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Das Kreuz mit der Sexualität

In den letzten Wochen wurden einige Regenbogen-Flaggen zerstört oder gestohlen.
In den letzten Wochen wurden einige Regenbogen-Flaggen zerstört oder gestohlen. ©Facebook/Junge Kirche Vorarlberg
Die Positionierung des Vatikans, keine homosexuellen Menschen zu segnen, gipfelte im Ländle mit dem Verbrennen von Regenbogenfahnen. W&W sprach darüber mit Kirchenvertretern und Mitgliedern der LGBTIQ-Community.
Regenbogenfahne in Hörbranz
Regenbogenfahne in Bürs nach einem Tag gestohlen
Stadt Hohenems hisst Regenbogenfahne
Erneut Regenbogen-Flagge angezündet

Von Harald Küng/Wann&Wo

Zu Beginn etwas Geschichtsunterricht: Im Laufe der Entwicklung des Christentums wurden jene als „Kinder Gottes“ bezeichnet, die das Sakrament der Taufe empfangen haben. Einst hieß es: „Wer die Taufe nicht empfangen hat, kann nicht (aus dem Tod) errettet werden!“ Mit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962/1965) änderte sich dieser Blick weitgehend. „Allerdings gibt es in der römisch-katholischen Kirche noch immer Strömungen, die die Aussagen dieses Konzils nicht annehmen bzw. umsetzen. Das ist – milde gesagt – höchst bedauerlich“, sagt der Hörbranzer Pfarrer Roland Trentinaglia im Gespräch mit WANN & WO. Und jene Strömungen sind es auch, die nun verlautbaren: „Gott kann Sünde nicht segnen.“

Homosexualität und Kirche

Mit dem Thema Sexualität habe sich die Kirche immer schon schwergetan, speziell mit Homosexualität. „Homosexualität hat es in der Kirche aber schon zu allen Zeiten gegeben. Das ist ein Fakt. Und dem darf – nein muss – sich auch eine Kirche stellen“, stellt Trentinaglia klar. Zur aktuellen Positionierung des Vatikans hat der Pfarrer eine klare Meinung: „Ich frage ich mich, wie sich jene Priester fühlen, die ,sündhaft‘, also selbst homosexuell sind. Homosexuelle sind keine ,schlechteren‘ Menschen, sie sind wie du und ich  – das hat zu allererst auch eine Kirche zu sehen.“

Brennende Regenbögen

Nach den Aussagen aus Rom kam es  im Ländle zu schockierenden Vorfällen: In Hard und Feldkirch wurden vor kirchlichen Häusern gehisste Regenbogenfahnen – Symbole der Toleranz und der Vielfalt – von bislang Unbekannten verbrannt. Der materielle Schaden ist gering, der symbolische groß. Die Solidarität mit der Community aber umso größer. „Wir schätzen die Zeichen der Solidarität, gerade dann, wenn wir in unserer Würde attackiert werden“, teilt Brigitte Stadelmann vom Verein GoWest mit und fügt hinzu: „Wir spüren, dass es für viele Christen und Christinnen enorm wichtig ist, dass sich auch Bischöfe und Kardinäle zur Offenheit gegenüber LGBTIQ-Menschen bekennen. Es bleibt aber unsere Aufgabe, die Gesellschaft so zu gestalten, dass in Zukunft wirklich alle LGBTIQ-Menschen diskriminierungsfrei ein gelingendes Leben in Vorarlberg führen können.“

„Aus der Geschichte nichts gelernt“

Roland Trentinaglia, Pfarrer, Hörbranz: „Die Vorfälle in Altenstadt und Hard sind sehr bedauerlich. Das mag auch im rechtsradikalen Denken mancher Zeitgenossen liegen. Wir glaubten, wir hätten derartige Dinge überwunden  und aus der leidvollen Geschichte des Nationalsozialismus gelernt. Das scheint hier aber nicht der Fall zu sein. Toleranz, das gelebte Miteinander in Glaube, Hoffnung, Liebe und Solidarität, die Würde jedes einzelnen Menschen sind Lebensgrundlagen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und natürlich in der Kirche.“

„Gott ist Liebe – das wollen wir leben“

Corinna Peter, Junge Kirche Vorarlberg: „Wir setzen uns für ein offenes,  friedliches Miteinander ein. ,Gott ist Liebe‘ steht in der Bibel – das wollen wir leben. Gewalt ist keine Lösung. Nächste Woche feiern wir Ostern. Jesus wurde verhaftet und gekreuzigt, hielt aber bis zuletzt an seiner Botschaft ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ fest. Ich hoffe, dass wir durch offenes Aufeinanderzugehen künftig nicht mehr über Herkunft, Sexualität und Geschlecht diskutieren müssen, weil wir die Fülle an Menschen und Lebensformen zu achten wissen.“

„Welle der Solidarität macht uns Mut“

Brigitte ­Stadelmann, Verein GoWest: „Wir sind betroffen, traurig und wütend. Andererseits erleben wir eine noch nie dagewesene Welle der Solidarität aus der Zivilgesellschaft, die uns stärkt und Mut macht. Die Vorfälle überraschen uns trotz der symbolischen Vehemenz nicht: Viele von uns erleben immer noch hässliche Formen der Diskriminierung im privaten und beruflichen Umfeld, wo sie oft unsichtbar bleiben. Die Brandanschläge machen den Hass in Teilen unserer Gesellschaft auf schmerzvolle Weise sichtbar. Das zwingt uns alle, Zivilcourage zu zeigen.“

„Es gibt im Ländle noch viel zu tun“

Johannes Gasser, homosexueller Landtagsabgeordneter, NEOS: „Die ,offizielle‘ Positionierung der Kirche hat nicht dazu beigetragen, die Situation für Betroffene zu verbessern. Doch es regt sich Widerstand an der Basis der katholischen Kirche. Vorfälle wie in Hard und Feldkirch sind ein Angriff auf alle, die Teil einer weltoffenen Gesellschaft sein wollen. Wie groß muss der Hass sein, dass man ein friedliches Zeichen für Toleranz und Vielfalt anzündet? Es zeigt, dass es im Ländle noch viel zu tun gibt. Es freut mich aber, dass im ganzen Land nun Regenbogenfahnen zur Unterstützung der Community gehisst werden.“

„Geistige Haltung aus finstersten Zeiten“

Dass im Jahr 2021 im Vatikan die Position bezogen wird, Homosexuelle nicht zu segnen, zeigt nur, wie rückständig und urkonservativ manche Teile der römisch-katholischen Kirche noch immer sind. Dabei ist es alles andere als ein Geheimnis, dass Homosexualität auch in der Kirche weit verbreitet ist. Für die alten Herren in Rom darf offenbar aber nicht sein, was ist. Im Ländle regt sich lobenswerterweise Widerstand – sowohl seitens der Kirche als auch der Zivilgesellschaft. Allerdings zeigen die Zwischenfälle in Hard und Feldkirch, dass es auch gesellschaftlich noch viel zu tun gibt. Denn wer meint, Regenbogenfahnen – Symbole der Toleranz und des friedlichen Miteinanders – stehlen oder gar anzünden zu müssen, vertritt eine geistige Haltung, die an finsterste Momente unserer Geschichte erinnert. Gerade in diesen, für uns alle schwierigen Zeiten, sollte es aber das Ziel sein, als Gesellschaft zusammenzuwachsen. #KeinPlatzfürHass
Kommentar von Harald Küng, Stv. Chefredakteur

„Mission Pride“: LGBTIQ-Menschen erzählen ihre Geschichten

Was bedeutet „Pride“ in Vorarlberg? Dieser Frage geht die Internetseite www.mission-pride.at nach. Vorarlberger und Vorarlbergerinnen jeglichen Alters berichten auf der Website von ihren persönlichen Erfahrungen als LGBTIQ-Personen im Ländle. Zu finden sind unter anderem Geschichten von Menschen, die ganz offen mit ihren Identitäten umgehen, aber auch Erzählungen von Personen, die sich ihr Leben lang verstecken müssen.

Die ganze WANN & WO-Ausgabe hier lesen

"Vorarlberg LIVE" zum Thema Homophobie

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