"Bücherkrieg": Autoren-Proteststurm gegen Amazon wegen Preisdrucks

US-Konzern will Bücher billiger verkaufen - Autoren protestieren in offenem Brief.
US-Konzern will Bücher billiger verkaufen - Autoren protestieren in offenem Brief. ©AP (Themenbild)
Amazon setzt seine schroffe Verhandlungstaktik im Kampf um niedrigere Preise immer breiter ein. Mehr als 900 Autoren, darunter klingende Namen wie Stephen King oder John Grisham, protestierten am Sonntag mit einem offenen Brief gegen die umstrittenen Methoden des Versandhändlers.

 Der Konflikt scheint sich indes auszuweiten – betroffen waren am Wochenende auch Filme wie “Captain America” und “Die dunkle Fee” aus dem Hause Disney. Kurz vor den Verkaufsstarts der DVDs hat Amazon die Funktion für Vorbestellungen in seinem Marktplatz deaktiviert. Wie zuerst das Fachblatt “Home Media Magazine” bemerkte, galt dies für nahezu alle Disney-Titel.

Kampf mit rabiaten Mitteln

Hintergrund ist der “Bücherkrieg”, den sich das einst durch E-Books bekannt und groß gewordene US-Versandportal mit dem Verlagshaus Hachette liefert. Amazon drückt mit umstrittenen Methoden die Preise für digitale Bücher, um Konkurrenten als etablierter Branchenführer das Wasser abzugraben. Bei den Verhandlungen mit Hachette kämpfte Amazon mit rabiaten Mitteln. Titel des Verlags waren zeitweise nur mit langen Lieferzeiten zu ordern oder gar nicht mehr verfügbar. Der Button für Vorbestellungen wurde kurzerhand deaktiviert.

Die Situation erinnert auch an den Konflikt zwischen Amazon und Time Warner. Auch in diesem Fall baute das Versandportal auf diese Weise Druck bei den Verhandlungen um neue Vertriebsdeals auf. Warner-Filme waren deshalb von Mitte Mai bis Ende Juni nicht vorbestellbar. Ob sich zwischen Walt Disney und Amazon ähnliches anbahnt, ließ sich zunächst nicht aufklären. Die Unternehmen halten sich bisher bedeckt.

“Bücher als Geiseln”: Protestbrief von 909 Autoren

Mehr als 900 Schriftsteller, darunter berühmte Autoren wie Stephen King oder John Grisham, hatten das Vorgehen von Amazon im Streit um E-Book-Preise zuvor scharf verurteilt. “Weder Leser noch Autoren profitieren davon, dass Bücher als Geiseln genommen werden”, schrieben sie in einem offenen Brief. Sie kritisierten, dass Amazon in der Auseinandersetzung mit dem Verlag Hachette etwa die Auslieferung gedruckter Bücher verlangsamt sowie keine Vorbestellungen angenommen habe. Der Internethändler will niedrigere Preise für digitale Bücher durchsetzen.

Streit auf dem Rücken der Leser

Unter den Unterzeichnern des von Bestsellerautor Douglas Preston verfassten Protestbriefs finden sich auch Namen weiterer bekannter Literaten wie David Baldacci, Lincoln Child oder Suzanne Collins. Sie riefen die Leser auf, Amazon-Chef Jeff Bezos per E-Mail die Meinung zu sagen. Amazon verstoße gegen sein eigenes Versprechen, vor allem an die Kunden zu denken, indem der Konflikt mit Hachette auf dem Rücken der Leser ausgetragen werde.

Amazon kontert mit eigenem offenen Brief

Amazon konterte den Vorstoß der Schriftsteller mit einem eigenen offenen Brief. Darin heißt es unter anderem, Literatur müsse günstiger werden, da sie mit vielen anderen Medien im Wettbewerb stehe. “Bücher konkurrieren mit mobilen Spielen, Fernsehen, Filmen, Facebook, Blogs, kostenlosen Nachrichten-Websites und mehr.”

Das Unternehmen verwies auch erneut auf frühere Berechnungen, wonach mit niedrigeren E-Book-Preisen wie 9,99 Dollar viel mehr Bücher verkauft würden als etwa bei 14,99 Dollar, sodass Schriftsteller und Verlage am Ende sogar mehr verdienen würden.

Druck auf Hachette verteidigt

Amazon verteidigte zudem den viel kritisierten massiven Druck auf Hachette. Der Verlag habe in den Verhandlungen drei Monate lang gemauert und sich erst zähneknirschend mit den Amazon-Argumenten auseinandergesetzt, “als wir Maßnahmen ergriffen, den Verkauf ihrer Titel in unserem Store zu reduzieren”. Amazon habe vorgeschlagen, für die Dauer des Streits gemeinsam die Einbußen der Autoren auszugleichen – Hachette habe dies aber abgelehnt. Die Leser wurden im Gegenzug aufgerufen, E-Mails an den Hachette-Chef zu schicken.

Einst…

In einem Versuch, historische Parallelen zu ziehen, schrieb Amazon auch, einst habe der berühmte Autor George Orwell (“1984”) dazu aufgerufen, Taschenbücher zu verbieten. Allerdings wird aus dem Kontext des Zitats eher klar, dass Orwell ganz im Gegenteil auf die Preisvorteile der damals neuen Taschenbücher des Penguin-Verlags hingewiesen hatte: Sie böten so viel Wert für ihr Geld, dass andere Verlage sich eigentlich dagegen verbünden müssten.

Amazon hatte früh auf digitale Bücher gesetzt und mit Preisen bei 9,99 Dollar das Geschäft in den USA zunächst dominiert. US-Verlage nutzten den Start von Apples E-Book-Store auf dem iPad-Tablet, um ein Modell nach dem Muster der deutschen Buchpreisbindung durchzusetzen, bei dem sie selbst und nicht der Händler den Preis bestimmen können.

Nach Einschreiten von US-Behörden wurde dieses Verfahren jedoch gekippt, und Amazon kann wieder die Bücher bei Verlagen zum Großhandelspreis beziehen. Hachette stemmt sich in Verhandlungen über einen neuen E-Book-Deal gegen den von Amazon geforderten niedrigeren Preis bei 9,99 Dollar.

Beschwerde bei deutschem Bundeskartellamt

Einen ähnlichen Streit um die Preise für E-Books gibt es in Deutschland. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beschwerte sich beim Bundeskartellamt über den Online-Händler. Amazon wies den Vorwurf zurück, im Zuge von Verhandlungen die Auslieferung gedruckter Bücher aus der Verlagsgruppe Bonnier (Ullstein, Piper, Carlsen) zu verzögern. (APA/red)

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