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Der Panama-Effekt

"Alles, was wir gemacht und geplant haben, haben Planung und Nutzer miteinander gemacht." (Joachim Schmidle, Architekt)
"Alles, was wir gemacht und geplant haben, haben Planung und Nutzer miteinander gemacht." (Joachim Schmidle, Architekt) ©Christian Grass
Frastanz - Solide Architektur und eine lebendige Formensprache verwandeln eine anspruchsvolle Bauaufgabe in einen vielfältigen Lebensraum.
Bilder vom Haus Panama

Kennen Sie Panama? Ja? Das heißt, Sie kennen den Namen, kennen das Land zwischen Costa Rica und Kolumbien aus Büchern? Und der eine oder andere war auch schon dort. Oder: Sie haben selbst Kinder, oder lieben Kinderbücher und kennen natürlich das Panama aus der Geschichte von Horst Eckert (vulgo Janosch), in der sich Bär und Tiger auf die Reise nach dem glücksverheißenden Land machen, das sie nach einiger Zeit im eigenen Zuhause wiederfinden. Ein anderes Panama, ein Haus Panama, das sich unmittelbar darauf bezieht, findet sich in Frastanz. Ein Haus mit verschiedensten Einrichtungen an der viel befahrenen Landesstraße zwischen Feldkirch und Bludenz. Dieses Panama war mehr als 20 Jahre zuvor an einem anderen Standort entstanden und hat hier in dem Haus an der Mühlegasse eine neue, größere und geeignetere Form gefunden. Dahinter steht eine gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste – „Aquamühle“, die eine Reihe von Institutionen zur Tagesbetreuung von Kindern, aber auch zur Wiedereingliederung von Menschen betreibt, die sozial oder psychisch an den Rand der Gesellschaft geraten sind.
„Oh, wie schön ist Panama!“ So zitieren gelegentlich die Betreiber und auch die ansonsten viel prosaischer auftretende VOGEWOSI den Kinderbuchautor. Im Haus selbst ist man zurückhaltend mit Zitaten, hat man doch genug an Kindergerechtem und Kinderfreundlichem zu bieten.

Im Erdgeschoß befinden sich die Kindertagesbetreuung „Panama“ und der Tagesraum eines Eingliederungsprogramms für Erwachsene. Darüber ist „unterstütztes Wohnen“ untergebracht mit sieben Zimmern samt Bad und einem Gemeinschaftsbereich, der in ein gemeinschaftliches Wohnzimmer und in einen Koch-Essbereich gegliedert ist. Ganz oben sind schließlich vier Dreizimmerwohnungen mit respektabler Aussicht angeordnet.

Architekt Joachim Schmidle hatte ein Ohr und viel Verständnis für die Anliegen der Pädagog(inn)en und Betreuer(innen) und hat sie im Vorfeld der Planung integriert. Mit ihnen wurde das Raumprogramm entwickelt und auch in der Wahl der Wandfarben wurden deren Erfahrungen zu beruhigenden und belebenden Farben berücksichtigt. Die Gliederung des großen Spiel- und Bastelraums durch Möbeleinbauten aus solidem Eichenholz verhalfen zu Raumgrößen, die den langjährigen Erfahrungen des ambitionierten Betreuungsteams entsprachen. Man spürt die Früchte dieser Kooperation an der Freude im alltäglichen und reibungslosen Betrieb, der sich von 7.30 bis 18 Uhr erstreckt.

Der Aufbau und die Materialwahl des Bauwerks sprechen eine klare und logische Architektursprache und verweisen auf seine inneren Funktionen. Eine weiß verputzter und zweigeschoßiger Sockel baut eine breite Basis auf und birgt schützend alle öffentlichen und sozial funktionalen Aufgaben in sich: Im Erdgeschoß der Eingang, die Tagesbetreuung für die Erwachsenen und die Kindertagesbetreuung mit deren Küche, Nebenflächen und den integrierten Schlafräumen. Im Obergeschoß sind dort die halböffentlichen Gemeinschaftsflächen und das Stiegenhaus sicher untergebracht. In diese Basis senkt sich ein optisch „weicher“, mit Lärchenholz verkleideter „Wohn-Körper“. Die Wohnungen im zweiten Obergeschoß, die individuellen Zimmer und Rückzugsbereiche des unterstützten Wohnens und die großzügigen Spielflächen für die Kinder im Erdgeschoß bilden den gemütlich freundlichen Teil des Hauses, der sich mit seiner offenen Holzverschalung zur ruhigen Südseite orientiert. Dieser Holzkörper ragt auch über den Eingang hinaus, verleiht ihm ein breites, überdachtes Vorfeld, das um vier Stufen erhöht einen geschützten Übergang bildet vom Haus zum Verkehr der Straße.

Logisch auch die Ordnung der Bauteile. Der Neubau steht als winkelförmiger und dreigeschoßiger Baukörper an der Straße im Norden und Westen, schützt sich selbst mit schmal gehaltenen Dreischeiben- Isolierglasfenstern und schirmt das dahinter liegende Wohngebiet vom Lärm ab. Der unmittelbare Nachbar hat dies mit seinem Wohlwollen bei der Entstehung belohnt und empfindet erfreulicherweise das Zusammenleben auch sonst als Bereicherung. Balkone und große Verglasungen öffnen das Haus nach Süden, wo sich das einmalige Bergpanorama des Montafons aufbaut und dadurch Arbeit und Wohnen mit dem Adel der Aussicht versüßt.

Daten & Fakten

Objekt: Haus Panama

Bauherr: VOGEWOSI, Dornbirn

Betreiber: aqua mühle frastanz – soziale dienste gem. GmbH

Planung: DI Joachim Schmidle, Frastanz

Statik: DI Paul Frick, Rankweil

Nutzfläche: 1243 m2

Grundstücksgröße: 1250 m2

Nutzungen: 7 Sozialwohnungen, 7 Bewohnerzimmer (unterstütztes Wohnen), Kindertagesbetreuung und Ganztageskindergarten, Integrationshilfe für Erwachsene mit Verwaltungs- und Beratungsräumen (Tagesstruktur all_tag)

Planungsbeginn: 2009

Fertigstellung: 2011

Baumeister: Wilhelm + Mayer Bau GmbH, Götzis

Haustechnikplanung: Karlheinz Linher, Frastanz

Heizungs- u. Sanitärinst., Solaranlage: Bechter GesmbH, Bregenz

Elektroinstallationen: Rist & Co GesmbH, Wolfurt

Trockenbau: Ausbau Bohn GmbH, D-Erfurt

Schwarzdecker und Spengler: Rusch GesmbH, Bregenz

Fenster/Balkontüren: Heinrich Manahl GmbH, Bings

Möblierung: Tischlerei Ernst Plattner, Hohenems

Trockenbau: Ausbau Bohn GmbH, D-Erfurt

Parkettböden: Raumart GmbH, Bludenz

Konstruktion: Hochwärmegedämmte Stahlbetonkonstruktion mit Putzfassade und hinterlüfteter Lärchenholzfassade (Wohnteil). Energiestandard: Passivhaus mit Komfortlüftung und Wärmerückgewinnung, Zuheizung durch Fernwärme. Warmwasserbereitung durch Solaranlage.

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der Vorarlberger Nachrichten

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