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Ecken, Kanten und Schrägen

Verhüllt mit dunkelbraunem Trapezlochblech hat Johannes Kaufmann alle neuen Gebäudeteile der Bregenzer Schule für Sozialbetreuungsberufe genauso wie einen Teil der vor rund zehn Jahren gebauten.
Verhüllt mit dunkelbraunem Trapezlochblech hat Johannes Kaufmann alle neuen Gebäudeteile der Bregenzer Schule für Sozialbetreuungsberufe genauso wie einen Teil der vor rund zehn Jahren gebauten. ©Wolfgang Schlocker
Bregenz. Der Dornbirner Architekt Johannes Kaufmann hat der boomenden Schule für Sozialbetreuungsberufe in Bregenz- Vorkloster ihren dringend benötigten Zubau und ein sanftes Facelifting verpasst.
Schule für Sozialberufe, Bregenz

Der Bedarf an kompetent ausgebildeten Betreuern für alte, kranke und behinderte Menschen bzw. Familien steigt in unserer immer älter und kälter werdenden Gesellschaft ständig. Rund 170 – davon etwa ein Drittel Männer – werden derzeit in der Bregenzer Schule für Sozialbetreuungsberufe auf ihren schwierigen Job vorbereitet. Als die Schule 1968 im Bregenzer Vorkloster gebaut worden ist, waren es zwei Drittel weniger. 2004 war ein erster Zubau nötig, nun ein zweiter. Was in mehrfacher Weise keine leichte Aufgabe für den Dornbirner Architekten Johannes Kaufmann war. Galt es doch mit einem relativ schmalen Budget, einer minimalen Bauzeit und einem Bauplatz auszukommen, der kein „normaler“ ist. Dieser ist im Prinzip das Dach des Zubaus von 2004, wobei durch die neue Bauhöhe auch neue Abstandsgrenzen zur Nachbarschaft zum Tragen kamen, was die Sache für den Planer auch nicht gerade vereinfacht hat.

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1_4.4091 ©Alt und Neu fließen wie selbstverständlich ineinander über. Innen genauso wie bei den großzügigen, mit Platten aus Zementestrich belegten Terrassen mit ihren zahlreichen Rückzugszonen. Foto: Wolfgang Schlocker

Von Vorteil war, dass der erste Zubau statisch bereits für eine Aufstockung ausgelegt war. Eine stimmige Verbindung des giebeligen, an der Straße gelegenen Haupthauses mit seinem teilweise aufgeständerten zweistöckigen Appendix und dessen Aufstockung erwies sich jedenfalls als „tricky“ Angelegenheit. Nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Geschoßhöhen in den einzelnen Gebäudeteilen. Und das in einem Haus, das absolut barrierefrei sein muss.

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2_1.4074 ©Für ein angenehmes Lernklima sorgen die durch ihre teilweise raumhohen Fenster lichtdurchfluteten neuen Klassenzimmer. Die Böden sind wie fast im ganzen Haus aus Holz, die Decken ebenso, die Wände sind weiß gestrichen. Foto: Wolfgang Schlocker

Die zündende Idee von Johannes Kaufmann war, das Flachdach des Zubaus zugunsten eines großzügigen, über alle drei Geschoße offenen, zentralen Raumes aufzureißen, der Erschließungs- genauso wie Aufenthaltszone ist. Strukturiert durch Treppen, die sich quer durch diesen mittleren Gebäudeteil ausbreiten. So entstehen reizvoll geschützte Zonen, die sich für die Schülerinnen und Schüler wunderbar unaufgeregt zum Gedankenaustausch, zum Essen und Lernen, aber auch zum Chillen eignen. Und eigentlich vergessen lassen, dass man sich hier in einem Schulhaus befindet.

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2_3.4067 ©Transparenz spielt eine zentrale Rolle, Durchblicke in sämtliche Richtungen, wodurch der öffentliche Charakter des Gebäudes unterstrichen werden soll. Foto: Wolfgang Schlocker

Schulhaus und will es auch sein. Wegen der explodierenden Zahl an Auszubildenden hat Johannes Kaufmann auf die bestehenden Klassenräume im ersten Geschoß des Zubaus von 2004 zwei weitere gesetzt. Dies war aus statischen Gründen nur in Leichtbauweise möglich, ausgeführt zum größten Teil aus vorgefertigten, optimal gedämmten Holzmodulen. Den neuen Klassenräumen sind großzügige Terrassen vorgelagert. Dort spielt sich das Lehren und Lernen teilweise genauso ab wie indoor. Hier ist es durch die breiten Fensterbänder bzw. raumhohen Fenster hell, die Böden wie die Decken sind aus Holz, die Wände weiß gestrichen.

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2_5.4079 ©Zwei Bregenzerwälder auf gleicher Wellenlänge: Katharina Lang, seit 18 Jahren Direktorin der Bregenzer Schule für Sozialbetreuungsberufe, und Architekt Johannes Kaufmann. Foto: Wolfgang Schlocker

Ein Facelifting haben aber auch die „alten“ Klassenzimmer bzw. das Dachgeschoß im ursprünglichen Bau mit seiner markanten Klinkerfassade erhalten. Dadurch wachsen alle drei Teile zusammen, Alt und Neu gehen wie selbstverständlich ineinander über. Selbst wenn unterschiedliche Geschoßhöhen durch Rampen oder Stufen überbrückt werden müssen, was dem Haus Charme genauso eine gewisse Großzügigkeit verleiht. Lehrer wie Schüler lieben jedenfalls ihre Schule und die Direktorin Katharina Lang, die die Schule bereits seit 18 Jahren leitet, liebt sie ganz besonders. Sie lobt die Stimmigkeit des Hauses für seine ganz spezielle Funktion, die vielen Ecken, die Atmosphäre. Was nicht zuletzt auch der Möblierung geschuldet ist, die teilweise alt, teilweise von Johannes Kaufmann neu geplant ist.

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2_6.4100 ©Die neuen Räume im zweiten Obergeschoß sind teilweise von oben angenehm belichtet. Ecken, um sich in kleiner Runde zu unterhalten, gibt es überall im Haus, im neuen, halbneuen ebenso wie im alten Teil. Foto: Wolfgang Schlocker

So heimelig die Atmosphäre im Inneren ist, so klar gibt sich der neue Trakt der Bregenzer Schule für Sozial- betreuungsberufe nach außen. Kaufmann hat über die zwei Obergeschoße des mittleren Trakts bzw. die neuen Räume eine Hülle aus dunkelbraun gefärbtem, fein perforiertem und gefaltetem Blech gestülpt. Was von außen fast wie ein Schutzschild daherkommt, ohne die Innenräume aber des Tageslichts zu berauben. Außerdem funktioniert das Lochblech ganz pragmatisch als Sonnenschutz. Generell kommen bei der Schule ganz bewusst relativ einfache Materialien zum Einsatz. Die Terrassen sind mit Platten aus Zementestrich belegt, ihre schnörkellosen Brüstungen sind aus verzinktem Stahl. Die Böden sind fast im ganzen Haus aus Holz, im alten Trakt teilweise aus hellem Marmor.

»“Ich habe versucht, das Beste aus den Vorgaben zu machen. Dass ich dafür keinen Pritzker-Preis bekomme, ist mir klar.” (Johannes Kaufmann, Architekt)«

Daten & Fakten

Objekt: Aufstockung Schule für Sozialberufe, Bregenz
Eigentümer/Bauherr: Werk der Frohbotschaft, Batschuns
Architektur: Johannes Kaufmann Architektur; www.jkarch.at
Projektleitung: Christos Hantzaras
Statik: Roland Brugger, Bludenz
Planung: 5/2012–8/2014
Ausführung: 4/2014–8/2014
Grundstücksgröße: 1758 m²
Nutzfläche: 230 m² (Aufstockung)

Bauweise: Bestand: Beton bzw. Mauerwerk verputzt; Aufstockung: Holzbau mit gedämmten Holzrahmen-Elementen und vorgehängter Metallfassade, gedämmt 24 cm; Innenausba

u in Gipskarton; Flachdach mit 30 cm Dämmung; Parkettböden aus Esche; Heizung mit Heizkörpern an bestehende Gasheizung; Holz/Alu-Fenster, dreifach verglast

Besonderheit: Barrierefreiheit durch Treppenlift und bestehende Aufzugsanlage

Ausführung: Baumeister: Zimmermann, Bregenz; Zimmermeister: Huber, Mellau; Fenster: Böhler, Wolfurt

Energiekennwert: 27 kWh/m² im Jahr (Heizwärmebedarf)
Baukosten: ca. 970.000 Euro (netto) (inkl. Möblierung)

Quelle: Leben & Wohnen – die Immobilienbeilage der Vorarlberger Nachrichten

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

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