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Einfach ein Haus

©Benno Hagleitner
Hard - Kostengünstig sollte es sein und sparsam im Energieverbrauch, gesund zum Wohnen und alterungsfähig. Aus diesen Vorgaben ist im Harder Zentrum ein Holzhaus von bestechender Zeitlosigkeit entstanden. Es fügt sich in den Ort, als wäre es schon immer da gewesen.
Einfach ein Haus

In Hinblick auf das Ortsbild kann durchaus von einer „reparierten Bausünde“ gesprochen werden: Architekt Hermann Kaufmann hat Fotos mitgebracht vom Haus, das vorher hier gestanden hat. Nach weniger als dreißig Jahren Nutzungszeit war es kaum mehr zu gebrauchen. Seine Struktur war für ordentliches Wohnen nicht geeignet, die Materialisierung schlecht und ungesund. Während gute Bauten Jahrhunderte lang gemocht, geliebt und deshalb erhalten werden, bedeutet miserable Qualität wie in diesem Fall ein frühes Ende: Das Gebäude musste weichen.

Vom Abriss ausgenommen waren die Ziegel am Dach, die einzeln abgetragen und für die Wiederverwendung gereinigt wurden, und die Bodenplatte, die ausreichend dimensioniert war, um auch das neue Haus zu tragen. „Die Grundlage ist das Fundament der Basis“, meinte schon der berühmte Architekt Le Corbusier, der sich zum eben begangenen 50. Todestag ein kurzes Zitat an dieser Stelle verdient hat. Praxisnäher formuliert es Hermann Kaufmann: „Die Betonplatte war das Beste an dem Bestandsbau. Die konnten wir übernehmen.“ Das Entfallen teurer Fundierungs- und Aufschließungsarbeiten kam dem Wunsch nach günstigen Errichtungskosten sehr entgegen. Die Position und das grundlegende Format des neuen Hauses waren damit allerdings festgelegt.

In dem relativ eng gesteckten Rahmen galt es nun, das Raumprogramm unterzubringen. Ein passender Grundriss wurde entwickelt, in dem alles Erforderliche seinen Platz hat. Möglichst wenig Erschließung, möglichst viel Nutzfläche, rational gedacht und rationell zu bauen. Über die äußere Erscheinung waren sich Planer und Bewohner schnell einig. Das Satteldach ergibt sich einerseits aus den behördlichen Vorgaben für die Ortskernbebauung, andererseits legt das der für die Straße typische Doppelhausverband mit der ebenso bedachten Nachbarschaft ohnehin nahe. Dass es die geputzten Alt-Ziegel zu verwenden galt, war noch eine Draufgabe. „Es gibt keinen Grund, hier kein Satteldach zu machen“, ergänzt der Architekt, „dieser alte Teil von Hard erfordert die verbindende Form als Antwort.“

So wenig wie das Dach bedurfte die Fassade einer langen Diskussion. Das Haus erhielt eine senkrechte Lattung aus sägerauen Fichtenbrettern. Leichte Vorsprünge je Geschoßdecke geben der reduzierten Geometrie des Baukörpers horizontale Auflockerung. Es erinnert ein bisschen an die historische Form des Rheintalhauses, die für Hard nicht untypisch und stellenweise noch vorhanden ist. Als Anbiederung ist das aber nicht zu lesen. Vielmehr ergibt sich die Verwandtschaft aus dem pragmatischen und logischen Umgang mit dem Werkstoff Holz, der für das traditionelle Bauen lange Zeit charakteristisch war.

Es ist Gestaltung, die das Überflüssige meidet, dafür aber durch Genauigkeit und Sorgfalt im Detail das Notwendige behaglich macht – diese architektonische Haltung bestimmt auch das Innere des Hauses. Die Organisation des gesamten Volumens ergibt sich aus dem konstruktiven Raster der Balken-lagen, die auf den lastabragenden Holzrahmen der Außenwände liegen. Ein Leimbinder definiert als Unterzug der Länge nach die Mittelachse des Gebäudes. Alle Wände, die Fensteröffnungen, Eingang wie Stiegenhaus folgen dem Rhythmus, der sich so ergibt – oder vielmehr: der in eingespielter Teamarbeit aus Architekturbüro und Zimmererleuten mit viel Erfahrung ausgetüftelt wurde.

Einziger „Luxusgegenstand“ in dem weitgehend technikfreien Haus ist der Kachelofen, der im Wohnzimmer mit Stückholz befeuert wird. Ein Großteil seiner Wärme wandert in einen Pufferspeicher am Dachboden und wird anschließend über Heizkörper in den Zimmern verteilt. Im Winter ergibt das eine äußerst effiziente Ganzhausheizung, während in der Übergangszeit schon die Solaranlage am Dach ausreicht, um das mit Holzwolle gedämmte Haus mit warmer Luft und heißem Wasser zu versorgen. Außer der kompakten Speicheranlage herrscht im Dachgeschoß vorerst noch geräumige Leere. Das trägt zur nachhaltigen Qualität des Hauses bei: Für künftiges Wachstum gibt‘s noch Luft nach oben.

Daten & Fakten

Objekt Haus H, Hard
Architektur Architekten Hermann Kaufmann, Schwarzach; Planung: Ann-Katrin Popp; Bauleitung: Wolfgang Hammerer www.hermann-kaufmann.at
Statik Merz Kley Partner, Dornbirn
Planung 10/2014–12/2014
Ausführung 3/2015–6/2015
Grundstücksfläche 460 m²
Wohnnutzfläche 140 m²
Bauweise Holzelementbauweise, komplett in Fichte; Decken: massive Balkenlage sichtbar; Böden: Holzböden in Trockenaufbau, Bad: Schiffsboden; Wände: Holztäfer; Fenster: Holz; Heizung: Ganzhausheizung über Zentralofen im Wohnbereich, verteilt über Heizkörper
Besonderheiten kostengünstige, zimmermannsmäßige Konstruktion
Ausführung Abbruch Bestand: Kessler, Nenzing; Holzbau/Innenausbau: Michael Kaufmann, Reuthe; Fenster: Metzler, Hohenems; Dach: Rusch Gunter, Alberschwende; Heizung: Becker, Hard; Elektro: Albert Riem, Hard; Ofen: Peter Henn, Nüziders; Böden: Stipo, Bezau
Heizwärmebedarf 34 kWh/m²

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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