"Eine langfristige, tödliche Bedrohung"

©Sams
Der Verein „KlimaVOR!“ möchte die Corona-Phase nutzen, um die Weichen zu Vorarlbergs Klimaneutralität zu stellen: W&W sprach mit Klimaexperte  und Obmann Christof Drexel über den Vorarlberger Weg, Corona als Chance und Verzicht.

von Harald Küng/Wann & Wo

WANN & WO: Herr Drexel: Wie sieht der Vorarlberger Weg zur Klimaneutralität aus?

Christof Drexel: Das ist eine spannende Frage. Der Vorarlberger Weg wird oft gemeinsam gegangen. Es braucht Politik, Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft. Wir sind ein Verein der Zivilgesellschaft. Alle Mitglieder sind Privatpersonen,  wir laden auch jeden ein, beizutreten. Als wichtige Akteure in Sachen Klimaneutralität sind aber auch Ingenieurbüros vertreten, NGOs, Energieinstitut und inatura, Kirche und Caritas, Ökomode, Bioläden und Solarunternehmen. Aber auch die Firma Haberkorn, die sich als technischer Großhändler nicht primär um Klimaschutz kümmern kann, in vielen betrieblichen Prozessen aber sehr vorbildlich agiert.

WANN & WO: Glauben Sie, der Wandel kann gelingen?

Christof Drexel: Ja. Denn wir haben die Innovationskraft, den Hausverstand und auch die Moral. Wir müssen aber aufhören, Wirtschaft und Ökologie gegeneinander auszuspielen. Viele Klimaschutzmaßnahmen sind sehr arbeitsplatz­intensiv und damit gut für die Wirtschaft. Zudem gibt es ohne nachhaltig funktionierende Ökologie keine Wirtschaft. Wir müssen den Klimawandel endlich als jene Bedrohung wahrnehmen, die er darstellt: eine langfristige – und daher schwierig zu begreifende – aber tödliche. Klimaneutralität erreichen wir nur, wenn wir eine gesamthafte, zielgerichtete Strategie verabschieden, um dann entsprechende Maßnahmen umzusetzen. Genau das verankern wir in unserem „Big Picture Klima“ – da sind die einzelnen Bausteine definiert und im Detail beschrieben.

WANN & WO: Sie sprechen sich für  strukturelle Veränderungen aus. Wie können diese aussehen?

Christof Drexel: Die Art und Weise, wie wir leben und wirtschaften ist vom Regelwerk unserer Gesellschaft – der Gesetzgebung und dem Steuersystem – geprägt. Arbeit ist durch die hohe Steuerlast sehr teuer, deshalb wird sie möglichst wegrationalisiert und durch Maschinen- und Ressourceneinsatz ersetzt. Dieser wiederum ist kaum besteuert und daher sehr billig. Dieses Missverhältnis ist etwa dafür verantwortlich, dass Massentierhaltungsgfleisch von irgendwoher viel billiger ist, als Biofleisch vom Bauer um die Ecke. Das könnte aber leicht geändert werden: Verlagern wir die Steuerlast von der Arbeit auf die Gemeingüter,  kehrt sich das um. Es muss billiger werden, klimafreundlich zu leben und es muss teurer werden, auf Kosten von Menschen auf anderen Kontinenten oder nachfolgenden Generationen zu wirtschaften. Wir sind auch dafür, das anstehende Konjunkturprogramm auf ökologische Kriterien zu prüfen: Jeder Euro, der die Wirtschaft wieder ankurbelt und in den Taschen der Menschen landet, hat soziale und ökologische Nebenwirkungen. Wichtig ist, dass dabei insbesondere die Energieautonomie gestärkt wird.

WANN & WO: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Vorarlberg die Energieautonomie 2050 erreicht?

Christof Drexel: Es ist sicher ein  anspruchsvolles Vorhaben – aber machbar. Wir müssen es aber nicht nur politisch wollen, sondern auch in Form von Strategien und Maßnahmen umsetzen.

WANN & WO: Während des Lockdowns konnte man in Echtzeit mitverfolgen, wie sich die Natur erholt. Wie haben Sie die Zeit erlebt und wie schätzen Sie hier die zukünftige Entwicklung ein?

Christof Drexel: Manche sehen Corona als Warnschuss – ein Signal, dass wir nicht so weitermachen können. Nun müssen wir uns fragen: Wollen wir dorthin zurück, wo wir vorher waren? Oder gibt es Dinge, die wir aus dieser Situation mitnehmen können? Wir sahen, was im Krisenfall alles möglich ist. Wir dürfen nicht warten, bis uns die globale Erwärmung in vergleichbare Situationen bringt, in der das Abwenden der ganz großen Katastrophe nur mit hohen Kollateralschäden verbunden sein wird. Wir müssen jetzt darauf reagieren und die Gesellschaft zu einer klimaneutralen umbauen. Wenn wir jetzt gleich anfangen,  haben wir für den Umbau noch zehn bis 20 Jahre Zeit. Das ist zwar verdammt wenig, aber es geht noch.

WANN & WO: Ist dieser gesellschaftliche Umbau nicht automatisch mit Verzicht verbunden?

Christof Drexel: Ich glaube, dass es in den meisten Fällen falsch ist, von „Verzicht“ zu sprechen. Ist es Verzicht, sich mehr im Freien zu bewegen und dabei sein Wohlbefinden und seine Fitness zu steigern? Sich am reichhaltigen Angebot von regionalen und saisonalen Gemüsen bester (Bio-)Qualität zu erfreuen und dabei weniger krank zu sein? Sich dem Urlaubsstau auf den Autobahnen zu entziehen und stattdessen die Erholung in der unmittelbaren Umgebung zu finden? Oder stressfrei mit dem Zug zu reisen und sich von der ersten Minute an im Urlaub zu fühlen. Mir fallen nur wenige Dinge ein, die ich unter die Überschrift „Verzicht“ setzen würde. Ja, vielleicht einige besonders außergewöhnliche Orte dieser Welt aufzusuchen. Aber sind wir uns ehrlich: Wie oft führt uns eine Flugreise zum Taj Mahal oder zu den Niagarafällen? Und wie oft zu einem All-Inclusive-Urlaub, der im Wesentlichen überall auf der Welt gleich aussieht?

Kurz gefragt

Auto oder Fahrrad? Fahrrad.
Vervollständigen Sie folgenden Satz: Fossile Brennstoffe sind...... bald Geschichte.
Wo sehen Sie die Energie- und Klimazukunft Vorarlberg?Vorarlberg wird – wieder einmal – als Vorreiter und Modellregion von sich reden machen.

Zur Person: Christof Drexel

Alter, Wohnort: 51, Wolfurt
Ausbildung/Funktion: ausgebildeter Maschinenbauer, langjähriger GF drexel und weiss, heute Autor und Berater sowie GF drexel reduziert. Obmann „KlimaVOR! – Verein zur Förderung der ­Klimaneutralität Vorarlbergs“ (www.klimavor.at)
Hobbys: Schach, Musik, wandern, Radfahren, Skitouren, Jassen

>>Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier<<

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