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Ein Viertel der Spanierinnen nimmt Antidepressiva

Ein Viertel aller Spanierinnen konsumiert Antidepressiva. Mehr als 30 Prozent greifen zur Behandlung von psychischen Störungen zudem auf Beruhigungsmittel zurück.

Diese Ergebnisse wurden von Sonsoles Pérez, einem Arzt am Las Águilas Gesundheitszentrum in Madrid, im spanischen Fachjournal Atención Primaria veröffentlicht. “Der Konsum von Psychopharmaka kann oft auf Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz zurückgeführt werden. Wir wollten untersuchen, ob es eine positive Relation zwischen dem Konsum dieser Medikamente und einer Dysfunktion in der Familie gibt”, so Pérez.

Im Detail untersuchten die Autoren der Studie 121 Frauen im Alter von 25 bis 65 Jahren mithilfe des Apgar-Tests und der Stressful Life Events Skala (SLE). Ersterer wurde 1978 von Gabriel Smilkstein entwickelt. Mit dem Test werden Parameter wie etwa Kooperation, liebevolle und fürsorgliche Beziehungen sowie die Problemlösungsressourcen innerhalb der Familie untersucht. Mit der SLE-Skala wiederum werden jene Ereignisse aus der Vergangenheit eines Patienten unter die Lupe genommen, die ihn unter emotionalen Stress gesetzt und ihm Leid zugefügt haben könnten. Jedes Ereignis, zum Beispiel Tod des Partners, Gefängnisaufenthalte oder Arbeitslosigkeit, wird auf eine Skala gebracht, die die Patienten in hoch, mittel oder wenig gefährdet für psychische Erkrankungen einstuft. “Obwohl man glauben könnte, dass Familienkonflikte zu mehr Konsum von Psychopharmaka unter Frauen führen, haben wir einen solchen Zusammenhang nicht gefunden”, so Forscher Perez.

Auch in Deutschland und Österreich ist der Anteil von psychischen Leiden auf dem Vormarsch. Etwa zehn Prozent aller Erkrankungen in beiden Ländern sind mittlerweile psychische Störungen. In Deutschland sind sie bereits die am vierthäufigsten auftretende Erkrankung. Dies muss jedoch kein Indikator dafür sein, dass tatsächlich mehr Menschen als früher mit psychischen Problemen wie etwa Depressionen zu kämpfen haben. “Depressionen werden heutzutage von den behandelnden Ärzten besser erkannt und auch korrekter benannt”, betont Ulrich Hegerl, der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig, im Gespräch mit Pressetext. Der höhere Anteil sei auch auf die verbesserte Diagnostik zurückzuführen und darauf, dass mehr Betroffene als in der Vergangenheit Hilfe in Anspruch nehmen. Hegerl ist auch dagegen, Auslöser von Depressionen ausschließlich durch gewisse Lebensumstände eines Patienten zu erklären: “Oft gibt es gar keinen Auslöser. Depressionen können im Prinzip alle Menschen in allen möglichen Lebenssituationen ereilen”, so der Professor. Allerdings gebe es bei bestimmten Bevölkerungsgruppen, wie etwa bei Arbeitslosen, häufiger Erkrankungsfälle. Neben psychosozialen kommen auch körperliche oder genetisch bedingte Aspekte bei der Entstehung von Depressionen zum Tragen.

Den Konsum von Antidepressiva sieht Hegerl im Wesentlichen positiv: “Antidepressiva machen im Gegensatz zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln nicht abhängig und sind entgegen mancher Kritikerstimmen durchaus wirksam.” In Deutschland konsumieren Schätzungen zufolge etwa zwei Mio. Menschen Antidepressiva. Diese Medikamentengruppe genießt in der Bundesrepublik aber nach wie vor einen schlechten Ruf und wird in der Bevölkerung mit einiger Skepsis betrachtet, erklärt Hegerl. “Die zunehmende Therapie mit Antidepressiva hat meines Erachtens in Deutschland mit dazu geführt, dass bei der Suizidrate stetige Rückgänge zu verzeichnen sind”, sagt der Wissenschafter, der auch der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, vorsteht. Darüber hinaus werde oft darauf vergessen, dass Antidepressiva nicht nur zur Behandlung von Depressionen, sondern auch in anderen medizinischen Bereichen, zum Beispiel in der Urologie oder bei der Schlafförderung, eingesetzt werden, so Hegerl abschließend.

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