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Erzbischof verteufelt Facebook, MySpace und Co

©pixelio.de, Manfred Jahreis
Vincent Nichols, das Oberhaupt der katholischen Kirche von Wales und England, findet, dass die Gesellschaft durch das Internet und Mobiltelefone entmenschlicht wird.
Besonders auf Anwendungen im Bereich des Web 2.0 ist Nichols nicht wirklich gut zu sprechen: “Facebook und MySpace können zwar durchaus förderlich für eine Gesellschaft sein, aber ich bin da misstrauisch. Es ist keine abgerundete Kommunikation und kann deshalb auch keine abgerundete Gesellschaft zur Folge haben”, so der Erzbischof von Westminster in einem Interview mit dem Sunday Telegraph. Nichols kritisiert vor allem jene Freundschaften, die von Jugendlichen im Internet geschlossen werden und warnt davor, diesen zu viel Wert beizumessen. Diese Kontakte seien häufig von unbeständiger Natur, falls sie wieder auseinanderbrechen, würden sich die Jugendlichen jedoch verlassen fühlen und im schlimmsten Falle sogar Selbstmord begehen, so die Argumentation von Nichols: “Unter jungen Menschen ist das Trauma unbeständiger Beziehungen ein signifikanter Faktor für die Begehung von Selbstmorden.”
 
Für Erich Leitenberger, Chefredakteur der Katholischen Presseagentur, besitzen die Argumente des englischen Erzbischofs durchaus Gültigkeit, erklärt er im Gespräch mit pressetext: “Wenn sich Jugendliche aus dem konkreten Leben zurückziehen und nur mehr in virtuellen Welten unterwegs sind, dann ist das ein ernstzunehmendes Problem.” Die Folge wäre der Verlust der sozialen Kommunikationsfähigkeit. Die Klärung, ob flüchtige Beziehungen im Web ein signifikanter Faktor für Selbstmorde sind, überlässt Leitenberger aber lieber der Wissenschaft.

Erzbischof Nichols bezieht sich mit seinen Aussagen auf den kürzlich publik gewordenen Fall eines 15-jährigen englischen Schulmädchens, das von Mitschülern schwer beleidigt wurde und daraufhin eine tödliche Dosis Schmerzmittel zu sich nahm. Einige ihrer Schulkollegen hatten zuvor gehässige Kommentare über den Kleidungsstil und das Aussehen des Mädchens auf der Networking-Seite Bebo gepostet. Vorfälle wie diese würden jedoch zeigen, dass Kontakte und Erfahrungen, die man im Web 2.0 sammelt, sehr wohl realen Gehalt haben, sagt Natalia Wächter, wissenschaftliche Projektleiterin beim Österreichischen Institut für Jugendforschung auf Nachfrage von pressetext. “Zwischen virtueller und realer Welt gibt es eine starke Überschneidung. Erlebnisse im Internet müssen von den Jugendlichen genauso verarbeitet werden wie Erlebnisse im realen Leben.” Soziale Netzwerke wie Facebook oder MySpace übertragen demnach reale Lebenssphären in die digitale Welt des Internets. Dass darunter auch Beleidigungen und böse Kommentare zu finden sind, ist leider traurige Tatsache. Durch die hohe Reichweite, die diese Portale erzielen, seien freilich auch die sozialen Auswirkungen gravierender, so Wächter.

Dass Freundschaftsbeziehungen im Web 2.0 großteils unbeständig oder flüchtig seien, kann Wächter jedenfalls nicht bestätigen. Die Wissenschafterin argumentiert, dass Social-Networking-Plattformen ohnedies zu einem Großteil dazu benutzt werden, um sich mit Freunden aus dem wirklichen Leben – zum Beispiel aus der Schule oder aus der Nachbarschaft – zu vernetzen. Auch vom Vorwurf Nichols’, Jugendliche würden sich vermehrt über die Anzahl ihrer in sozialen Netzwerken gewonnenen Freunde definieren, distanziert sich die Forscherin: “Üblicherweise haben jene, die in der realen Welt über einen großen Freundeskreis verfügen, auch in sozialen Netzwerken viele Freunde.”

Die katholische Kirche ist Web 2.0-Anwendungen gegenüber prinzipiell positiv eingestellt. Nicht umsonst können Neuigkeiten über Papst Benedikt XVI. mittlerweile auch auf YouTube (“PopeTube”) oder via Facebook verfolgt werden. Der Papst selbst äußerte sich vergangenen Mai in einer Botschaft zum 43. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel ebenfalls überwiegend positiv zu diesem Thema und ermunterte junge Katholiken, “das Zeugnis ihres Glaubens in die digitale Welt zu tragen.” Für Leitenberger ist diese Strategie sinnvoll, schließlich müsse man mit Jugendlichen überall dort in Kontakt treten, wo sie sich zumeist aufhalten.

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