oder auch politische Parteien instrumentalisieren diesen Konflikt und bringen ihn auch für ihre parteipolitische Agenda nach Europa, egal ob links oder rechts.“

Carolin gewährt im Gespräch mit VOL.AT persönliche Einblicke und spricht eine klare Sprache. ©MJ

Carolin fordert eine fairere und ausgewogenere Diskussion, die sich auf die Fakten konzentriert, statt auf politische Gesinnung​​. "Und gerade rechte Parteien sollten sich angesichts ihrer Vergangenheit in Bezug auf das Judentum zurückhalten."

Carolin zeigt uns ihr Lieblingsrezept aus einem jüdischen Kochbuch. ©MJ

"Hoffe auf einen Waffenstillstand –
der Kampf gegen die Hamas steht aber außer Frage"

Abschließend teilt Carolin ihre Hoffnung auf ein besseres Verständnis und einen konstruktiven Dialog zwischen verschiedenen Gemeinschaften. Sie betont die Wichtigkeit des persönlichen Austauschs und der Offenheit für unterschiedliche Perspektiven als Weg zur Überwindung von Vorurteilen und zur Förderung von Toleranz und Respekt: "Ich hoffe auf einen Waffenstillstand und dass man an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Der Kampf gegen die Hamas steht dabei aber außer Frage."

Ein Appell an die Menschlichkeit, in der Hoffnung auf Frieden. Gleichzeitig muss die Terrororganisation Hamas mit allen Mitteln bekämpft werden. ©MJ

(VOL.AT)

-->> Krieg im Gazastreifen und in Israel

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Vorarlberg
  • Haben Sie als junge Jüdin Angst in Vorarlberg?