Deutschland trägt Trauer

Über drei Wochen lang ist die Begeisterung im Land übergeschwappt, hat die Euphorie südländische Dimensionen angenommen gehabt. Nach 120 Minuten eines einzigen Spiel ist alles anders.

Seit Dienstag trägt Fußball-Deutschland Trauer. Mit dem 0:2 gegen Italien in Dortmund ist der große Traum vom Finale geplatzt. Millionen Anhänger, viele von ihnen mit Tränen der Enttäuschung im Gesicht, zogen in der Nacht auf Mittwoch enttäuscht von den unzähligen Fan-Meilen ab, nachdem alles Anfeuern und Mitzittern vergebens war.

Nach dem bitteren WM-K.O. musste die Polizei in einigen Städten meist kleinere Rangeleien schlichten, in deren Verlauf es auch zu einigen Festnahmen kam. „Wir mussten ein paar Streithähne beruhigen, die ihren Frust austoben wollten, aber es gab keine organisierten Randale“, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch. Viele Fans trösteten sich friedlich, richteten ihren Blick nach vorne in dem sie skandierten: „Stuttgart ist viel schöner als Berlin!“

Und auf einer der elf Video-Wände in Berlin leuchtete nach dem 0:2 der Satz auf: „Ihr seid die Champions unserer Herzen!“ Die Ruhe, die Lethargie, der Schock verwandelte sich für kurze Zeit noch einmal in verzweifelten Beifall. Im Stuttgart steigt am Samstag das kleine Finale Deutschland gegen Portugal oder Frankreich und da wollen die WM-Gastgeber einen erfolgreichen Abschied begehen.

Trotz der Niedergeschlagenheit von der Ebene Schleswigs bis zu den Bergen Bayerns verschlug es den Deutschen nicht die Stimme. „Schade, jetzt müssen wir eben wieder vier Jahre warten“, war aus der Menge zu hören. Eine 80-jährige Berlinerin, die sich schon acht Stunden vor Spielbeginn ein Plätzchen nahe dem Brandenburger Tor gesichert hatte, trug es mit Fassung: „Ich bin traurig, aber unser Team hat alles gegeben.“

Ein 51-jähriger Mann, der mit seiner Frau aus Sachsen-Anhalt in die Hauptstadt gekommen war, meinte: „Große Trauer – die Deutschen haben aber trotzdem gut gespielt. Und noch vor einem halben Jahr hätte ich auf die deutsche Mannschaft keinen Cent gesetzt.“ Der Italiener Andrea Fusaro, der seit 46 Jahren in Berlin lebt, sah den Erfolg seiner „Sqaudra“ mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Wir haben das verdient, ich freue mich.“

Der Mann zollte den Deutschen ebenfalls Lob: „Sie haben mit diesem Turnier so positive Signale gesetzt.“ Das bestätigten die Organisatoren der Berliner Fan-Meile mit Zahlen. Mit bisher insgesamt 7,3 Millionen Fußball-Enthusiasten wurden die kühnsten Besucher-Prognosen übertroffen. Schon zwei Mal musste das Areal wegen des Massenandrangs nachgerüstet werden. Und zumindest einmal wird die Meile nochmals frequentiert sein. „Die Party ist jetzt nicht zu Ende, ich werde Deutschland auch im Kampf um Platz drei unterstützen“, versprach ein 16-Jähriger Berliner.

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