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"Es war eine richtige Schlacht"

Nina MAthies im Sonntags-Talk des W&W über die Abschiebungen in Wien.
Nina MAthies im Sonntags-Talk des W&W über die Abschiebungen in Wien. ©Sams
AKS-Bundesvorsitzende und „Fridays For Future Vorarlberg“-Mitbegründerin Nina Mathies (20) aus Altach über die Umweltbewegung in Pandemiezeiten, ihr politisches Engagement schon als Schülerin und die umstrittene  Abschiebung in Wien.

Von Harald Küng (WANN & WO)

WANN & WO: Nina, du studierst Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der BOKU – das ist ja eigentlich ein typisches Vorarlberger Thema, oder?

Nina Mathies: (lacht) Ja, absolut. Schon in der Unterstufe habe ich einen Artikel geschrieben: „Wie stellst du dir das Leben mit 30 vor?“ Da war ich zehn oder elf. Aber es stand damals schon für mich fest, dass ich einmal in einem Wasserkraftwerk arbeiten möchte. Ich hatte immer schon ein großes Interesse für Physik und Mathematik. In Österreich wird ohnehin stark auf nachhaltige Energien ge­­­setzt. Und Wasserkraft ist für mich persönlich die beste Option. Ein wirklich spannender Bereich.

WANN & WO: Das geht ja auch  direkt mit der Klimathematik und damit auch mit „Fridays For Future“ einher, die du ja in Vorarlberg mit gegründet hast.

Nina Mathies: Ja, das ist richtig. Wobei ich nicht mehr sehr aktiv bei den „Fridays bin“, seit ich mit dem Studium begonnen habe.

WANN & WO: Lass uns aber trotzdem noch kurz bei der Bewegung bleiben. Die letzte Großdemo fand Ende 2019 in Bregenz statt. Seither ist die Welt nicht mehr dieselbe, Großdemos aufgrund der Pandemie nicht mehr möglich. Ist die Thematik deiner Ansicht nach aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden?

Nina Mathies: Das stimmt leider. Man muss aber natürlich aufpassen, dass keine riesigen Infektionsräume geschaffen werden und  Demos haben das Potenzial, solche  zu sein. Ich finde es aber wichtig, dass weiterhin demonstriert werden darf. Es muss die Möglichket geben, zu sagen: „Hey, herhören, das geht so nicht!“ So ist es auch bei den „Fridays“. Die Bewegung musste neue Ansätze finden, im ersten Lockdown gab es beispielsweise den Netzstreik, bei dem ich natürlich auch dabei war. Das hat allerdings nicht dieselbe Symbolkraft wie eine Großdemonstration.  Da Thema darf aber nicht in Vergessenheit geraten. Die Klimakrise ist noch immer ein brennendes Thema.

WANN & WO: Wie hat sich die Pandemie im vergangenen Jahr auf dein Leben ausgewirkt?

Nina Mathies: Als politisch aktive Person war 2020 für mich ein sehr großer Einschnitt. Vieles musste abgesagt werden, dann mussten wir neue Konzepte und Methodiken entwickeln, um die Leute auch weiterhin zu erreichen. Vieles wurde dabei ins Netz verlagert. Das war nicht immer ganz einfach. Zudem wurde die Bildungspolitik immer stärker von Corona dominiert. Es gab und gibt große Fragezeichen, wie die Matura gestaltet wird, wie der Präsenzunterricht künftig abläuft, etc. Und es zeigt sich auch, dass sich aufgrund der andauernden Situation bei vielen Schülern die mentale Gesundheit  extrem verschlechtert hat.

WANN & WO: Wie geht es dir da persönlich in der Situation?

Nina Mathies: Ich komme weniger nach Hause, sehe meine Familie weniger – das ist schon sehr belastend. Es ist auch nochmal etwas anderes, in Wien in einer Wohnung eingesperrt zu sein, als im Ländle in einem großen Haus mit Garten. Im ersten Lockdown war ich in Vorarlberg, zuletzt aber überwiegend in der Wohnung in Wien. Das Onlinestudium kommt mir persönlich etwas entgegen, aber es ist doch was ganz anderes und für alle grundsätzlich einfach „Scheiße“.

WANN & WO: Weil du eben deine Familie angesprochen hast: Du bist  seit Jahren politisch sehr aktiv. Hast du das von zuhause mitbekommen?

Nina Mathies: Nein, aber meine Eltern waren schon immer sehr tolerant und haben gesagt: Wenn du dich für dieses oder jenes einsetzen willst, dann tu das. Auch wenn sie vielleicht nicht immer meiner Meinung waren. Ich war aber schon immer Klassensprecherin, ab der 7. Klasse dann auch Schulsprecherin. Meine Klassenvorständin hat mich da ein bisschen angeschubst. Als Schulsprecherin kam ich dann in Kontakt mit der AKS – und das hat mich bis heute nicht mehr losgelassen. Das war eine der besten Entscheidungen, die ich in meiner Oberstufenzeit getroffen habe. Es ist eine sehr bereichernde Sache, man lernt immer etwas Neues dazu, bekommt andere Perspektiven. Zudem habe ich dadurch viele neue Freunde gefunden. Die AKS war das Outlet, das mir immer gefehlt hatte, um meine Meinung und Inhalte vorzubringen.

WANN & WO: Kommen wir zu einem brisanten Thema – der Abschiebung in Wien: Du warst in der Nacht beim Abschiebezentrum. Wie hast du das Ganze erlebt?

Nina Mathies: Ich habe über Instagram davon erfahren. Es hat mich so aufgeregt, dass diese Familie inmitten einer Pandemie abgeschoben werden soll. Das fand ich schrecklich. In der Nacht desselben Tages hieß es dann, sie werden nun weggebracht und es treffen sich ein paar Leute in der Zinnergasse. Ich bin dann mit dem Taxi hingefahren, da war schon einiges los. 160 Personen hieß es, das hat mich schon überrascht. Wir sind dann zwei, drei Stunden dort gestanden. Es hat anfangen zu schneien und es kam immer mehr Polizei. Ein Auto nach dem anderen. Hunde waren auch dabei. Ich dachte mir dann, die sind schon ziemlich auf Krawall gebürstet.

WANN & WO: Wie ging es dann weiter?

Nina Mathies: Es war eigentlich alles ruhig. Mit der Zeit waren auch immer weniger Leute anwesend, es war ja mitten in der Nacht und eiskalt. Gegen fünf Uhr hörte man dann von der Polizei: „Los, los!“ Dann ging alles ganz schnell. Ich wurde hochgezogen, wieder auf den Boden gestoßen, dann wurde ich angeschrien „Aufstehen, aufstehen“. Ein Beamter ist mir auf die Hand gestanden und hat mich an den Haaren hochgezogen. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich es anzeigen sollen. Als ich wieder gestanden bin, begann ich zu filmen. Und sie haben nicht aufgehört – das war eine richtige Schlacht. Ich habe erst am nächsten Tag realisiert, wie wild es wirklich zugegangen ist. Meiner Meinung nach hat die Polizei ein echtes Problem, was Migrationsthemen angeht. Das ist ein wunder Punkt in der Exekutive, der auch innerhalb der Polizei stark polarisiert. Aber es wundert mich auch nicht wirklich, dass sowas dabei herauskommt, wenn beispielsweise ein Kickl in rechten Zeitschriften Polizeipersonal sucht.

WANN & WO: Sind derartige ­Zwischenfälle mit ein Grund für dein politisches Engagement?

Nina Mathies: Auf jeden Fall. Wenn ich sowas mitbekomme, dann kann ich gar nicht anders, als aufzustehen, laut zu sein und das anzukreiden. Solche Dinge dürfen nicht unkommentiert bleiben – das regt mich viel zu sehr auf, um da still zu bleiben.

Kurz gefragt

Was ärgert dich?
Derzeit Coronaleugner und Leute, die sich unsolidarisch verhalten.

Was freut dich?
Dass man – wie etwa bei der Abschiebung – in kurzer Zeit viele Leute mobilisieren kann und dass man Themen abseits von Corona doch noch groß machen kann.

Die österreichische Politik ist:
Aktuell sehr mutlos. Die derzeitige Regierung ist auch grad nicht so meins (lacht). Was mir Sorge bereitet, ist der allgemeine Rechtsruck, der durch Corona stark angetrieben wird. Speziell ältere Leute, die 68er, die eigentlich immer ganz cool waren, driften derzeit oft stark ins rechte Eck ab. Das ist beängstigend.

Zur Person: Nina Mathies

  • Alter, Wohnort: 20, Altach/Wien
  • Ausbildung/Funktion: Matura BG Dornbirn, Mitbegründerin Fridays For Future Vorarlberg, Bundesvorsitzende AKS, Bundesfrauensprecherin AKS, Studium Kulturtechnik und Wasserwirtschaft BOKU Wien
  • Hobbys: Wandern, Skifahren, Ländle besuchen und reisen

„Jetzt könnt’s no winken“ – Twitter-Video der Abschiebungsnacht von Nina Mathies

Nina Mathies war in der Nacht der Abschiebung der zwölfjährigen Tina, ihrer kleinen Schwester und ihrer Familie vor Ort und filmte unter anderem den heftig umstrittenen Polizeieinsatz. Auf ihrem Twitterkanal @ninamths teilte sie den Clip. Im dazugehörigen Tweet schrieb die 20-jährige Studentin aus Altach: „leider verwackelt & unscharf, aber trotzdem ganz klar zu hören: ,Könnt’s no winken‘ aus dem Mund eines Polizisten als die Transporter mit den Kindern vorbeifahren. Schockierend. #zinnergasse.“

(WANN & WO)

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