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"Gefühl wie vor dem Henker"

Der Vorarlberger Kult-Regisseur Hans Weingartner bringt seinen neuen Film „303“ in die Kinos und spricht über (Un-)Glück, Filmkunst und sein Heimweh.

von Mathias Bertsch/Wann & Wo

WANN & WO: Mit „303“ (Kinostart: 19. Juli) hast du bei der Berlinale in Rekordgeschwindigkeit die Säle ausverkauft, in Cannes überzeugt und deine Darsteller sahnen Auszeichnungen ab. Hast du damit gerechnet?

Hans Weingartner: Nein. Das Licht geht aus, die ersten Bilder flackern über die Leinwand, und du hast nicht die geringste Ahnung, ob der Film ankommen wird. Ob deine jahrelange Arbeit fruchtet. Das ist ein irrer Moment, eine extreme Ausnahmesituation. Du stehst fast ein wenig neben dir, driftest ab, um es auszuhalten, dein Magen wird flau. Ein Gefühl wie vor dem Henker – wird das Beil fallen oder wirst du überleben? Grundsätzlich gehe ich schon mit der Hoffnung in die Premiere, dass der Film den Leuten etwas bedeutet. Aber erwarten darfst du dir nichts, gar nichts.

WANN & WO: Das klingt nach harter Selbstdisziplin. Du gibst ja schließlich etwas sehr Persönliches von dir her.

Hans Weingartner: Du musst lernen, den Film von dir selbst zu trennen. Ich bin nicht der Film. Er ist das Ergebnis einer Arbeit. Die hast du – so gut es geht – erledigt. Aber der Film hat auch ein Eigenleben. Also haust du ihn raus und sagst: Das ist er, ich hoffe, dass ihr damit etwas anfangen könnt. Ich habe mein Bestes gegeben. Wenn nicht, tut’s mir leid, aber jetzt bin ich raus. Natürlich ist Film ein kommunikatives Medium, aber Filme sind auch Kunstwerke, die für sich stehen. Wenn du von vornherein mit dem Anspruch in eine Arbeit gehst, einer großen Anzahl von Menschen zu gefallen, dann sitzt das Publikum plötzlich mit dir mit im Studio, am Schreibtisch, schreibt dein Drehbuch, dreht deinen Film. Da kommst du auf keinen grünen Zweig.

WANN & WO: Konntest du das immer schon trennen?

Hans Weingartner: Das gehört zu den Fähigkeiten, die man erst erlernen muss. Das war auch bei mir ein Prozess. Ich habe für mich irgendwann den Schluss gezogen: Wenn dein Film jemandem etwas bedeutet, ist es schön. Wenn nicht, ist das auch okay. Wenn du zu sehr darüber nachdenkst, was andere von dem Film erwarten, stellst du nur noch Produkte her. Befriedigst Bedürfnisse. Ist auch eine Herausforderung und sicher nicht leicht. Aber mich reizt das nicht.

WANN & WO: Das heißt, wir werden in naher Zukunft keinen Blockbuster von dir sehen?

Hans Weingartner: Doch, in sehr naher Zukunft, „303“ wird mit Sicherheit ein Blockbuster! (lacht) Aber mehr aus Zufall. Wie bei „Die fetten Jahre sind vorbei“, der war ja auch fast ein Blockbuster. Aber geplant war das nicht. Wenn du es von vornherein darauf anlegst, dann musst du mit Allgemeinplätzen arbeiten, also Emotionen und Geschichten präsentieren, die von der breiten Masse verstanden werden. Klar kannst du damit gutes Geld verdienen, aber du drückst damit in dem meisten Fällen nicht wirklich etwas aus, zumindest nichts Originäres. Nichts, was die Welt wirklich weiter bringt, außer dass sie kurz unterhalten wird. Künstlerisch muss das ziemlich frustrierend sein. Wenn ich beispielsweise Bully Herbig oder Til  Schweiger auf Veranstaltungen sehe, habe ich das Gefühl, die sind tief drinnen unglücklich. Klar sind das Multimillionäre, aber man spürt auch: Da bohrt was in denen. Fürs Kino sind deren Filme sehr wichtig, aber ich könnte den Job nicht machen.

WANN & WO: Bist du denn glücklich?

Hans Weingartner: Eine sehr private Frage. Fast die privateste überhaupt. Und schwierig zu beantworten. Fast immer antworten Künstler in Interviews sofort: Ja, extrem glücklich,
läuft super, alles prima, ich bin auf der Überholspur, alles geil, kauft mein Album. Und drei Tage später liegen sie tot in der Wanne. Oder schau mal auf Facebook: Alle super drauf, alle
permanent im Urlaub, alle grad im tollsten Restaurant. Fast immer ist das doch gelogen. Denn kaum einer postet, wenn er einen Scheißtag hatte, der Chef ihn zu Unrecht abgekanzelt
hat, das Bier schon wieder warm ist und die Batterie in der Fernbedienung leer. Und schon gar niemand postet, wenn er depressiv ist oder Angst vor der Zukunft hat. Obwohl wir alle solche Phasen haben. Nur Woody Allen sagt ehrlich, er sei immer unglücklich. Aber das gehört zur Marke Woody Allen. Ich halte mich da lieber raus. Es gibt 100 Facetten von Glück. Also
müsste man 100 Mal antworten. Oben auf dem Piz Buin bin ich sehr glücklich, so viel kann ich verraten.

WANN & WO: „303“ ist ein romantisches Roadmovie. Die Protagonisten nähern sich in Dialogen langsam an. Das entspricht nicht gerade dem, was man angesichts deiner bisherigen Filmografie erwarten würde.

Hans Weingartner: Na ja, es ist ja auf der Handlungsebene eine Liebesgeschichte. Im Kern geht es um politische und philosophische Themen, mit denen sich die Protagonisten
auseinandersetzen, um Fragen, die wir dringend beantworten müssen. Sind wir Menschen kompetitive oder kooperative Wesen? Was bringt die Menschheit weiter, Zusammenarbeit
oder Konkurrenz? Momentan läuft ja alles extrem in Richtung Konkurrenz. Die Superreichen wollen den totalen Wettbewerb, damit sich die restlichen 99 Prozent abstrampeln und vor
lauter Stress nicht merken, wie sie verarscht werden. Denn der Kampf im Haifischbecken dient vor allem der Effizienzsteigerung. Diese wiederum erhöht den Profit von wem? Dem
einen Prozent an der Spitze, genau. Arbeite bis zum Umfallen, sonst kriegt der neben dir den Job, das ist die Parole. Wenn dich das unglücklich macht, hol dir ein paar Drogen aus der Apotheke, da verdienen wir auch noch was dran.

WANN & WO: Kann ein Film die Welt verändern?

Hans Weingartner: Ein Film allein nicht, aber viele Filme schon, dazu Bücher, Zeitungsartikel, Internetblogs, auch Malerei. Die beeinflussen das große Meinungsbild und bewirken dadurch Veränderungen in der Gesellschaft. Ein Beispiel: Bis Anfang der 80er-Jahre hat Naturschutz kein Schwein interessiert, dann kam die grüne Bewegung, es gab Filme darüber,
Bücher und Kunst gegen Atomkraft und das Waldsterben. Sicher auch dadurch hat sich das ökologische Bewusstsein verändert.

WANN & WO: Als eins von acht Geschwistern – bist du da selbst nicht auch kompetitiv gepolt?

Hans Weingartner: Von der Erziehung her schon, ja. Typischer Vorarlberger: Schaffa schaffa, zämmarießa. Ich wäre gern weniger kompetitiv.

WANN & WO: Wieso?

Hans Weingartner: Als umgänglicher, nachgiebiger Mensch lebt man am Ende glücklicher. Sagt die Glücksforschung. Die mit Abstand wichtigsten Faktoren seien die sozialen Kontakte
wie Familie, Freunde usw. Viel wichtiger als Karriere und Erfolg.

WANN & WO: Lässt deine Arbeit genug Zeit dafür?

Hans Weingartner: Schon. Wenn ich nicht gerade drehe, dann habe ich relativ normale Arbeitszeiten. Spätestens um 19 Uhr geht’s ab nach Hause. Auch am Wochenende mache ich
konsequent frei. Wer das professionell macht, richtet sich irgendwann seinen Tagesablauf, sein Leben so ein, wie in „normalen“ Berufen auch. Sonst landest du im Burnout. Das habe ich
schon mit Mitte 30 realisiert. Körper und Geist brauchen Freizeit.

WANN & WO: Dein Familienstand ist aus öffentlichen Quellen wie Wikipedia nicht zu erfahren. Warum?

Hans Weingartner: Ob ich verheiratet bin oder nicht, ob ich Kinder habe, das will ich nicht öffentlich machen. Ich glaube, das würde die Arbeit für mich schwieriger machen. Mein
Privatleben soll privat bleiben. Ich möchte nicht, dass darüber gesprochen wird, also spreche ich nicht darüber. Auf Wikipedia wird übrigens viel Blödsinn über mich geschrieben. Da kann ja jeder reinschreiben, was er will. Die Hälfte von dem, was da steht, stimmt einfach nicht.

WANN & WO: Was bedeutet dir Vorarlberg?

Hans Weingartner: Sehr viel. Vorarlberg ist meine Heimat, das spüre ich stark. Ich komme sehr gerne immer wieder zurück. Obwohl ich nun schon viele Jahre in Deutschland lebe, erst in Köln, jetzt in Berlin, fühle ich mich da immer noch als Gast. Richtig daheim bin ich hier in Vorarlberg.

WANN & WO: Wieso das?

Hans Weingartner: Ich weiß es nicht, da wirst du einen Psychologen fragen müssen. Wo du deine Kindheit verbracht hast, da bist du daheim. Bei mir ist das so. Ich denke ernsthaft darüber nach, wieder hierher zu ziehen. Die Berge fehlen mir zum Beispiel sehr. Sie sind auch eine große Inspirationsquelle. Bei Bergwanderungen hatte ich immer meine besten Ideen, auf meinem Computer sind aus hundert Wanderungen hundert Geschichten gespeichert. Die muss ich alle noch drehen. (lacht) Vielleicht finde ich ja demnächst ein passendes Plätzchen zum Wohnen hier – ich bin für Angebote offen. (lacht) Ein altes Bauernhäuschen, ein Grundstück, irgendwo im Grünen, das wäre schön.

WANN & WO: Wann wusstest du, dass du Filme machen willst?

Hans Weingartner: Viel geträumt habe ich immer schon. Als Hobby fing es mit 16 an, beruflich war es erst viel später. Wirklich klar wurde es mir erst durch meinen Diplomfilm an der Filmhochschule, „Das weisse Rauschen“. Der kam richtig ins Kino und war auch finanziell nicht unerfolgreich, und da habe ich gemerkt: „Hoppla, davon kann man ja leben“. Da dachte ich mir: Okay, dann bist du jetzt Filmregisseur.

WANN & WO: Das heißt, du wusstest also erst, was du werden wolltest, als du es schon warst?

Hans Weingartner: Eigentlich schon, ja. Der Vorarlberger Weg. Zuerst sehen, ob man damit auch Geld verdienen kann. Die Wissenschaft, genauer gesagt die Neurowissenschaft, wäre auch eine Option gewesen. Aber dafür hatte ich wohl zu wenig Geduld.

WANN & WO: Als Regisseur setzt man mit der Wahl der Schauspieler alles auf eine Karte, oder im Fall von „303“ auf zwei. Inwieweit empfindest du das als Risiko?

Hans Weingartner: Es ist ein extremes Risiko. Triff da eine falsche Wahl, und der Film ist im Arsch. Du kannst noch so viele Castings machen, manchmal weißt du es einfach vorher nicht. Einen guten Film zu machen, da ist auch Glück dabei. An so einem Film arbeiten immer viele Menschen. Menschen machen Fehler, verlieren die Nerven, werden krank, haben schlechte Tage. Und dann bist du auch immer vom Wetter abhängig, von der Technik. Es gibt fast immer Unfälle. Deswegen gibt es so wenig richtig gute Filme. Wieviele von den rund 10.000  Kinofilmen, die jedes Jahr weltweit produziert werden, werden wirklich gut? Vielleicht zehn.

WANN & WO: Dank YouTube hat sich die Zahl schon vergrößert.

Hans Weingartner: Das sind Spaßvideos und keine Kinofilme. Klar kann jeder seine Clips auf YouTube hochladen. Da sind auch extrem witzige und kreative Sachen dabei. Aber vergleichen kann man das nicht.

WANN & WO: Schaust du YouTube?

Hans Weingartner: Wenig, ich muss mir meine Zeit einteilen (lacht). Wenn, dann diese Fail-Clips, die liebe ich. Da sieht man, wie die Menschen überall auf der Welt leben, blickt in ihre Wohnzimmer und Gärten, real und ungeschminkt. Das hat so gar nichts mit dem zu tun, was man im Fernsehen sieht, wo es immer sauber und aufgeräumt ist und alle Möbel piekfein und brandneu sind. Und man sieht echte, ungefilterte emotionale Reaktionen wie Schock oder Staunen. Vor allem Schauspieler sollten sich regelmäßig solche Clips anschauen.

WANN & WO: Sind Serien die bessere Film-Alternative?

Hans Weingartner: Serien sind eine Konkurrenz für Kinofilme, aber besser? Serien sieht man faul am Sofa, um abzuschalten. Ein Kinoabend hingegen ist ein aufregendes soziales
Ereignis. Du gehst raus und erlebst was, triffst Menschen, tauchst ab in eine andere Welt, lachst und weinst gemeinsam mit hunderten anderen. Das ist einmalig und das wird es immer sein! Als Künstler finde ich das Serien-Format interessant. Da hast du auch mal Zeit, auf dem Weg stehen zu bleiben und dich umzuschauen. Es gibt mehr Raum, um die Charaktere zu entwickeln, ihre Lebensumstände zu beleuchten oder sie einfach nur zu beobachten. Im Spielfilm ist das in dem Umfang nicht möglich. Da geht’s zack-zack, da muss jede Minute, jede
Szene genutzt werden, um die Handlung voran zu bringen.

WANN & WO: Du würdest also gerne Serien machen?

Hans Weingartner: Kann ich mir vorstellen. Mit 90 Minuten komm ich nicht aus, das hab ich noch nie geschafft. (lacht) „303“ ist auch wieder um einiges länger, fast zweieinhalb Stunden. Die erste Schnittfassung war fünf Stunden lang. Deshalb wird es den Film auch als sechsteilige Serie geben. Recht ungewöhnlich, weil es keine Cliffhanger gibt. Aber trotzdem sauspannend, weil man näher an den Protagonisten dran ist und wie in Echtzeit mit nach Portugal fährt.

 

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