Billig-Ware in Pflegeheim und Schulkantine? Schwere Vorwürfe gegen SeneCura

Schwere Vorwürfe gegen die SeneCura, ihres Zeichens börsennotierter Pflegedienstleister, auch hier in Vorarlberg.
Schwere Vorwürfe gegen die SeneCura, ihres Zeichens börsennotierter Pflegedienstleister, auch hier in Vorarlberg.
Ex-Mitarbeiter sprechen exklusiv mit VOL.AT über unzufriedenstellende Versorgung in Alten- und Pflegeheimen sowie für Schulen und Kindergärten. Gewinnmaximierung des Mutterkonzerns vs. gesunde Ernährung?

In Vorarlberg betreibt die SeneCura sieben Sozialzentren sowie vier Einrichtungen für betreutes Wohnen. Außerdem werden Schulen, Kindergärten sowie "Essen auf Rädern" mit Waren aus den insgesamt fünf Großküchen des Pflegedienstleisters beliefert.

Heftige Kritik an den
Vorarlberger Zuständen

In den vergangenen Monaten quittierten vier der fünf bisherigen Küchenchefs ihren Dienst. Die Gründe dafür liegen für einen ehemaligen Mitarbeiter, der mit VOL.AT gesprochen hat und lieber anonym bleiben möchte, auf der Hand: "In den letzten Jahren hat man deutlich gemerkt, dass es sich bei dem Anbieter um ein gewinnorientiertes Unternehmen handelt. Einsparungen im Personalbereich sind nur die Spitze des Eisberges. Was vielen Mitarbeitern im Küchenbereich wirklich sauer aufstößt, ist die Auswahl der Zutaten, mit denen sowohl für die ältere Generation, als auch für Hilfsbedürftige sowie für Schulen und Kindergärten gekocht wird. Tiefkühlware, Fertigprodukte und billige Zutaten werden für die Gerichte verwendet. Der Wareneinsatz liegt bei rund 3,50 Euro pro Kopf. Regionale Produkte kommen ebenfalls nur selten auf den Teller." Schwere Vorwürfe vonseiten des ehemaligen Angestellten, der seine Tätigkeiten in einem größeren Sozialzentrum aufgrund der minderen Qualität der Speisen beendete.

Ex-Küchen-Chef: "Konnte es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren"

"Ich konnte es einfach nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren und habe mich nicht mehr in den Speisesaal gewagt. Es gab Tage, da konnte ich aus lauter Scham nicht mehr in den Spiegel schauen. Geschweige denn in die Gesichter der Senioren, denen wir diesen Fraß vorwarfen."

Küchenleiter mit Brief
an die Geschäftsführung

Außerdem wurde in einem Schreiben eines Vorarlberger Küchenleiters, das VOL.AT vorliegt, Kritik laut, dass sich die Beschäftigten in den SeneCura-Betrieben mehr Wertschätzung wünschen. Gerade in Zeiten der Pandemie habe das Maß der Belastbarkeit seine Grenzen erreicht:

Das VOL.AT vorliegende Schreiben.

Hohenemser Bürgermeister
kennt die Situation

Gerade in einer Einrichtung in Hohenems, denen der inzwischen zum
Prokurist & Regionaldirektor für Tirol und Vorarlberg beförderte Christian Längle vorstand, gingen die Wogen hoch. Eine erzürnte Heimbewohnerin wandte sich an Bürgermeister Dieter Egger, um ihn über die "untragbaren" Zustände zu informieren. Via Telefonat versicherte er der älteren Dame, dass er sich darum kümmern werde, obgleich ihm in Sachen Sozialzentrum die Hände gebunden seien, da es sich um eine private Einrichtung handle. Dass die dortige Großküche auch Emser Kindergärten und Schulen beliefert, rief das Stadteoberhaupt aber dann auf den Plan. Gegenüber VOL.AT gibt der Bürgermeister nachfolgendes Statement ab:

"Grundsätzlich möchten wir festhalten, dass die SeneCura ein privater Pflegedienstleister ist, mit dem wir eine gute Partnerschaft pflegen. Sie betreibt ihre Häuser in Vorarlberg als gemeinnützige Gesellschaften und unterliegt dabei denselben Regeln wie jene Häuser, die von der öffentlichen Hand geführt werden. Wir tauschen uns regelmäßig aus, vor allem wenn es um die Verpflegung der Schulen und Kindergärten geht.

Man darf auch darauf hinweisen, dass die Bedürfnisse der beiden versorgten Zielgruppen – Senioren und Kinder – sehr unterschiedlich ausfallen und die Gestaltung eines gemeinsamen, qualitätsvollen und zugleich wirtschaftlichen Speiseplans für diese Zielgruppen generell nicht ganz einfach ist. Um auf die Bedürfnisse der Kindergarten- und Schulkinder einzugehen, gibt es für sie angepasste Speisepläne. Es hat in der Vergangenheit vereinzelt Reklamationen über die Verpflegung und auch Personalprobleme gegeben, diese wurden auch im Beirat diskutiert und Verbesserungen wurden hier bereits durchgeführt. Die Zufriedenheit über die Verpflegung in den Pflegeheimen wurde und wird  regelmäßig in umfassenden Umfragen überprüft und die Befragungen ergaben tatsächlich überdurchschnittlich gute Werte.

Seitens der Stadt laufen aktuell auch Projekte, generell noch mehr Bio-Qualität und Regionalität auf den Speiseplan zu bringen – ein Thema, welches uns sehr wichtig ist. Regionalität und Frischküche ist auch für die SeneCura wichtig. Dort wird zu 80 Prozent auf regionale Produkte gesetzt und die Frischküche wird bis Ende des Jahres in allen SeneCura-Einrichtungen weiter ausgebaut."

Hohenems wird mehr Geld in die Hand nehmen

Außerdem versicherte der Hohenemser Bürgermeister, dass man gerade bei der Verpflegung von Schulen und Kindergärten in der Nibelungenstadt aktuell neue Projekte auf die Beine stellen würde: "Wir sind auch bereit, vonseiten der Stadt mehr Geld in die Hand zu nehmen, um unseren Kindern ein gesundes, regionales Angebot mit Bio-Qualität anzubieten. Hier bedarf es aber auch eines generellen Wandels im Ernährungsbewusstsein."

Der Hohenemser Bürgermeister Dieter Egger zeigt sich bemüht, gemeinsam mit SeneCura alle Vorwürfe aus der Welt zu schaffen.

Personalengpässe im Pflegebereich

Im Artikel des Falters wurde außerdem auf die eklatanten Missstände im Personalbereich hingewiesen. Dass in ganz Europa Arbeitskräfte in diesem Segment gesucht werden, ist nicht neu. Dass aber gerade vonseiten des Mutterkonzerns auch hier das Zahnrädchen auf dem letzten Zacken fährt, könnte ebenfalls im Sinne einer Profitmaximierung für Aktionäre des Konzerns argumentiert werden. Was auch den Umstand erklären würde, dass offensichtlich auch in heimischen SeneCura-Heimen kein Geld mehr für Wochenend-Putzkräfte zur Verfügung stünde. Zumindest schildert der lieber anonym argumentierende Ex-Mitarbeiter grauenvolle Zustände: "Abgesehen davon, dass einfache Putztätigkeiten über das Wochenende ruhen, da hier an Personal einspart wird, bleiben diese Aufgaben ebenfalls am ohnehin schon schwer ausgelasteten Pflegepersonal hängen." Und auch hier könnte man eine dem Konzern naheliegende Gewinnmaximierung vermuten: Der SeneCura-Slogan "Näher am Menschen" würde dann wohl eher zu "Näher am Profit".

Erst vor Kurzem wurden gegen die SeneCura-Gruppe schwere Anschuldigungen erhoben. Konkret handelt es sich um eine Story im Falter und des internationalen Recherchenetzwerkes Investigate Europe, die hinter das milliardenschwere Geschäft mit der Altenpflege blicken.

SeneCura-Gruppe gehört zum börsennotierten Orpea-Konzern

Die SeneCura-Gruppe zählt zu den größten Anbietern und Betreibern von Altenpflege-Einrichtungen in Österreich. Das Unternehmen ist eine Tochter des börsennotierten, französischen Orpea-Konzerns mit einem Jahresumsatz von 2,8 Mrd. Euro. Allein in Österreich fließen 1,14 Prozent des BIP in den Langzeit-Pflegebereich. Die Ausgaben für das Bundespflegegeld betrugen im Jahr 2019 insgesamt rund 2,64 Mrd. Euro (inkl. Verwaltungskosten).

Orpea, zu der auch SeneCura gehört, gilt mit 85562 Betten in 1077 Heimen
in ganz Europa als größter, privater Anbieter im Pflegebereich.
©www.investigate-europe.eu

VOL.AT hört Ihnen zu

Falls auch Ihnen oder Ihren Nächsten Ähnliches widerfahren ist, können Sie sich per E-Mail an joachim.mangard@russmedia.com wenden. Ihre Anfragen und Anliegen werden selbstverständlich vertraulich bearbeitet.

Lesen Sie exklusiv auf V+ wie Christian Längle, Regionaldirektor SeneCura Vorarlberg, in einem ausführlichen Interview auf die Vorwürfe reagiert.

(VOL.AT)

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