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Großer Poker um Nataschas Gesicht

Die Scheckhefte der Medien sitzen locker: Bis zu 250.000 Euro sind schon für ein Interview mit der vor acht Jahren entführten Natascha Kampusch geboten worden.

Seit Natascha Kampusch vor zehn Tagen so unverhofft wieder aufgetaucht ist, sitzen bei den Medien die Scheckhefte locker. Die ganze Welt fragt sich, wie die in ihrem Verlies zur Frau gewordene Wienerin heute aussieht – nach mehr als acht Jahren Gefangenschaft in den Händen ihres Entführers Wolfgang Priklopil. Noch gibt es kein Foto von und kein Interview mit ihr – aber schon 300 Medien haben angefragt. Denn bisher bekamen sie lediglich eine Computersimulation des Gesichts der heute 18-Jährigen sowie einen offenen Brief zu sehen. Das Rennen um die heutige Natascha ist in vollem Gange.

Doch das Volk will mehr, denn der Sensationshunger ist längst nicht gestillt. Laut Umfragen sind 90 Prozent der Österreicher am ersten Interview interessiert. Das wissen auch die Chefredakteure. Und so wird in einem noch nie dagewesenen Ausmaß und aggressiver denn je jedes Detail – ob wahr oder nicht – von Journalisten gejagt. Und mehrfach verwertet.

Gerüchten zufolge existiert sogar schon ein Bild, geknipst mit einem Mobiltelefon. Jedoch ohne Nataschas Einwilligung. Also muss ein Medium, welches das Foto druckt, mit hohen Schadenersatzforderungen rechnen.

Und mit dem Groll seiner Kunden. Ob diese die Veröffentlichung des illegalen Dokuments gutheißen würden, ist wegen des vorherrschenden Mitgefühls nämlich mehr als fraglich.

Am Geld alleine würde ein derartiger Coup jedenfalls nicht scheitern. Bei 250.000 Euro steht das aktuelle Höchstgebot. „Insgesamt liegen mir mehr als 300 Interview-Anfragen aus aller Welt vor“, erzählt Nataschas Medienberater Dietmar Ecker. „Japan, Neuseeland, Russland, England, USA – aus allen Teilen der Erde melden sie sich bei mir.“

Dennoch sieht es ganz danach aus, dass der ORF den Zuschlag für Nataschas ersten, bereits für die kommende Woche geplanten Fernsehauftritt erhalten wird. Und das zeigt deutlich jene Strategie, die Natascha und Ecker verfolgen: „Scheckbuch-Journalisten schließen wir von vornherein aus. In unserer Entscheidung geht es darum, die Grundsteine für die Zeit nach dem Hype zu legen“, so Ecker.

Vielfältige Gebote

Daher steht ein aktuelles Angebot eines österreichischen Medienverlags – dem Vernehmen nach handelt es sich um die „Mediaprint“ mit der Kronen Zeitung und dem News-Konzern – hoch im Kurs. Dieser würde Natascha einen fixen Job und eine Berufsausbildung garantieren. Wer aber letztendlich zum Zug kommt, das entscheidet Natascha höchstpersönlich. Vermutlich noch heute.

Dabei wird auch die bisherige Berichterstattung eine Rolle spielen, die das Entführungsopfer in den vergangenen Tagen genauestens verfolgt hat. „Sie registriert diese Dinge sehr sensibel und ist sich ihrer Lage voll bewusst“, weiß Ecker aus persönlichen Gesprächen mit ihr.

Der Kommunikationsexperte wird mittlerweile selbst gejagt. „Inzwischen gibt es sogar schon Presseleute, die im Campingbus vor der Agentur schlafen und mich verfolgen, um Natascha Kampuschs Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen“, schildert er zusätzliche Hürden bei der ohnehin nicht leichten Aufgabe.

Weil Nataschas Schicksal einzigartig ist, sprengen die Gebote für die Exklusivrechte auf ihre Geschichte alles bisher Dagewesene: So soll ein deutsches Magazin Georg Heinzl, dem einzigen Überlebenden des Grubenunglücks in Lassing 1998, für den Abdruck seiner Geschichte einiges zugesteckt haben. Obwohl er dies stets bestritt. Genaue Summen sind zwar nicht bekannt, „derartige Dimensionen wie im Fall Natascha wurden aber noch nie erreicht“, so Ecker. Auch nicht im Fall des Serienmörders Jack Unterweger – den Medien war 1992 ein Gespräch mit ihm im Nobelhotel „Intercontinental“ in Miami 60.000 Dollar (rund 50.000 Euro) wert.

Der Grund, warum Medien für solche Schicksalsgeschichten derartige Unsummen hinblättern, liegt auf der Hand: Man erhofft sich stark erhöhte Auflagen und Einschaltquoten. „Das Interesse der Menschen resultiert in solchen Fällen aus der Angst, die geschürt wird“, weiß Andreas Perndanner, Facharzt für Psychiatrie. Im Fall Natascha spielen jedoch gleich mehrere Faktoren eine Rolle.

Angst weckt Interesse

„Schon bei der bloßen Vorstellung an eine solche Situation bekommt jeder Mensch Angst, und die mobilisiert das Interesse. Aggressive Medienberichte verstärken das. Hinzu kommt, dass sich Eltern überlegen, wie sie ihr Kind vor einem derartigen Schicksal bewahren könnten – und empfinden dabei Ohnmacht“, führt Perndanner aus.

Eben dieser Angst wollen die Menschen ein Gesicht geben.

 


MARKTPLATZ DER PRESSE

Larry Flynt, legendärer Verleger des Porno-Magazins „Hustler“, schaltete 1998 in der „Washington Post“ eine Anzeige, in der er demjenigen bis zu einer Million Dollar bot, der eine außereheliche Affäre eines Politikers beweisen konnte. Flynt damals: „Bald werden alle Nachrichtenorganisationen für Geschichten bezahlen.

Konrad Kujau sorgte 1983 für einen der größten Skandale der deutschen Presse-Geschichte: Er verkaufte dem „Stern“ für 9,3 Millionen D-Mark gefälschte Hitler-Tagebücher. Das Nachrichtenmagazin veröffentlichte diese und büßte enorm an Ansehen ein, nachdem die Fälschung ans Tageslicht kam.

Hans-Peter Martin publizierte 1986 als Redakteur des „Spiegel“ ein gekauftes Telegramm, das die Verwicklung von Kurt Waldheim in die Deportation von Zivilisten im Zweiten Weltkrieg beweisen sollte. Auch dieses Dokument stellte sich als Fälschung heraus.

 


INTERVIEW

„Informationen dürfen nicht verkauft werden“

250.000 Euro wurden bereits für ein Interview mit Natascha Kampusch geboten. Gab es jemals zuvor in Österreich so hohe Angebote für Exklusivgeschichten?

ENGELBERT WASHIETL: Darüber gibt es keine gesicherten Informationen, weil Medien das nicht bekannt geben. Aber ich habe noch nichts Ähnliches erlebt wie diesmal.

Ist der Scheckbuchjournalismus in Österreich noch nicht etabliert?

WASHIETL: Dass wir eine Insel der Seligen sind, würde ich anzweifeln. Vor allem Magazine bekommen oft geheime Unterlagen, und da fragt man sich schon, woher die kommen. Es gibt die sicher nicht für einen treuherzigen Blick.

Verurteilen Sie als Vorstand der „Initiative Qualität im Journalismus“ das Bezahlen für Informationen?

WASHIETL: Das kommt mit dem Kommerzjournalismus. Wenn populäre Menschen für Geschichten Geld verlangen von Medien, die davon leben, ist das ja noch zu akzeptieren. Wenn es aber um Informationen geht, dann muss man den Scheckbuchjournalismus schon verurteilen.

Möglicherweise bekommt der ORF, ein öffentlich-rechtlicher Sender, das Interview mit Natascha Kampusch.

WASHIETL: Dann ist das eine halboffiziöse Sache. Wenn es der ORF macht, wird er sie wenigstens nicht ins offene Messer laufen lassen. Das Interview wird formal korrekt, aber auch fair gegenüber der Person ablaufen. Etwas anderes könnte sich der ORF gar nicht leisten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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