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Gesichter der Stadt

Gesichter der Stadt: Fassaden sind Bekleidung und Gesicht zur Stadt. Funktionell und kommunikativ.
Gesichter der Stadt: Fassaden sind Bekleidung und Gesicht zur Stadt. Funktionell und kommunikativ. ©Darko Todorovic
Dornbirn - Neue Fassaden sind neue Gesichter, die eine Stadt verändern. In Gesichtern lesen wir ganz intuitiv und Kleider machen Leute. Sie erzählen viel über ihren Träger. Genauso umgeben uns die Fassaden unserer Häuser als dritte Haut des Menschen und prägen unsere Stadt auf Jahre.
Raiba Dornbirn: Aus alt mach neu

Gewiss, durch den Bau der Stadtstraße in den späten 1980er- Jahren war der Dornbirner Marktplatz erst verkehrsfrei geworden, aber quer zum alten Straßenverlauf wurden Gärten und Einzelgebäude aus einem früher dichten Gefüge herausgebrochen. Kulturhaus und Rathaus waren einst zwischen ruhigen Grünflächen entstanden. Sie konnten aber mit ihren abgerückten Seitenansichten diesen unbestimmten Verkehrsraum nie fassen. In diesem Umfeld wirken die städtebauliche Prägnanz und der neue Maßstab eines neu gestalteten Bankgebäudes befreiend.

2008 erhielt die Bank mit dem Bau der Stadtgarage eine direkte Anbindung im Untergeschoß. Zugleich standen aber eine thermische Sanierung und verschiedene funktionelle Korrekturen im Gebäude an. An diesem Punkt ergriff der durchaus Architekturaffine Vorstand seine Verantwortung als Bauherr – auch gegenüber dem Stadtbild – und suchte nach einer gestalterischen Gesamtlösung, die dem Unternehmen bauliche Identität und dem Stadtraum einen Impuls verleihen würde. Dazu wurde ein geladener Architektenwettbewerb unter professioneller Betreuung und mit namhaften Juroren durchgeführt, den das Architektenduo Rene Bechter und Michelangelo Zaffignani gegen starke heimische Konkurrenz für sich entscheiden konnte. Nun haben Bankgebäude in der Regel Mühe ein Straßenbild zu beleben, weil sie durch ihre Funktion einer gewissen Abgeschlossenheit und Diskretion verpflichtet sind. Umso bemerkenswerter ist der mannigfache Beitrag, den der siegreiche Entwurf mit seiner Fassadengestaltung heute leistet. Der mehrfach erweiterte Baukörper wurde mattschwarz eingekleidet und mit einem Schleier aus drehbaren Aluminiumlamellen versehen. Mit großer Präzision proportioniert sind die Bänder und Bahnen, die dem Bauwerk eine optische Lebendigkeit verleihen und die von vielen spontan als angenehm bewertet wird. Ein breiter Eckeinschnitt öff net das Gebäude zum Vorplatz des Stadtarchivs.

Die Schalterhalle sollte unverändert bleiben, 1. und 2. Obergeschoß wurden geringfügig für die Privatkundenberatung und als Direktionsräume adaptiert. Im 4. Obergeschoß entstanden zusätzliche Büros und ganz oben wurde ein Veranstaltungssaal als 5. Geschoß aufgesetzt, mit dem die Bank ihrem genossenschaftlichen Förderauftrag für die Region nachkommen will.

Im Bau- und Planungsprozess standen besonders die international erfahrenen Fassadenplaner Kühne und Böhler aus Dornbirn zur Seite, die das Kernstück des Entwurfs, eine zweischichtige Gebäudehülle mit drehbaren Alu- Lamellen professionell zur Umsetzung brachten. Die Lamellen werden automatisch alle 12 Minuten gemäß dem Sonnenstand ausgerichtet, können aber raumweise auch manuell gesteuert werden. Auf diese Weise ergibt sich ein unmerklich wechselndes Fassadenbild, das durch die Eingriffe der Nutzer zusätzlich variiert wird. Das Gebäude lebt.

Von außen wirkt das naturfarben eloxierte Aluminium über dem mattschwarzen Blechkörper wie ein sanfter Spiegel, der Lichtund Farbstimmungen reflektiert und zugleich die Innenbeleuchtung durchschimmern lässt.

Bechter/Zaffignani haben ein vielschichtiges Konzert an Gestaltungsmitteln geschaffen, das in jeder Distanz eine Form zeigt. Aus der Ferne baut sich eine Großform auf als städtebauliches Pendant zum Turm der Fernmeldezentrale. Der Rücksprung des Dachgeschoßes und der leichte Knick reduzieren optisch die Gebäudehöhe und reagieren spürbar auf den Straßenverlauf. Öffnungen in der Lamellenfassade durch drei „Stadtfenster“ und einen Einschnitt im Eingangsbereich balancieren die Gesamtform und richten sich wie Augen auf die Stadt. Die Geschoßhöhen werden durch den Versatz der ebenfalls verschieden breiten Geschoßbänder moduliert, bilden eine plastische Komposition, die sich sympathisch abhebt von einigen starren Geschoßfolgen in der Nachbarschaft. Im dritten Schritt sind auch die Lamellen selbst entweder glatt geschlossen oder lösen sich beim Aufklappen in rhythmische Folgen von 40 oder 80 cm breiten Feldern auf und überraschen schließlich aus der Nähe mit Transparenz durch eine feine Perforation, die ausreichend Sonnenschutz gewährt. Stadträume leben von der Dichte; von der Vielzahl an Zeichen, an Bildern und Geschichten, die wie das neu umgebaute Bankgebäude zu den Stadtbenutzern sprechen. Das ist nicht nur eine romantische Attitüde, sondern ein wichtiges Merkmal unserer Innenstädte, die dadurch räumlich und emotional zu Zentren werden.

Daten & Fakten

Objekt: Raiffeisenbank, Am Rathauspark, Dornbirn

Bauherr: Raiffeisenbank Dornbirn

Maßnahme: Thermische Sanierung und Fassadengestaltung

Architektur: Bechter|Zaffignani Architekten, Brosswaldengasse 12/24, Bregenz,

Fakten zum Umbau

Anzahl Drehläden: 623 (in 40 Steuermodulen zusammengefasst, die vollautomatisch dem Sonnenstand nachgeführt werden)

Fassadenbleche: 3 mm Alu natureloxiert mit einer Rasterlochung 3-6 mm, Lichtdurchlass ca. 23 %

Bauzeit Fassade: Jänner bis Oktober 2010

Bauzeit gesamt: 09/2009 bis 10/2010

Tiefenbohrung: 28 Erdsonden zu je ca. 120 m

Heizwärmebedarf: ca. 70 kWh/m²a (vor Sanierung) (entspricht ca. 7 l Heizöl/m² Nutzfläche)

Heizwärmebedarf: 20 kWh/m²a (nach Sanierung) (entspricht ca. 2 l Heizöl/m² Nutzfläche)

Kühlenergiebedarf: 25 kWh/m²a (nach Sanierung) (ca. 1/25 dieses Energiebedarfs wird für den Wärmepumpenstrom benötigt)

Auszeichnungen: Nominierung zum Österreichischen Bauherrenpreis 2011

(Leben & Wohnen/ Robert Fabach)

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