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"Die Folgen für unser Gesundheitswesen wären absolut fatal"

©handout/Thomas Steurer
Gesundheitsgewerkschafter Thomas Steurer spricht mit W&W über geplante Einsparungen im Gesundheitsbereich und Wertschätzung für das Pflegepersonal.  

von Harald Küng/Wann & Wo

WANN & WO: Die Landesregierung plant aktuell für 2021 – inmitten der Coronapandemie – Budgetkürzungen im Gesundheits- und Sozialbereich zwischen fünf und zehn Prozent. Was sagen Sie dazu?

Thomas Steurer: Hier möchte ich vorausschicken, dass ich für die Krankenhäuser zuständig bin, sprich: für den „Akutbereich“, der von diesem Thema allerdings durchaus auch betroffen ist. Deshalb erlaube ich mir eine allgemeine Antwort: Es ist eine grundsätzliche Frage, ob es sinnhaft ist, den Rotstift im Gesundheitswesen anzusetzen, insbesondere bei denen, die man in Zeiten wie diesen dringend braucht. Im Gesundheitsbereich ist es ohnehin äußerst kritisch, mit dem Feuer zu spielen. Besonders gefährlich wird es dann, wenn beim Personal eingespart wird.

WANN & WO: Sie rechnen also mit Personalkürzungen?

Thomas Steurer: Diese Gefahr besteht derzeit durchaus, denn es ist für mich nicht zu erklären, wo sonst eingespart werden könnte. Der Sparstift wird dabei dort angesetzt, wo es von vornherein schon eine hauchdünne Personaldecke gibt. Die Folgen für unser Gesundheitssystem wären absolut fatal. Sehr viele KollegInnen kehren jetzt bereits dem Beruf den Rücken, weil sie die Belastungen nicht mehr aushalten. Andererseits wird auch die Attraktivität der Pflege, durch derartige Maßnahmen ganz sicher nicht gesteigert. Das heißt, Interessenten überlegen es sich dreimal, ob sie eine Ausbildung in den Gesundheitsberufen anstreben.

WANN & WO: Laut Wifo-Prognose wird bis 2030 52 Prozent mehr Pflegepersonal benötigt, als bisher. Das bricht sich aber mit möglichen Personalkürzungen.

Thomas Steurer: Es muss mit Hochdruck an der Ausbildung gearbeitet werden. Dazu muss der Beruf der Pflege attraktiver werden – gerade auch für Quereinsteiger. Die Rahmenbedingungen für den Berufseinstieg müssen wesentlich verbessert werden. Insgesamt muss ein attraktives Arbeiten möglich sein, damit die Menschen diesen Beruf gerne ausüben. Dafür muss auch der Personalschlüssel vernünftiger gestaltet werden und mehr Personal eingestellt werden. Die sogenannte „Pflegelehre“ lehnen wir aber nach wie vor ab. Da helfen auch die hinkenden Vergleiche mit der Schweiz nicht.

WANN & WO: Die geplanten Budget­kürzungen wären ursprünglich mit einer Nulllohnrunde einher gegangen, diese konnte allerdings verhindert werden. Wie sehen Sie das?

Thomas Steurer: Auch auf diese Frage kann ich nur auf die Vorarlberger Krankenhäuser bezogen antworten. Wie Landesrätin  Rüscher ausgerichtet hat, müsse in den Krankenanstalten ebenfalls eingespart werden. In Anbetracht der äußerst kritischen Ausgangslage – knappe Personaldecke und Corona-Situation –, ist eine Nulllohnrunde ganz klar abzulehnen. Beginnt man das Argument zu strapazieren, dass die Kollegen froh sein müssten, dass sie einen derart sicheren Arbeitsplatz hätten, so muss man auch das Argument gelten lassen, dass die Arbeitgeber­ froh sein müssen, Arbeitnehmer zu haben, die ihren Job unter diesen Bedingungen machen. Außerdem kann ja wohl niemand, der halbwegs ein Gewissen hat, ernsthaft über eine Nulllohnrunde für jene Menschen nachdenken, die an vorderster Front ihre eigene Gesundheit riskieren, wie wir das in den vergangenen Monaten erlebt haben.

WANN & WO: Sind solche Sparmaßnahmen in Anbetracht der aktuellen Situation nicht geradezu fahrlässig?

Thomas Steurer: Das ist  eine Grundsatzfrage, die sich die Verantwortlichen stellen müssen. Gerade in jenen Ländern, in denen Sparmaßnahmen, oder gar Privatisierungen im Gesundheitswesen durchgeführt wurden, haben die Menschen ganz besonders gelitten. Dort fehlt es nicht nur an Personal, sondern auch an Infrastruktur. Es wäre ein fataler Fehler, wenn man sehenden Auges auf Kosten der Bevölkerung das Gesundheitssystem kaputtspart. Kommen die Verantwortlichen zum Entschluss, es soll eingespart werden, so muss dies auch im Detail der Bevölkerung mitgeteilt werden. Nach den Erfahrungen der letzten Wochen und Monate ist es meiner Meinung nach aber vollkommen widersinnig, über Einsparungen im Gesundheitsbereich zu diskutieren. Was sicherlich  nicht funktionieren wird, ist, mehr Leistungen anbieten zu wollen, dies aber mit gleich viel oder weniger Personal. Wir brauchen jetzt schon mehr Fachpersonal, um die Leistungen ordentlich erbringen zu können. Jeder Euro im Gesundheitswesen ist gut investiert.

WANN & WO: Frankreich gab kürzlich bekannt, die Gehälter für Pflegepersonal monatlich um 183 Euro zu erhöhen. Was sagen Sie zu diesem Vorstoß?

Thomas Steurer: Einmalige Zahlungen wie ein Bonus oder eine Prämie sind nicht nachhaltig. Deshalb sind wir bestrebt, eine prozentuale Erhöhung der Löhne und Gehälter zu erreichen, weil diese den Kollegen dann auch bleibt. In den Bundesländern gibt es für die Krankenanstalten unterschiedliche Lösungen. In den Vorarlberger Landeskrankenhäusern werden 75 Prozent der Minusstunden, die auf Grund der „Teamsplittings“ entstanden sind, auf null gestellt. Es gibt zusätzlich eine steuerfreie Grundprämie von 200 Euro für Mitarbeiter, die zwischen minus und plus 24 Stunden gearbeitet haben. Kollegen, die mehr als 24 Überstunden angesammelt haben, erhalten zusätzlich für jede weitere Stunde 10 Euro. Selbstverständlich ist eine Lösung wie in Frankreich vernünftiger, wenn die Gehälter angehoben werden, weil dann eben eine Nachhaltigkeit geben ist.

WANN & WO: Glauben Sie, dass der Pflegebereich künftig die Wertschätzung erhält, die er verdient?

Thomas Steurer: Wertschätzung steigt immer dann, wenn man die entsprechende Berufsgruppe braucht. So konnte man durchaus sehen, dass in den letzten Monaten plötzlich Berufsgruppen in den Vordergrund gerückt sind, die sonst nicht im Fokus stehen, ja zum Teil geringgeschätzt wurden. Es hat sich einmal mehr gezeigt, dass jeder Beruf und damit jede Arbeit wichtig ist, damit die Gesellschaft funktioniert. Man muss sich nur einmal überlegen, was passieren würde, wenn plötzlich genau diese Berufe fehlen. Deshalb muss man vor jeder Arbeit und jedem Beruf Respekt haben, auch wenn man diesen nicht ausüben möchte. Der Applaus war durchaus eine schöne Geste, allerdings kann man sich nichts davon kaufen. Deshalb wäre eine Einsparung, Nulllohnrunde etc. ein Hohn den Beschäftigten gegenüber.

Kurz gefragt

Vervollständigen Sie bitte folgenden Satz:  Gesundheit ist... ? ... eines der wertvollsten Güter, die ein Mensch haben kann.

Wie wichtig ist Geld für Sie? Aus beruflicher Sicht: für den Pflege­bereich absolut notwendig.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wie sieht die Welt nach Corona aus?So schnell gibt es keine „Welt nach Corona“. Wir werden damit leben müssen, zumindest die nächsten Monate und Jahre.

Glauben Sie, dass wir gestärkt aus der Krise hervorgehen? Leider neigt der Mensch dazu, sehr schnell zu vergessen und gleich weiter zu machen, wie immer. Das können wir jetzt schon beobachten

Zur Person: Thomas Steurer

Alter, Wohnort: 53, Bregenz
Ausbildung/Funktion: Diplom-Gesundheits- und Krankenpfleger, Vorsitzender des Zentralbetriebsrats der Vorarlberger Landeskrankenhäuser und Vorsitzender der Gesundheitsgewerkschaft GÖD Vorarlberg
Hobbys: alte Architektur, Geschichte, lesen, wandern

Die aktuelle Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

(WANN & WO)

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