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„Zeichen ist wie eine Art von Meditation“

Georg Vith mit kopfstehenden Bildelementen
Georg Vith mit kopfstehenden Bildelementen ©Yasmin Ritter
Die VN-Heimat präsentiert bekannte Maler und Bildhauer aus dem Bezirk Dornbirn und ihre Arbeit. Der Zeichner und Maler Georg Vith (62) aus Dornbirn über Kunst im Kleinen und das Warten in der Dunkelheit.
Georg vith

Dornbirn. Georg Vith zeichnet jeden Tag an einem kleinen Schreibtisch. Er braucht kein riesiges Atelier, indem sich meterhohe Leinwände stapeln. „Schon Goethe hat die Camera obscura verwendet. Ich habe vor über 30 Jahren begonnen sie nachzubauen, sie wurde ein Bestandteil meiner zeichnerischen Arbeiten. Mit den Kameras entstehen Serien von Zeichnungen auf Transparentpapier mit Tusche, Edding und Buntstift in der Größe von 42 mm x 68 mm.

„Ich bin der Typ, der im Kleinen und Verborgenen arbeitet, ich habe mich immer mehr reduziert. Es hat mich nie interessiert große Bilder zu malen, die Distanz zum Bild ist zu entfernt für mich. Mit meinem Format kann ich überall zeichnen wo ich gerade bin“, beschreibt Georg Vith seine Arbeitsweise. Dazu schrieb der Philosoph und Historiker Rupert Tiefenthaler:“Die Zeichnungen im Kreditkartenformat sind gleichsam Kartografien des Unscheinbaren und unterbrechen den Alltag, die allzulange Pause unseres Denkens“.

Ein Bild ereignet sich

Georg Vith arbeitet mit der Camera obscura (lat. dunkles Gewölbe) auf zwei verschiedene Arten. Zum einen als Zeichenkamera, diese ist im Prinzip ein Modell unseres Auges: ein dunkler Behälter mit einem kleinen Loch und einer Sammellinse, durch die das Licht einfällt. Mit dem Blick auf die Mattscheibe der Zeichenkamera ereignet sich jedes Mal ein Bild. Die Zeichenkamera ist wie eine Taucherglocke, die das Auge aus dem Alltag entführt und eine Interaktion zwischen Zeichner und Bild auslöst. Sie setzt die Wirklichkeit in einen Rahmen und fokussiert den Blick. Das Licht, das durch das Objektiv der Zeichenkamera auf einen Spiegel trifft und schließlich auf der Mattscheibe ein Kopf stehendes Bild erzeugt, fordert auf zu einem Dialog mit dem eintreffenden Ausschnitt der Wirklichkeit. Auf der Mattscheibe liegt das Transparentpapier, eingespannt in einen Rahmen, es ist der eigentliche Bildfänger. Strukturen und Formen des eintreffenden Bildes werden durch das aufgelegte Papier gefiltert. Beim Suchen, Zeichnen und Schauen entsteht ein permanentes Wechselspiel von ordnenden und Struktur bildenden Prozessen, der Stift bewegt sich leichtfüßig über das Papier und webt eine neue Wirklichkeit. Er hinterlässt Spuren, Farbschichten legen sich über das Bild auf der Mattscheibe. Das mit der Zeichenkamera eingefangene Bild entschwindet durch das Überzeichnen allmählich und gibt Raum für innere Bilder, die durch den Zeichenprozess entstanden sind. Das Bild verselbstständigt sich und wird durch Gedankensprünge überlagert. Reste von Farbstaub liegen auf dem Papier, sie werden weggeblasen, das Blatt aus dem Rahmen genommen und durch ein neues Blatt ersetzt. Ein Dialog mit einem neuen Bild kann beginnen. Das nächste Bild ereignet sich.

Warten auf Bilder

Zum anderen ist die Camera obscura ein vollständig mit Folie verdunkelter Raum. Seit 1998 gehören „Begehbare Kameras“ zu Viths Wahrnehmungsarbeiten. Durch ein kleines Loch kommt Licht gebündelt in den Raum, was das eigentliche Prinzip eines Fotoapparates ist. Je kleiner das Loch, durch das die Lichtstrahlen dringen können, desto schärfer tritt das Bild dem Betrachter gegenüber. Der Besucher einer derartigen Kamera ist angehalten, zumindest zehn bis fünfzehn Minuten zu warten, um das langsam auftauchende Bild wahrnehmen zu können und damit zu bemerken, wie sich langsam ein kopfstehendes Bild der Außenwelt auf das Interieur legt. Das Bild in dieser Camera wandelt sich ständig. Das Wetter ändert sich, der Wind bewegt die Bäume, Passanten gehen vorüber. Aber auch die Personen, die sich im Inneren des Raumes befinden können z. B. mit weißen Leinwänden bestimmte Bildausschnitte einfangen und hervorheben.

Konsequenz im freien Schaffen

Als Kind hat Georg Vith mit Vorliebe Comics gezeichnet, wurde im Gymnasium von seinem Lehrer Ingo Springenschmid sehr wertgeschätzt, hat in Zeichnen maturiert und wurde auf der Akademie für bildende Kunst in Wien aufgenommen. Er hatte Glück und landete in der Meisterklasse des legendären Maximilian Melcher, der seinen Studenten Konsequenz lehrte, was für einen frei schaffenden Künstler überlebenswichtig sein kann.

Bleistift als Markenzeichen

Wer zwischen Langenegg und Lingenau radelt, kennt die auffällige und bequeme Skulptur von Georg Vith, auf der eine ganze Schulklasse Platz hat. „Vor zwölf Jahren nahm ich am Symposium „Neun Bäume“ im Bregenzerwald teil. Jeder Künstler hat eine Tanne zum Verarbeiten bekommen. Ich habe meinem Markenzeichen, dem Bleistift,  ein Denkmal gesetzt, indem ich einen 8, 64 Meter langen Faber-Castell-Bleistift in die Landschaft setzte“, erzählt der Künstler, dem Kultur und Begegnungen fehlen.

„Die Regierung misst mit einem ungleichen Maß. Kultur wird seit Beginn der Pandemie wie ein Stiefkind behandelt. Dabei wäre kulturell alles möglich, alles wäre lang vorbereitet. Ich bin auf die Entscheidungen der Regierung sehr schlecht zu sprechen.“

yas

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