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Feierabend an der Kreuzung

Hard – Marlies Wolf drängt nicht in den Vordergrund. Sie ist lieber dort, wo sie ihre berufliche Erfüllung findet, nämlich inmitten jener Menschen, die ihre Unterstützung brauchen. Vor 15 Jahren übernahm die psychi­atrische Krankenschwester die Leitung des von pro mente Vorarlberg betriebenen Arbeitsprojektes „Volldampf“ in Hard.

Hier werden Menschen mit seelischen Erkrankungen auf eine Rückkehr ins Erwerbsleben vorbereitet. Es sind vorwiegend Frauen, die in der Wäscherei und Büglerei wieder erste zaghafte Schritte setzen, um ihrem Dasein eine positive Wende zu geben. Wenn ehemalige Klientinnen schließlich bei Marlies Wolf anrufen und sie nach ihrem Wohlbefinden fragen, weiß die patente Tirolerin, dass es die Frauen geschafft haben. „Das sind dann wirklich tolle Momente“, sagt sie.

Gründlicher Neuanfang

Vor zehn Jahren übersiedelte die Besitzerin von fünf Landschildkröten der Liebe wegen nach Vorarlberg. Und musste ihr gesamtes Leben ändern. Vor allem der Abschied von der Psychiatrischen Klinik in Hall, wo Marlies Wolf gearbeitet hatte, sei ihr schwergefallen. Aber wenn es schon sein sollte, wollte sie wenigstens einen gründlichen Neuanfang. Gelegen kam ihr da die Ausschreibung für die Leitung des Arbeitsprojektes „Volldampf“. Die Bewerbung zeitigte Erfolg und seitdem fährt Marlies Wolf jeden Tag von Koblach, wo sie wohnt, nach Hard, wo sie arbeitet. Und das nicht nur in ihrem kleinen Büro. „Marlies ist überall“, erzählt eine Frau. Doch nicht um herumzukommandieren, sondern um selbst mitanzupacken.

Vielfältige Lebensgeschichten

So bleibt sie in Kontakt mit ihren Klientinnen und ist da, wenn Hilfe nötig wird. „Man muss sehr offen sein für die Vielfalt an Lebensgeschichten, die sich da auftut“, meint Marlies Wolf. Damit hat sie allerdings keine Probleme. Es falle ihr leicht, auf Menschen zuzugehen. Gleichzeitig seien diese unterschiedlichen Charaktere das Interessante an ihrer Arbeit. Da gilt es Herausforderungen anzunehmen und Rückschläge einzustecken. Doch am Ende des Tages steht häufig der Lohn in Form von positiven Veränderungen. Diese gemeinsam mit den Frauen rückblickend zu betrachten ist auch eine Seite, die Wolf an ihrer Tätigkeit schätzt.

Zeit der Stabilisierung

Zwischen 12 und 15 Klientinnen sind bei „Volldampf“ beschäftigt. „Waschen und Bügeln ist eher Frauensache“, merkt Marlies Wolf schmunzelnd an. Die einzigen Männer sind der Zivildiener und „Eugen“, der Hemden-Fini­sher. Im Projekt bleiben können die Klienten bis zu 24 Monate. Die meisten nützen diese Zeit zur Stabilisierung. Anschließend gelingt auch vielen wieder die Rückkehr auf den ersten Arbeitsmarkt. „Ein Job ist Normalität und gibt Selbstvertrauen“, weiß Marlies Wolf.

Dass der Service immer stärker nachgefragt wird, sorgt für zusätzliche Motivation. Zwischenzeitlich musste sogar die Betriebsfläche vergrößert werden. „Wir haben sehr viele private und gewerbliche Stammkunden, die ihre Wäsche aus Überzeugung an der Sache zu uns bringen“, freut sich Wolf. Speziell für sie gibt es heute aus Anlass des 15-jährigen Bestehens ein „Dankeschön-Fest“.

Danach wird sich Marlies Wolf, wie immer, ins Auto setzen, bis zur Achkreuzung den Tag rekapitulieren und dann, wenn die Ampel auf Grün springt, in den Feierabend eintauchen. Es ist ihr ganz persönliches Ritual, um mit der Arbeit abzuschließen. Hin und wieder muss sie sich das laut vorsagen, wobei sie hofft, „dass mich niemand sieht“. Aber meistens schafft sie es ohne Schelte.

Zur Person: Marlies Wolf Geboren: 5. März 1963 in Rietz, Tirol Familienstand: Verheiratet Beruf: Psychiatrische Krankenschwester Hobbys: Wandern, Lesen, die 5 Landschildkröten, Nachbarskind Kerstin

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