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"Corona stoppt Konsum nicht"

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Wie wirkt sich die Coronasituation auf den Drogenkonsum und die Suchttherapie im Ländle aus? WANN & WO hat nachgefragt.

von Harald Küng/Wann & Wo

Sars-CoV-2 bestimmt aktuell den Alltag der Menschen – auch der Süchtigen sowie der Beratungs- und Therapiestationen im Land. „Der Ausbruch von Covid-19 in ganz Europa und die Reaktionen zur Eindämmung der Epidemie stellen sowohl Konsumenten als auch die gesamte Drogenhilfe vor ganz neue Herausforderungen“, teilt Dr. Kirsten Habedank, Leiterin der Therapiestation Lukasfeld auf WANN & WO-Anfrage mit. Die Therapiestation in Meiningen hat am 20. März ihren Normalbetrieb eingestellt, um personelle Ressourcen für den Betrieb eines Notspitals im Krankenhaus Maria Ebene freimachen zu können. Wann die Einrichtung wieder für qualifizierte Entzugs- und Entwöhnungsbehandlungen von Drogenkonsumenten öffnet, ist derzeit noch unklar. „Wir hoffen sehr, dass die Covid-19-Situation weiterhin so entspannt bleibt und wir bald wieder starten können. Dann wird es aber vor allem auch darum gehen, die Therapiestation möglichst Coronavirus-frei zu halten – das Thema wird uns wohl noch Monate beschäftigen.“

„Erhöhtes Rückfallrisiko“

Ein Teil der Lukasfeld-Patienten wurde in die Therapiestation Carina verlegt, andere verließen die Station allerdings. „Hier ist immer von einem erhöhten Rückfallrisiko auszugehen“, gibt die Medizinerin zu bedenken. Wie es den Klienten derzeit geht, sei allerdings nur schwer zu beurteilen. „Ich kann nur sagen, dass wir alle – und damit meine ich sämtliche Drogenberatungsstellen im Land –  versuchen, telefonisch in Kontakt mit den Klienten zu bleiben. Die Versorgung mit Substitutionsmitteln ist durch die Beratungsstellen und die substituierenden Ärzte gewährleistet, hier gibt es eine gute Zusammenarbeit zwischen den Amtsärzten und den Apotheken.“ Um über die aktuelle Lage, nicht nur in Vorarlberg, sondern auf gesamteuropäischer Ebene mehr zu erfahren, führt die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen- und Drogensucht (EMCDDA) unter Suchtmittelkonsumenten aktuell eine kurze anonyme Online-Erhebung in allen EU-Mitgliedsstaaten durch, welche auch auf der Internetseite der Stiftung Maria Ebene abrufbar ist.

„Viele Beschaffungswege sind nicht verfügbar“

Bisherige Informationen zeigen, dass viele Beschaffungswege aktuell nicht mehr zur Verfügung stehen und sich auch Konsummuster verändern. Konsumenten greifen vermehrt zu leichter verfügbaren Drogen, wie Nikotin, Alkohol und Medikamente. Angst­störungen, Depressionen und Vereinsamung werden durch die Krise zudem oftmals verstärkt. „Durch die Grenzschließung hat sich die Versorgungslage verschlechtert, auch das offene Dealen auf Straßen und Plätzen ist durch die erhöhte Polizeipräsenz und das Versammlungsverbot sicher eingeschränkt“, so Habedank, die aber sogleich hinzufügt: „Ich glaube fest daran, dass auch viele der Drogenkonsumenten letztlich gut mit dieser Krise umgehen können, in dem Wissen, dass nicht nur sie betroffen sind von den einschränkenden Maßnahmen, sondern dass wir alle einen Umgang damit finden müssen.“

Stimmen: Situation in der Drogenberatung

Hannes Judt, Ex & Hopp: „Am 13. März haben wir unsere Kontakt- und Anlaufstelle auf Notbetrieb umgestellt. Wir bieten weiterhin Spritzentausch, Unterstützung in Krisensituationen, Gespräche auf Terminbasis und Hilfestellung wie Hygiene für obdachlose Personen. Mitte Mai werden wir den Betrieb langsam wieder hochfahren. Die Vernetzung und gegenseitige Unterstützung der Suchthilfe in Vorarl­berg ist zudem sehr lobenswert. Manche unserer Klienten sind sehr vorsichtig, anderen ist der Ernst der Lage nicht bewusst, sie halten die Maßnahmen für völlig überzogen. Die psychische Belastung ist für viele sehr groß, sie haben starke Zukunftsängste aufgrund der Unsicherheit, wie es wirtschaftlich und sozial weitergehen wird. Manche leiden unter Depressionen, das geht bis zur Suizidalität. Der Schwarzmarkt existiert weiterhin, auch wenn es schwieriger ist, an illegale Drogen heranzukommen. Corona stoppt aber nicht den Konsum.“

Christine Köhlmeier, Clean: „Wir arbeiten seit 16. März an unseren drei Standorten mit voneinander unabhängigen Teams und betreuen rund 1200 Personen im Land. Manche kommen erstaunlich gut mit der Situation zurecht, bei anderen verstärkt die Krise Ängste und Depressionen. Traditionell gehören unsere KlientInnen zu jener Gruppe, die schneller ihren Job verliert und bei schwieriger wirtschaftlicher Lage auch schwerer wieder eine Arbeit findet. Für manche ist es aufgrund der oft beengten oder prekären Wohnverhältnisse schwierig, es auf Dauer zuhause auszuhalten. Obdachlose Personen können zudem auch nicht so einfach ,zuhause' bleiben. Hier leisten die Notschlafstellen einen unschätzbaren Beitrag. Wir sind derzeit damit beschäftigt, die Voraussetzungen zu schaffen, dass schrittweise wieder ,face-to-face-Beratungen möglich werden – unter Einhaltungen der Bestimmungen. Ein genauer Zeitpunkt für eine völlige Öffnung ist aber noch unbekannt.“

Drogenschmuggel erschwert, weniger Anzeigen

Sars-CoV-2 beeinflusst auch die Prioritäten der Exekutive: Aufgrund anderer Gewichtungen der Polizei im Außendienst zeichnet sich aktuell gegenüber dem Vergleichszeitraum 2019 ein Rückgang bei den Anzeigen sowohl im Verbrechens- als auch im Vergehensbereich ab. Aufgrund der Grenzkontrollen anlässlich der gesetzten Corona-Maßnahmen ist zudem der Schmuggel von Suchtmitteln stark erschwert, wie die Landespolizeidirektion gegenüber WANN & WO informiert.

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

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