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Calmund "VN"-WM-Kommentator

Sein Wort hat Gewicht - für die "VN" wird Ex-Leverkusen-Manager Reiner Calmund in den nächsten Wochen viele Kilometer zurücklegen und die WM-Geschehnisse ganz genau analysieren.

VN: Zurück zu den Wurzeln. Erinnern Sie sich noch an Ihre Anfänge in Leverkusen vor gut 30 Jahren?
Reiner Calmund: “Das war eine andere Zeit, wie Schwarz-Weiß-Fernsehen im Vergleich zu heute. Fußball war zwar schon damals Volkssport Nummer eins, aber heute ist er vor allem im Fernsehen unschlagbarer Quotenbringer. Ich selbst musste als Fußballer früh verletzungsbedingt aufhören und als positiv Fußballverrückter dann aus der Not eine Tugend gemacht. Wobei: Nationalspieler wäre ich wohl nicht geworden. Als Jugendtrainer habe ich dann bei Leverkusen begonnen, dann war ich Stadionsprecher und schließlich Manager.”

VN: Aus Ihrer Managerzeit sind uns vor allem Ihre Wortgefechte mit Bayerns Uli Hoeneß in Erinnerung.
Calmund: “Zum Profifußball gehören halt auch die Herren in Nadelstreif, ob Finanzexperten oder Juristen. Mit Uli Hoeneß verbindet mich heute noch eine gute Freundschaft und vor allem gegenseitiger Respekt. Er ist unterm Strich sicherlich der erfolgreichste Manager der Bundesliga, der FC Bayern ist sein großes Werk. Er zählt im Geschäft zur Spezies ‘Attacke’ und da musste ich auch mal zurückschlagen. Doch wir sind stets sportlich fair geblieben, was auch die bis heute andauernde gegenseitige Sympathie beweist.”

VN: Ihr Aus bei Leverkusen war allerdings dann auch mit Enttäuschungen verbunden.
Calmund: “Es war nicht ganz so, wie es nach außen transportiert wurde, allerdings hatte ich es mir auch anders vorgestellt. 2001 bei der Vertragsverlängerung hatte ich mir den jährlichen Ausstieg schriftlich fixieren lassen, den ich eigentlich für 2006 geplant hatte. Bis dahin, so dachte ich, ist Rudi Völler Bundestrainer und kommt dann nach Leverkusen zurück, zudem hatte ich ja intern den Schweizer Ilja Kaenzig als Nachfolger aufgebaut. Wie wir wissen, ist es anders gekommen.”

VN: Dann kamen noch die Ermittlungen wegen angeblicher Untreue hinzu…
Calmund: “Ich sage so: Vielen war meine Beliebtheit, mein Ruf ein Dorn im Auge. Sie haben es einfach nicht ertragen und mir unschöne Geschichten angedichtet. Das ist alles andere als schön, auch wenn die Staatsanwaltschaft weder Veruntreuung und Bereicherung nachweisen konnte. Klar, das erleichtert. In Jubelstimmung bin ich deshalb aber nicht, vielmehr ist es wie das Ende eines bösen Traums.”

VN: Wie sehr vermissen Sie denn nun das tägliche Fußballgeschäft?
Calmund: “Eigentlich gar nicht. Zum Schluss war es aber schon so, dass ich Erfolge nach großen Spielen gar nicht mehr ausgelassen feiern konnte. Es war oftmals mehr das Gefühl der Erlösung da, das ich dann mit meiner Frau in Ruhe genossen habe. Mit dem Fußball bin jetzt zeitlich noch enger verbunden, eigentlich bin ich zur Zeit rund um die Uhr für den Fußball im Einsatz.”

VN: Sie sprechen damit wohl ihre Tätigkeit als WM-Botschafter an. Wie muss man sich das vorstellen?
Calmund: “Im Vorfeld der WM habe ich gut 200 unentgeltliche Auftritte absolviert. Dabei trete ich keineswegs als der Klugscheißer auf, der sagt, dass er schon bei der G14, der UEFA-Task-Force oder 2004 noch im DFB-Stab dabei war. Vielmehr sehe ich mich als partnerschaftliches Zahnrädchen, das sein Wissen in Sachen Verkehr, Mitarbeiter oder bauliche Maßnahmen miteinbringt. Das absolut Wichtigste für mich ist aber, dass wir Deutschen nicht nur vom Wir-Gefühl sprechen, sondern es auch leben. Wir müssen bei der WM nicht unbedingt als Perfektionisten dastehen, weitaus effizienter ist es, wenn wir uns als echtes Heimatland ohne jeglichen Fremdenhass präsentieren. Das Motto ‘Zu Gast bei Freunden’ müssen wir auch leben.”

VN: Haben Sie noch mehr Erwartungen an die WM?
Calmund: “Eine Fußball-WM ist mehr als nur ein 1:0. Respekt und Toleranz gegenüber den Hautfarben, egal ob Rot, Weiß oder Schwarz, gegenüber den verschiedenen Religionen oder politischen Gesinnungen, das macht so eine Großveranstaltung aus. Der Fußball muss die Chance nützen, Positives zu transportieren. Wir wollen ein guter Gastgeber sein und dann wäre es mir sportlich egal, wenn Deutschland im Viertelfinale mit Anstand die Koffer packen müsste.”

VN: Also haben Sie einen anderen WM-Favoriten?
Calmund: “Wenn ich allein die Ersatzbank anschaue, dann ist Brasilien die Trophäe nicht zu nehmen. Ab dem Achtelfinale gibt es jedoch das K.-o.-System und da ist schon so mancher Favorit ins Stolpern geraten. Ich denke nicht, dass es ein Außenseiter ins Halbfinale schafft, vielmehr bevorzuge ich die klassischen Favoriten Argentinien, Brasilien, England und Italien. Deutschland mit dem Heimpublikum im Rücken ist so etwas wie ein Geheimfavorit.”

VN: Während der WM sind Sie nicht nur als TV-Experte, sondern auch als „VN”- Kommentator im Einsatz. Darf man auch kritische Töne von Ihnen erwarten?
Calmund:
“Mit Sicherheit. Ich werde mir kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich denke, das wäre falsch und würde niemandem dienen.”

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