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„Dieses Virus geht nicht einfach wieder weg!“

©Privat
Das neuartige Coronavirus werde uns noch eine ganze Weile begleiten, sagt der in den USA lebende Chemiker Dr. Norbert Bischofberger. WANN & WO erreichte den gebürtigen Mellauer und Erfinder des Grippemittels Tamiflu im Home Office in Kalifornien.

von Harald Küng/Wann & Wo

WANN & WO: Herr Dr. Bischofberger. Zu allererst die wichtigste Frage: Sind Sie gesund?

Norbert Bischofberger: Ja, danke. Mir geht es sehr gut. Ich bin 64 Jahre alt, fühle mich wie 44 und verhalte mich – so wird es mir zumindest immer wieder gesagt – wie ein 24-Jähriger. (lacht)

WANN & WO: Was bedeutet Gesundheit für Sie – gerade in derart unsicheren Zeiten, wie wir sie aktuell erleben?

Norbert Bischofberger: Gesundheit gehört für mich zu den wichtigsten Dingen überhaupt. Man muss dankbar sein, solange man geistig und körperlich in guter Form ist. Verliert man eines von beidem, ist man kein ganzer Mensch mehr. Ich betreibe deshalb auch sehr viel Sport. Ich habe ein kleines Fitnessstudio in meiner Garage mit Hanteln, einem Fahrrad und einem Laufband. Geistig fit halte ich mich mit Büchern.

WANN & WO: Das neuartige Coronavirus raubt der ganzen Welt buchstäblich den Atem. Wie sieht die Lage aktuell in Ihrer Wahl­heimat in Kalifornien aus?

Norbert Bischofberger: Wir haben hier dieselben Zustände, wie sie auch in Österreich vorherrschen. Die Menschen werden aufgefordert, zuhause zu bleiben, nicht zur Arbeit zu gehen. Restaurants und Bars sind geschlossen, die Airports sind sind menschenleer. Das Leben ist völlig zum Stillstand gekommen. Medizinisch gesehen halte ich die getroffenen Maßnahmen für richtig. Ökonomisch ist das aber ein riesiges Problem. Wir müssen aber einen Kompromis finden, der medizinisch und wirtschaftlich richtig ist. Wir können ja nicht bis in alle Ewigkeit zuhause sitzen und nichts tun.

WANN & WO: Die USA gilt mittlerweile als Epizentrum der Pandemie. Wie nehmen Sie das bisherige Handeln von US-Präsident Trump wahr?

Norbert Bischofberger: Die Nachrichten und Pressekonferenzen der Trump-Administration waren und sind verwirrend, ständig wechselnd, uninformiert und geradezu gefährlich. Glücklicherweise sind wir aber nicht auf Washington angewiesen. Die Gouverneure der einzelnen Staaten – wie etwa Gavin Newsom hier in Kalifornien – haben die Dinge selbst in die Hand genommen und bereits früh eine Quarantäne angeordnet.

WANN & WO: Wie lange wird uns das Thema Ihrer Meinung nach noch beschäftigen?

Norbert Bischofberger: Dazu wage ich keine Prognose, denn es ist eine neue Infektion und man weiß es einfach nicht. Deshalb sind seriöse Vorhersagen derzeit nicht möglich. Bei einer Grippe wäre es einfacher, denn damit haben wir bereits lange Erfahrung. Fakt ist: Dieses Virus geht nicht einfach wieder weg, auch wenn das vielleicht der eine oder andere Politiker glauben mag. Wenn es nun aber nach ein paar Wochen heißt: So, nun dürfen wir alle wieder hinaus, kommt auch Sars-CoV-2 wieder zurück. Das Virus stirbt meiner Ansicht nach nur unter zwei Bedingungen aus: Entweder haben sich die meisten Menschen infiziert und eine Immunität aufgebaut, oder wir haben einen Impfstoff dagegen. Dieser liegt meiner Einschätzung nach aber noch 18 Monate in der Zukunft.

WANN & WO: Könnte es sein, dass das Virus künftig auch saisonal auftritt, wie es bei der Influenza der Fall ist?

Norbert Bischofberger: Auch das wissen wir derzeit noch nicht. Es könnte durchaus sein, dass Sars-CoV-2 in den Sommermonaten verschwindet – aber dann kommt er höchstwahrscheinlich im Winter wieder zurück. Das Virus ist nun da und es gibt meines Erachtens nur die zwei bereits angesprochenen Möglichkeiten, ihn unter Kontrolle zu bekommen: Immunität oder ein Impfstoff.

WANN & WO: Forschen Sie selbst auch an einem Impfstoff?

Norbert Bischofberger: Nein. Aber ich kooperiere freiwillig und unentgeltlich mit einigen Unternehmen, die daran arbeiten. Ich gebe meine Expertise zu wissenschaftlichen Themen und Herstellungsprozessen weiter.

WANN & WO: Wie gefährlich ­schätzen Sie das Virus ein?

Norbert Bischofberger: Die Gefahr ist meiner Meinung nach immer noch sehr gering. Der Großteil der Infizierten – Schätzungen gehen von bis zu 85 Prozent aus – haben ja keine oder nur sehr milde Symptome. Man weiß also gar nicht, dass sie infiziert waren. Ich gehe davon aus, dass die Infektionsrate zehnmal höher ist, als bislang angenommen. Das Problem sind die begrenzten Kapazitäten der Gesundheitssysteme. Um alle schweren Fälle im Spital betreuen zu können, lautet deshalb die Strategie: Verlangsamen. Aber so dauert die Epidemie auch entsprechend länger. Sie könnte in ein paar Monaten vorbei sein, aber mit der aktuellen Methode begleitet uns das Virus noch das ganze Jahr.

Kurz gefragt

Sie waren schon als Kind von Chemie fasziniert, in Ihrem Elternhaus in Mellau sollen Sie nicht ganz ungefährliche Experimente durchgeführt haben. Was haben Ihre Eltern dazu gesagt? Das stimmt. Damals gab es in Bezau einen Drogisten, der noch weniger Ahnung von Chemie hatte, als ich. Bei ihm habe ich dann brandgefährliche Stoffe wie weißen Phosphor bekommen. Das wäre heute undenkbar. Meine Eltern haben das alles mitbekommen, sie meinten aber nur: Der Spinner – den interessiert das halt. (lacht) Sie haben mir aber nie dazwischengeredet.

Sind Sie noch ab und zu auf Besuch in Ihrer alten Heimat? Ja, ich bin mindestens viermal jährlich in Europa – und dann natürlich auch in Vorarlberg. Und auch wenn ich schon seit über 30 Jahren in den Staaten lebe – das Ländle bleibt meine Heimat. Ich habe nun eben zwei Zuhause.

Sie sind mit der Erfindung des Grippemittels Tamiflu weltberühmt geworden. Wie erging es Ihnen mit dieser plötzlichen Popularität? Ich habe immer ein bisschen belächelt, dass die Öffentlichkeit von Tamiflu so beeindruckt war. In den USA wurde es bereits 1998 zugelassen, aber erst mit der Vogelgrippe 2004/2005 wurde Tamiflu plötzlich aktuell und berühmt, weil sich alle auf einmal bedroht fühlten. Wir hatten damals schon Mittel gegen HIV – zu der Zeit noch ein Todesurteil – oder auch Hepatitis B. Diese waren für die Presse aber nicht revolutionär genug. Mich hat immer nur die Forschung interessiert, nicht aber die Berühmtheit. Im Gegenteil: Mir ist es vertrauter, wenn mich die Leute in Ruhe lassen, Berühmtsein mag ich nicht.

Mit dem Erfolg von Tamiflu kamen Sie auch zu Geld. Welchen Stellenwert hat Geld für Sie? Geld hat mir nie viel bedeutet. Ich bin Wissenschaftler. Mein Leben ist die Forschung, mein aktuelles Ziel ist es, ein Mittel gegen Krebs zu finden. Wer zu sehr an Geld interessiert ist, findet sich schlussendlich als reichster Mann am Friedhof wieder. Auf dem Sterbebett sagt niemand: „Ich wünsche, ich hätte mehr Geld verdient.“

Zur Person: Dr. Norbert Bischofberger

Alter, Wohnort, gebürtig aus: 64, San Mateo/USA, geboren in Mellau
Familienstand: verheiratet, zwei Kinder
Karriere: Matura am Gymnasium Mehrerau in Bregenz, Chemiestudium in Innsbruck, Doktorat an der ETH Zürich, postgraduales Studium in Harvard, 1990 bis 2018 ­Gilead Sciences (Entwicklung Tamiflu), seit 2018 CEO Kronos Bio, San Mateo

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

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