Guckkasten am Steilhang

Der Bauplatz des alten wie neuen „Haus M“ ist sensationell. Er liegt an einem steilen Hang rund 200 Meter über dem Dorf
Der Bauplatz des alten wie neuen „Haus M“ ist sensationell. Er liegt an einem steilen Hang rund 200 Meter über dem Dorf ©Darko Todorovic
Gaschurn - Die „Holzkiste“, die der spanische Architekt Ibán Carpintero für die Familie Kessler in Gaschurn gebaut hat, soll hier Wurzeln schlagen können.
Ferienhaus in Gaschurn

Am Hausberg von Gaschurn hat Christof Kessler das Skifahren gelernt. Hatte hier die Familie doch ein ganz einfaches, vom Vater größtenteils selbst gebautes Ferienhaus. Inzwischen ist der Manager selbst Vater von drei Töchtern und das kleine Haus zu sanieren, wäre zu aufwendig gewesen. Da die Familie aber auf ihre Oase der Ruhe im hintersten Montafon auf keinen Fall verzichten wollte, wurde das alte Haus abgerissen und ein neues gebaut.

Das erstaunlicherweise das erste in Gaschurn mit einem Flachdach ist. Die Baubewilligung dafür zu bekommen, sei überhaupt kein Problem gewesen, sagt Christof Kessler, bei den Gaschurnern hätten sich dagegen zwei Lager gebildet: die, die moderne Architektur mögen und die Verteidiger scheinbar unumstößlicher alter Werte, die ihr Unbehagen am hier nicht vorhandenen Giebeldach festgemacht haben.

Der Bauplatz des alten wie neuen „Haus M“ ist sensationell. Er liegt an einem steilen Hang rund 200 Meter über dem Dorf, Aug’ in Aug’ mit dem 2813 Meter hohen Vallüla weit in der Ferne. „Uns entgeht nichts, was sich im Dorf tut“, schmunzelt Kessler, anspielend auf die Situierung des kleinen Hauses, was diesem etwas ausgesetzt Guckkastenartiges verleiht. Die Widmung des Grundes sieht ein Ferienhaus vor, dessen Bruttonutzfläche nicht verändert werden durfte. Und da ein Kubus die optimale Nutzung des Möglichen biete, sei es eben ein schlanker Kubus geworden, untertreibt der Bauherr seine Ambitionen in Sachen Architektur.

Im Frühling des vergangenen Jahres wurde mit der Planung begonnen, der Bestand abgebrochen, im Juli war Bauverhandlung und Weihnachten wurde bereits im neuen Haus gefeiert. Das aus Holz, modern und trotzdem gemütlich, einfach, aber nicht billig sein sollte. Dass es nicht von einem Vorarlberger Architekt, sondern von dem zwischen Madrid und Bregenz pendelnden Spanier Ibán Carpintero (EXIT architects) entworfen worden ist, sieht man ihm in seiner klaren Schnörkellosigkeit nicht an. War es für den Architekten doch wichtig, ein Haus zu bauen, das durch seine spezifische Materialität bzw. Proportionen hier Wurzeln schlagen kann. Auf einem Sockel aus hellem Beton, gebaut aus Weißtanne, die mit den Jahren schön vergrauen wird.

Betreten wird das „Haus M“ hangseitig über einen dem Kubus vorgebauten hölzernen Verschlag. Hier wird das Holz für den Schwedenofen gelagert, werden die Rodel und Skier abgestellt. Die rund 144 Quadratmeter Wohnfläche breiten sich auf drei Ebenen aus. Ihr „Herz“ ist ein großer Wohn- und Essraum mit integrierter Küche. An dem Tisch vor der Eckbank stehen zwei Stühle, die aus sentimentalen Gründen aus dem alten Haus übersiedelt worden sind.

Über eine leicht gewendelte Treppe, deren hölzerne Stufen frei schwebend in die Wand eingelassen sind, geht es in den ersten Stock mit seinen drei kleinen Schlafzimmern und einem Bad. Hier ist alles funktionell, die Trennwände und Decken sind aus weißem Gipskarton, die Böden – wie im ganzen Haus – aus gebürsteter und geölter Eiche. Vom Eingangsgeschoß mit seiner praktisch großen Garderobe gelangt man auch in den Keller, der eigentlich keiner, sondern durch die Situierung des Hauses am Steilhang ein großer, heller Raum ist, in dem gearbeitet und gespielt wird, sich der Hausherr am Hometrainer auspowert. Von hier aus geht es auch zur großen Terrasse, neben der der Bach rauscht und von Nachbarn absolut nichts zu sehen ist. Während sich durch ein riesiges Fenster ein wunderbar gerahmter Blick auf das Panorama werfen lässt.

„Das beste Stück des Hauses ist aber der Balkon im Eingangsgeschoß“, schwärmt Hausherrin Roswitha Kessler. Hier zu frühstücken sei schlicht und einfach gewaltig. Dieser Balkon ist aus der südlichen Ecke des Kubus’ sozusagen herausgeschnitten, und verstellt, da er ohne jede Stütze auskommt, keinen Zentimeter der Aussicht. So groß die Fenster Richtung Süden und Westen sind, so schlitzartig klein sind die anderen. Um auf diese Weise dem optimal gedämmten, energiebewusst mit Erdwärme beheizten Haus fast das trutzige Flair einer Burg zu verleihen.

Daten & Fakten

Objekt: Ferienhaus in Gaschurn (Vorarlberg)
Bauherr: Familie Kessler
Architektur: Ibán Carpintero (EXIT architects, Madrid/Bregenz)

Planung: Mai-Juni 2013
Grundstücksgröße: 288 m²
Wohnnutzfläche: 100 m²
Keller: 50 m²

Bauweise: Fundament: Betonplatte; Keller: Betonbau, innen gespachtelt und außen mit Polystyroldämmung; Erdgeschoß und Obergeschoß in Ständerholzbauweise, dazwischen Steinwolledämmung; innen Gipskartonplatten; Decken: Massivholz, sichtbar; Fassade in Holzlattung mit offenen Fugen; unterlüftetes Flachdach; Bodenbeläge: Holz und Fliesen

Ausführung: Baumeister: Biermeier, St. Gallenkirch Zimmermeister: Wittwer, Gaschurn Trockenbau: Rudigier, Bludenz

Baukosten: ca. 250.000 Euro

Quelle: VN/ Leben & Wohnen

Für den Inhalt verantwortlich:
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Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

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