„Für mich brach eine Welt zusammen“

"In Memory and Hope": Chiara ließ sich ein Tattoo für ihr Sternenkind tätowieren - es soll sie für immer an ihr Baby erinnern.
"In Memory and Hope": Chiara ließ sich ein Tattoo für ihr Sternenkind tätowieren - es soll sie für immer an ihr Baby erinnern. ©WANN & WO/Sams
Morgen ist Tag der Sternenkinder. Chiara (19) und Nicole (23), die beide ein Kind verloren haben, erzählen W&W von ihrer schweren Zeit.

Von Lisa Purin/WANN & WO

Etwa 15 Prozent aller Schwangerschaften enden tragisch. Nicole hat ihr Kind im 6. Monat verloren. „Der Tag verlief eigentlich ganz normal. Ich war noch einkaufen und hatte plötzlich starke Bauchschmerzen. Als ich dann im Krankenhaus war, brach für mich eine Welt zusammen. Ich weiß gar nicht mehr alles, denn der Tod meines Babys traf mich völlig unvorbereitet. Hätte meine Hebamme damals keine Fotos gemacht, wüsste ich heute wahrscheinlich nicht einmal mehr, wie er aussieht“, erzählt Nicole von ihrem schweren Schicksal.

Auch Chiara verlor ihr Baby noch im Bauch. „Meine Kleine war für ihr Alter vier Wochen zu klein, außerdem hatte ich kein Fruchtwasser mehr. Die Ärzte sagten mir dann, dass es keine Chance gäbe, meine Tochter zu retten. Sie hatte keinen Herzschlag mehr.“

„Wichtig, um Abschied zu nehmen“

Erst seit April 2017 gilt – laut Gesetz – jedes Baby, das vor oder bei der Geburt stirbt, als Sternenkind. „Alles, was unter 500 Gramm hatte, wurde nicht als Mensch anerkannt, sondern nur als Gewebe. Das klingt so, als würde ein Glas kaputt gehen, das man dann einfach wegwirft“, erklärt Nicole. „Zum Glück hat sich das jetzt geändert. Beim Standesamt kann man sein Kind eintragen lassen. Für eine Mutter oder einen Vater ist es extrem wichtig, vom Kind Abschied zu nehmen. Auch wenn es jetzt ein Sternenkind ist, es ist einfach mein Baby“, so Chiara.

Die beiden Frauen erzählen, dass es in unserer Gesellschaft immer noch als Tabuthema gilt, wenn man ein Baby verloren hat. „Wenn man mit jemandem spricht, der schon einmal damit konfrontiert war, ist es überhaupt kein Thema. Aber Menschen, die noch nie damit in Berührung gekommen sind, wollen meistens nichts davon wissen. Es ist auch nicht normal, dass man damit an die Öffentlichkeit geht“, wirft die 23-Jährige ein.

„Man hat das Gefühl, dass nichts und niemand in dieser Situation helfen kann. Lange Zeit konnte ich nicht darüber sprechen. Es gibt immer noch Tage, an denen ich weine, denn es wird nicht besser, nur anders. Man lernt damit umzugehen“, erklärt Nicole.

Auch für eine Partnerschaft ist der Verlust eines Kindes besonders hart. „Es benötigt viel Kraft, um das gemeinsam zu überstehen. Eine Frau verarbeitet das zum Beispiel anders, als ein Mann. Das haben wir beide gemerkt. Ich wollte immer darüber sprechen, mein Partner nicht. Das führte öfters zu Streitigkeiten“, so Chiara. Doch beide Frauen sind nach wie vor mit ihren Partnern zusammen.

Erinnerungen an ihre Kinder gibt es nicht viele. „Ich habe eine Urkunde mit Größe, Gewicht und Namen bekommen. Und natürlich das Foto“, so Nicole. „Meine Hebamme hat mir sogar die Fußabdrücke meines Sternenkindes gemacht. Solche Dinge sind eben das Einzige, das man noch hat. Dinge, die man auch berühren kann“, beschreibt Chiara die Situation.

Die 19-Jährige hat aber auch freudige Nachrichten: Sie erwartet wieder ein Kind mit ihrem Freund. „Ja, ich bin wieder schwanger“, freut sich Chiara. „Natürlich denkt man hin und wieder darüber nach, was passieren könnte. Aber im Großen und Ganzen freue ich mich einfach nur auf mein Kind.“

„Treffen uns regelmäßig“

In Rankweil gibt es einen Friedhof für Sternenkinder. „Ich muss gestehen, dass ich erst ein einziges Mal dort war, seit der Beerdigung. Aber ich habe mir zuhause einen Platz errichtet, um an mein Sternenkind zu denken – dort liegen auch die ganzen Sachen“, so Chiara.

Auch Nicole hat ihren ganz persönlichen Trauer-Ort: „Wir sind zwar öfters am Friedhof, doch ich bin lieber zuhause, wenn ich an mein verstorbenes Kind denke.“ Nicole leitet eine Facebook-Gruppe (Sternenkinder-Vorarlberg-Österreich) für Betroffene in Vorarlberg. Gemeinsam treffen sich die Frauen regelmäßig, um sich über ihren Schicksalsschlag auszutauschen. Wer Interesse daran hat, dabei zu sein, kann sich gerne bei den beiden melden. „Wir freuen uns, wenn sich Frauen, die ebenfalls ein Kind verloren haben, uns anschließen möchten.“

Morgen: Tag der Sternenkinder!

Der Tag der Sternenkinder findet jährlich am 15. Oktober statt. An diesem Tag wird allen Kindern gedacht, welche während der Schwangerschaft oder während bzw. kurz nach der Geburt sterben. Um 19 Uhr Ortszeit wird rund um die Welt eine Kerze ins Fenster gestellt, um den vielen kleinen geliebten Seelen, die nicht mehr bei uns sind, zu leuchten und ein Licht zu geben.

(WANN & WO)

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