Dreieck mit Himmelsleiter

"Ich könnte nirgends anders mehr wohnen als in einem Dreieck" (Michaela Immler, Bauherrin)
"Ich könnte nirgends anders mehr wohnen als in einem Dreieck" (Michaela Immler, Bauherrin) ©Zooey Braun
Hard - Das Haus, das die Dornbirner ARSP-Architekten für Michaela und Robert Immler in Hard gebaut haben, vereint Wohnen mit Arbeiten, Urbanität mit Idylle.
Wohn- und Geschäftshaus Immler

Das Haus, das sich Michaela und Robert Immler mitten in Hard bauen lassen wollten, sollte so ziemlich alles können. Es sollte straßenseitig urban daherkommen und trotz des relativ kleinen Bauplatzes einen abgeschotteten sonnigen Garten besitzen, außerdem Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereinen, das noch dazu ein von der Gemeinde vorgeschriebenes Zeltdach sein musste. Das allerdings von der Straße her kaum wahrnehmbar ist. Genauso wie die Nachbarn, obwohl die Abstände zu diesen minimal sind.

Warum das alles geht, hat mit der Form des Hauses Immler zu tun, mit dem Ausscheren aus parallelen Fluchten zu jenen der Gebäude in der Nachbarschaft. Indem ARSP (Architekten Rüf Stasi Partner, Projektleiter Nicholas Thiele) einen Baukörper mit einem praktisch dreieckigen Grundriss erfunden haben. Ist die vierte Ecke doch höchstens als kleiner Knick in der straßenseitigen Fassade wahrnehmbar. „Die Bauherren haben sich viel getraut“, seien bei fast allen ihren Ideen mitgegangen, freuen sich Frank Stasi und Albert Rüf. Obwohl von den ursprünglich 20 Wunschpunkten der Bauherrn letztlich nur zwei erfüllt wurden: Fenster und Küchenmöbel aus Holz.

Trotzdem gesteht Michaela Immler lachend, sie könnte nirgends anders mehr wohnen als in einem Dreieck. Vom ersten Tag an wäre es so gewesen, als hätten sie immer schon hier gewohnt bzw. gearbeitet. Hat im Erdgeschoß doch Robert Immler seine Zahnarztpraxis eingerichtet. Ihr schwellenlos von der Straße aus zu betretendes Entree ist einladend offen durch ein großes raumhohes Fenster und die gläserne, von einem horizontalen Sichtbetonelement „beschirmte“ Türe. Die Theke, die Türen und Einbauten sind aus Esche, die Sitzmöbel mit grüngelbem Filz überzogen, die von der Decke hängenden Lampen überdimensional. Die äußeren Wände sind weiß verputzt, der Beton der inneren ist gestockt, jener der Decke nur geschalt, der Estrich geschliffen. In den drei Ordinationsräumen ist alles klinisch clean, weiß ist hier – abgesehen vom technischen Equipment – die dominierende Farbe. Die Außenwände sind aus 42,5 Zentimeter tiefen, mit einer acht Zentimeter dicken Außendämmung versehenen Ziegeln gebaut, auf die ein bewusst grober weißer Putz aufgetragen ist. Reizvoll gegliedert werden die Fassaden durch extrem breite und niedrige, außen schwarzbraun eloxierte Holzaluminiumfenster. Ihre ungewöhnlichen Proportionen hätten sich aus den räumlichen Vorgaben ergeben, sagt Nicholas Thiele. Dass die straßenseitige Fassade relativ geschlossen daherkommt, ist aber Programm. Die beiden anderen werden dagegen durch Balkone dominiert, die in Wirklichkeit riesige, an die Mauern gehängte Körbe aus schwarz eloxiertem Stahl sind. Sie kragen weit aus, der untere auf der östlichen Hausseite steht seiner Größe von fast 40 Quadratmetern wegen auf zwei Stützen, um gleichzeitig als Dach für die unter ihm abgestellten Autos zu funktionieren. Die beiden anderen sind mit ihrem 21 bzw. 26 Quadratmetern auch nicht gerade winzig und besitzen noch dazu geschützte, mit Holz belegte Loggien.

Angelegt als reizvolle Puffer zwischen dem Innen und Außen der Wohnungen im ersten und zweiten Geschoß. Wo das Dreieck allgegenwärtig ist. Besonders unter dem Zeltdach ganz oben, das in der Mitte sechseinhalb Meter hoch ist und in einem Zug betoniert werden musste. „Eine technologisch gewaltige Herausforderung“, die der Baumeister meisterhaft geschultert hat, so Frank Stasi. Wie hier oben ob der Kompromisslosigkeit der Umsetzung ihrer Ideen die Architekten generell über das ganze Gesicht strahlen.

Die Annäherung an die Wohnung der Bauherren mit ihren teilweise reizvoll gefalteten betonierten Wänden passiert über eine „Himmelsleiter“ (Stasi), einer mittig angelegten steilen Treppe mit Blick auf ein in das Zeltdach hineingeschnittenes Fenster. Um im rund 90 Quadratmeter großen, zentralen Wohn-Essraum zu landen, dessen Sichtmauerwerk eine feine Farbigkeit ins Spiel bringt, die in reizvollem Kontrast zum Grau der geschliffenen Estrichböden steht. Der Loftgedanke ist zwar unübersehbar, ohne die Möglichkeit, sich bei Bedarf abzuschotten, aber auszuschließen.


Daten & Fakten

Objekt: Wohn- und Geschäftshaus Immler, Hard
Eigentümer: Robert Immler, Michaela Immler
Architekt: ARSP – Architekten Rüf Stasi Partner, Dornbirn

Fachplaner/Ingenieure: Sicherheit: Mages, Dornbirn; Statik: Mader & Flatz, Bregenz; Heizung, Lüftung, Sanitär: Koller & Partner, Bregenz; Geologe: 3P, Bregenz; Kulturtechnik und Wasserwirtschaft: Rudhard + Gasser, Bregenz; Vermessung: Mattner, Dornbirn; Bauphysik: BDT IB, Frastanz; EDV: Matt, Fußach: Dental: Profimed, Wolfurt

Planung: 2012–2013

Ausführung: 11/2013–9/2014

Wohnnutzfläche: 545 m²

Grundstücksgröße: 947 m²

Bauweise: Massivbauweise; Stahlbetonkerne als Sichtbeton; Stahlbetonzeltdach als Sichtbeton innen; Außenwand aus Dämmziegeln 42,5 cm, innen: Sichtmauerwerk; außen 8 cm Hanfdämmung und Putz; weit auskragende Stahlbalkone; Fußböden: geschliffener Zementestrich; Heizung: Wärmepumpe; Innenwände: Stahlbeton als Sichtbeton (in Zahnarztpraxis durch nachträgliches Stocken veredelt); Gipskartonständerwände; Fenster: Holz/Aluminium; Küche: Sonderfertigung Schreiner

Ausführung: Baumeisterarbeiten: Oberhauser & Schedler, Andelsbuch; Zimmerer: Kaufmann, Reuthe; Fenster: Schwarzmann, Schoppernau und OK Glasbau, Dornbirn; Trockenbauer: Silva-Dominguez, Bregenz; Böden: Christian Greußing, Bezau; Heizung/Lüftung: Bartosek, Höchst; Elektro: Willi, Andelsbuch; Tischler: Sternath, Hard; Dach: Bejos Spenglerei, Dornbirn; Estrich: Vigl & Strolz, Schoppernau; Maler: Krista, Frastanz; Schlosser: Figermetall, Bezau; Fliesenleger: Rein, Dornbirn

Energiekennwert: 19 kWh / m²a (Heizenergiebedarf)


Quelle: Leben & Wohnen – die Immobilienbeilage der Vorarlberger Nachrichten

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut

Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

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