Europa ist im Erdöl-Rausch

"Schlussendlich muss jeder selbst für sich entscheiden." (Daniele Ganser)
"Schlussendlich muss jeder selbst für sich entscheiden." (Daniele Ganser) ©VOL.AT/ Philipp Steurer
Mäder - Warum VN-Klimaschutzpreisträger Pioniere sind und Europa von Erdöl abhängig ist.

Es sind erschreckende Daten, die aktuell von der UN-Umweltbehörde UNEP veröff entlicht wurden: Die Welt entfernt sich immer weiter vom Ziel, die Erderwärmung rechtzeitig zu stoppen. Ohne einschneidende Maßnahmen sei der Plan, die Temperatur auf ein Plus von maximal zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, nicht zu erreichen, schlägt die Behörde Alarm. Was also tun? Die Preisträger des VN-Klimaschutzpreises 2012 haben sich genau diese Frage gestellt – und die für sich richtige Antwort entdeckt. Für ihr beeindruckendes Engagement wurden sie gestern Abend im J.J.-Ender- Saal in Mäder geehrt. „Wir alle können pro Natur und Umwelt Zeichen setzen und Schritt für Schritt in die richtige Richtung gehen – und das haben unsere Preisträger mit großer Vorbildwirkung getan“, betonte VN-Chefredakteurin Verena Daum-Kuzmanovic zu Beginn der Veranstaltung. Den VN sei es seit vielen Jahren ein Anliegen, eine entsprechende Bewusstseinsbildung zu forcieren.

Keine Belehrung

Warum an einem Engagement für Effizienzsteigerung bzw. Energieeinsparung kein Weg vorbeiführt, machte Klimaschutzpreis-Gastredner Daniele Ganser deutlich. Sein Vortrag unter dem Titel „Peak Oil: Der globale Kampf ums Erdöl“ führte seinem Publikum in charmantem Schwizerdütsch vor Augen, wie sich Europa und der Rest der Welt im Erdölrausch befinden. Er stellte seinen Vortrag unter den Titel „Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit“. Spannende Fakten mit eindrücklichen Bildern machten den Vortrag zu einem Erlebnis.

Dabei verzichtete er auf eine Belehrung. „Es gibt immer diejenigen, die sagen, dass das Erdöl knapp wird. Und sie können schon nächste Woche einen Artikel lesen, wo drinnen steht, es geht nicht aus“, so Ganser und fügt hinzu: „Schlussendlich muss es jeder für sich selbst entscheiden.“ Wussten Sie, dass zwei Millionen Ölfässer auf einen Supertanker (das sind die größten Schiffe der Welt, die nicht viele Menschen zu Gesicht bekommen, d. Red.) passen? Wussten Sie, dass wir 88 Mill. Fässer Öl pro Tag brauchen? „Und die Lage wird sich nicht entspannen“, ist Ganser überzeugt und scherzt: „Auch nicht, wenn Vorarlberg die Energieautonomie 2050 erreicht.“ Was er übrigens für ein bemerkenswertes Ziel hält. Für ihn ist Vorarlberg so etwas wie eine „Geheimzelle, die über Probleme nachdenkt, bevor andere wissen, dass es sie gibt“.

Dass Ölverbrauch und Entwicklung der Menschheit irgendwann nicht mehr miteinander zu verbinden sein werden, belegte Ganser anhand eines simplen Zeitachsenmodells. „Wir haben nur 12 Jahre gebraucht, um 1 Milliarde Einwohner zuzulegen. Mehr Menschen brauchen mehr Öl, Öl, um dessen Besitz sich die Weltmächte längst erbitterte Kämpfe liefern“, so Ganser.

Natürlich gebe es auch diejenigen, die sagen, es sei noch Erdöl für die nächsten 40 Jahre vorhanden. „Das stimmt auch.“ Nur sei darin ein Denkfehler enthalten. „Es stimmt dann, wenn man von einem konstanten Angebot ausgeht. Und das gibt es nicht.“

Vom Exporteur zum Importeur

Wie schnell das Erdöl ausgehen kann, zeigte er anhand des Beispiels Großbritannien. „Die Briten haben das Fördermaximum schon Mitte der 90er erreicht. Sie fördern von Jahr zu Jahr weniger“, sagt Ganser und erklärt: „Ganz einfach, weil bei einer Ölplattform immer weniger herauskommt, bis irgendwann gar nichts mehr herauskommt.“ Gleichzeitig sei der Bedarf der Briten seit den 90er-Jahren extrem gestiegen und würde mehr Öl benötigt, als gefördert wird. Deshalb seien sie nun nicht mehr Öl-Exporteur, sondern müssten den Bedarf mit Importen decken. Dieses und noch viele Beispiele mehr brachte der Schweizer Historiker und bat letzten Endes sein Publikum eines zu bedenken: „Wir sind diejenigen, die die Geschichte schreiben. Und wir müssen jetzt entscheiden, wie wir sie unseren Kindern einmal erzählen.“

Zur Person:

Dr. Daniele Ganser

Schweizer Historiker, Energie- und Friedensforscher, Leiter des Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER)

Geboren: 20. August 1972 in Lugano

Ausbildung: Studium Internationale Zeitgeschichte, Antike Geschichte, Philosophie und Anglistik in Basel und Amsterdam

Laufbahn: Von 2001 bis 2003 Senior Researcher beim Think Tank Avenir Suisse, von 2003 bis 2006 Senior Researcher am Center for Security Studies an der ETH Zürich, Mitglied der Expertengruppe zur zivilen Friedensförderung, Dozent für Zeitgeschichte an der Uni Zürich und Luzern

Aktuelle Publikation: Europa im Erdölrausch – Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit; ISBN: 3280054745

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