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„Dürfen auch in der Krise Kinder nicht vergessen!“

Gerd Konklewski über die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf das SOS-Kinderdorf
Gerd Konklewski über die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf das SOS-Kinderdorf ©SOS Kinderdorf Vorarlberg
SOS-Kinderdorf-Leiter Gerd Konklewski über die Folgen der Corona-Krise für Familien und Kinder, Rat auf Draht und vermisste Teenager.

WANN & WO: Diese Woche wurden Fälle von zwei vermissten Mädchen aus der Wohngemeinschaft des SOS-Kinderdorf bekannt. Woran liegt es, dass immer wieder Jugendliche aus der Institution ausbüchsen?

Gerd Konklewski: Mittlerweile sind glücklicherweise beide Mädchen wieder wohlbehalten in die WG zurückgekehrt. Leider kommt dies immer wieder vor – zum Glück nicht so häufig, wie die letzten Tage. Viele Jugendliche kommen bereits mit dieser Problematik zu uns in die Wohngemeinschaft. Wir arbeiten mit den Jugendlichen daran und versuchen für sie da zu sein. Manche nehmen unser Angebot an – manche aber auch nicht. Die Entscheidung, ob sie in der WG bleiben möchten oder nicht, treffen die Jugendlichen selbst.

WANN & WO: Nehmen Sie solche Fälle noch ernst oder sind Sie da mittlerweile etwas „abgehärtet“?

Gerd Konklewski: Wir nehmen jeden Fall sehr ernst und machen uns natürlich Sorgen um die Jugendlichen. Im Fall einer Abgängigkeit werden umgehend die Polizei, die Kinder- und Jugendhilfe sowie die Bezugspersonen informiert, mit denen wir in engem Kontakt stehen und die wir unterstützen, wo wir können.

WANN & WO: Wer sind Ihrer Meinung nach die größten Leid-tragenden unter der Corona-Krise?

Gerd Konklewski: Ich denke, vor allem Kinder und Familien, die es eh schon nicht leicht haben, leiden darunter. Homeschooling, nur zuhause zu sein – das ist nicht nur für Erwachsene anstrengend. Unsere Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf sind genauso Helden der Corona-Krise, wie die Kassiererin an der Supermarkt-Kasse oder alle anderen, die im Sozialbereich arbeiten. Mein besonderer Dank gilt allen Pädagogen für ihre Kreativität im Umgang mit der neuen Situation.

WANN & WO: Welches sind derzeit die größten Sorgen der Jugend?

Gerd Konklewski: Ihre größte Sorge ist und bleibt der Klimawandel, daran hat auch Corona nichts geändert. Das SOS-Kinderdorf hat eine Umfrage unter 400 österreichischen Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: 85 Prozent der Befragten haben Angst um unseren Planeten. Daher freue ich mich, wenn auch wir bei SOS-Kinderdorf in Vorarlberg darüber nachdenken, wie wir unseren Alltag nachhaltiger gestalten können. Alle müssen diesen Weg mitgehen. Leider gibt es Politiker, die den Klimawandel als „Fake News“ bezeichnen und wissenschaftliche Belege ignorieren. Dies ist nicht nur für Kinder schwierig auszuhalten, sondern auch für Erwachsene. Öfters einmal Kindern zuhören, wäre sicher ein guter Rat an Politiker.

WANN & WO: Wie kann Kindern und Jugendlichen in diesen Zeiten unter die Arme gegriffen werden?

Gerd Konklewski: Wir dürfen bei aller Anstrengung, die Krise zu überstehen, unsere Kinder nicht vergessen. Wirtschaft ist wichtig – Kinder aber auch! Was jetzt zählt, ist, Familien zu entlasten und Druck rauszunehmen. Unsere Anstrengungen müssen dahingehen, wie Kinder und Familien unterstützt werden können. Daher braucht es mehr denn je Kreativität und auch ein Aufeinanderzugehen.

WANN & WO: Wie sah der Lockdown in SOS-Kinderdörfern und pädagogischen Angeboten aus?

Gerd Konklewski: Intensiv! (lacht) Das war es aber glaube ich für uns alle. Rückblickend bin ich froh, dass wir bisher sehr gut durch diese Zeit gekommen sind. Meine Anerkennung gilt den Mitarbeitern an der Basis – sie haben einen tollen Job gemacht! Je länger die Krisenzeit im Lockdown angehalten hatte, desto schwieriger wurde es, alle beieinander zu halten. Die Zeit des Homeschoolings war sicher für alle Eltern anstrengend. Nun stellen Sie sich aber einmal vor, Sie müssen für gleich zehn Jugendliche in einer Wohngemeinschaft Unterricht abhalten. Dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung, wie kreativ unsere Mitarbeiter waren und sind.

WANN & WO: Wie wirkten sich die Corona-Maßnahmen sonst noch auf das SOS-Kinderdorf aus?

Gerd Konklewski: Die Schutzmaßnahmen haben den Kindern und Jugendlichen viel abverlangt. Über Wochen waren aus Sicherheitsgründen keine Besuche oder Ausflüge möglich, mit den Eltern konnte nur telefoniert oder gechattet werden. Viele junge Menschen brauchen gerade in Krisenzeiten besonders viel Aufmerksamkeit und Zuwendung. Erst vergangene Woche hatte ich Kontakt mit einem Kollegen in Peru. Er erzählte, dass mehrere Verwandte von Mitarbeitern bei SOS-Kinderdorf Peru an Corona verstorben sind. Solche Nachrichten stimmen mich nachdenklich. Er jedoch meinte: Wir machen mit Kraft weiter. Um auch in anderen Ländern der Welt schnell und effizient helfen zu können, sind wir daher auf die Unterstützung von Spendern angewiesen.

WANN & WO: Mit allen Mitteln wird versucht, eine erneute Schließung der Schulen zu verhindern. Was halten Sie von E-Learning?

Gerd Konklewski: Das Home-schooling hat viele Eltern und auch uns stark gefordert. Auch bin ich mir sicher, dass dies ein Zukunftsthema bleiben wird. Kürzlich hatte ich die Idee einer Internetplattform, die kostenlos E-Learning-Videos anbietet, die sich thematisch am offiziellen Lehrplan orientieren. In der Praxis würde ich mir das so vorstellen, dass es gut gemachte Videos – zum Beispiel von Lehramtsstudenten – auf einer Onlineplattform gibt, die nach Unterrichtsfach, Schulstufe und Lehrstoff sortiert sind. Auch als Nachhilfe wäre so etwas toll. Aktuell sind einige Projekte in diese Richtung angedacht, daher habe ich große Hoffnung, dass so eine kostenlose Plattform bald existieren wird. Das hat auf jeden Fall Potenzial.

WANN & WO: Werden Kinder aus minderprivilegierten Familien somit zu „Bildungsverlierern“ der Krise?

Gerd Konklewski: Das könnte man so sehen. Die Frage ist, inwiefern die technischen Voraussetzungen für Homeschooling vorhanden sind. Klar ist, dass bei einigen Familien das Geld nicht da ist, um diese Voraussetzungen zu schaffen. Hier ist die Politik gefordert – mir fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Kinder von heute sind die Zukunft. Daher ist es wichtig, Geld in ihre Bildung zu investieren und auch neue Wege wie Hybridschule (Klassischer Unterricht und E-Learning) näher zu betrachten.

WANN & WO: Aufgrund des Lockdowns wurde neben der Schule auch der zwischenmenschliche Kontakt mehr denn je in die Sozialen Netzwerke verlegt. Worin liegen hierbei die größten Gefahren?

Gerd Konklewski: Sexuelle Gewalt ist sicher eine der größten Gefahren im Internet. Wir müssen Kinder und Jugendliche besser schützen und dürfen sie nicht allein lassen. Ich weiß von Workshops mit Schulklassen, dass circa die Hälfte der Schüler Handys einfach in die Hand gedrückt bekommt – ohne Hinweise oder Erklärungen. Ich rate Eltern mit ihren Kindern offen darüber zu reden und ihnen zu erklären, dass es auf Social Media  Menschen gibt, die einem nichts Gutes wollen. Und dass die Personen häufig auch nicht die sind, für die sie sich ausgeben. Daher ist Vorsicht geboten – vor allem bei Namen, Telefonnummern, Adressen – aber auch Mitgliedschaften in Vereinen, die ihr Team oft mit Bild im Internet zeigen.

WANN & WO: Wie wirkt sich die Krise allgemein auf Familien aus?

Gerd Konklewski: Überforderung und Existenzängste machen aus der Corona-Krise schnell eine Familienkrise. Konflikte eskalieren, die Gefahr von Gewalt an Kindern steigt. Ängste, Lernprobleme, psychische Belastungen oder Kinderarmut könnten langfristige Folgen sein. Daher ist es wichtig, sich auch einmal Zeit zu nehmen, tief durchzuatmen und sich auch selbst helfen zu lassen.

WANN & WO: Eines eurer Projekte ist die Hotline Rat auf Draht. Wie haben sich die Probleme der Hilfesuchenden in jüngster Zeit verändert?

Gerd Konklewski: Die Zahl der Beratungen hat sich in Zeiten der Corona-Krise verdreifacht! Statt bisher bekannten Sorgen wie etwa Liebeskummer oder Taschengeld, geht es plötzlich um Angst in allen Facetten: Werde ich einen Job bekommen? Verlieren meine Eltern ihre Arbeit? Dies sind die Fragen, die sich junge Menschen jetzt stellen. Viele Kinder und Jugendliche melden sich auch zu Themen wie Schlafstörungen, selbstverletzendem Verhalten oder Suizidgedanken. Das ist alarmierend! Darum ist es wichtig, dass Eltern die Sorgen und Ängste ihrer Kinder ernst nehmen. So banal es klingt, oft hilft schon ein gemeinsames Gespräch für das man sich aber auch Zeit nehmen muss. Und das Wissen, dass man mit seinen Sorgen nicht allein ist.

Zur Person: Gerd Konklewski

Foto: SOS Kinderdorf Vorarlberg
  • Geburtsdatum: 29. März 1972
  • Familienstand: Verheiratet
  • Position: Leiter SOS-Kinderdorf Vorarlberg
  • Ausbildung: Staatlich anerkannter Erzieher, Heil- und Sonderpädagoge, Sozialmanagement

WORDRAP

Das SOS-Kinderdorf hilft ...

... weltweit Kindern und Jugendlichen in Not.

Die Maßnahmen der Regierung sind ...

... vorausschauend, notwendig, hoffentlich gut mit Experten abgestimmt und hoffentlich auch nachhaltig

Mein Ratschlag um die Krise gut zu überstehen ...

... auch mal „fünf gerade sein lassen.“

Meine größte Sorge ist ...

... die für 2021 angekündigte Kürzung im Sozialbereich.

Corona trifft am härtesten ...

... die junge Generation sowie armutsgefährdete und sozial benachteiligte Menschen.

Die Jugend von heute ...

... ist die Zukunft von morgen.

Die ganze Ausgabe der heutigen Wann&Wo lesen Sie hier.

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