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Auswirkungen des Corona-Lockdowns auf Kinder werden sich erst zeigen

Bei einem Drittel der Kinder wird sich als Folge der Pandemie eine posttraumatischen Belastungsstörung zeigen.
Bei einem Drittel der Kinder wird sich als Folge der Pandemie eine posttraumatischen Belastungsstörung zeigen. ©pixabay.com (Sujet)
Die psychischen Auswirkungen des Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie würden sich laut Experten bei Kindern erst mit Verzögerung zeigen.

Der SARS-CoV-2-Lockdown bzw. die Covid-19-Pandemie treffen Benachteiligte stärker. Zu jenen Gruppen, die besonders darunter leiden, gehören in Österreich Kinder aus sozial schwächeren Familien.

Dies stellten am Dienstag Experten der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit bei einer Online-Pressekonferenz fest. Die psychischen Auswirkungen der Pandemie würden sich mit Verzögerung zeigen.

Psychische Lockdown-Effekte auf Kinder kommen mit Verzögerung

"Die (durch die SARS-CoV-2-Pandemie hervorgerufenen; Anm.) psychischen Konstellationen werden erst in den nächsten Wochen und Monaten sichtbar werden", sagte Christian Kienbacher, Ärztlicher Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie des SOS Kinderdorf Wien. Aus Studien lasse sich ablesen, dass etwa ein Drittel der Kinder als Folge der Pandemie Zeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigen werde.

Wobei Kienbacher aus der Lockdown-Praxis als Kinderpsychiater sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat. Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS hätte sich das Home Schooling beispielsweise oft sehr positiv ausgewirkt: "Für sie hat es keinen sozialen Druck mehr gegeben." Ein betroffenes Kind hätte erklärt: "Ich will nur mehr Home Schooling machen."

Auf der anderen Seite, wie der Kinderpsychiater berichtete, standen Patienten oder ganze Familien, die sich in die völlige Selbstisolation begaben. "Patienten mit Angsterkrankung haben sich oft zu Hause verschanzt und mussten von dort erst 'geborgen' werden", berichtete der Kinderpsychiater.

Gewalt während Corona-Krise angestiegen

Jedenfalls dürfe man gerade jetzt nicht jene Familien und deren Kinder bzw. Jugendlichen nicht "vergessen", die an sich schon belastet und benachteiligt seien und durch SARS-CoV-2 noch mehr unter Stress stünden. "Kinder aus bildungsfernen Familien verlieren den Anschluss an die Schule. Jugendliche bekommen keine Lehrstellen. Die Gewalt hat zugenommen", sagte Christoph Hackspiel, Psychologe und Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit.

Hedwig Wölfl, ebenfalls klinische Psychologin und Vizepräsidentin der Liga, führte dazu Daten aus Studien und aus einem Europol-Bericht an. Europol hätte in den vergangenen Monaten einen signifikanten Anstieg von Fällen von Kindesmissbrauch und Austausch von Kinderpornografie-Material registriert. "Rat auf Draht" hätte ein Drittel mehr Anrufe wegen Gewalt an Kindern gezählt. "Wir haben Fälle von Einsperren von Kindern im Keller gehabt", sagte die Expertin. Für bereits ohne SARS-CoV-2-Pandemie überlastete Eltern hätte der Lockdown zu noch mehr Stress geführt.

80.000 Therapieplätze fehlen

Die Liga für Kinder- und Jugendgesundheit hat ein Positionspapier erstellt, in dem erneut auf Defizite in Österreich hingewiesen wird, die sich nach SARS-CoV-2-Krise mit noch mehr Schärfe zeigen könnten. "Noch immer fehlen in Österreich um die 80.000 kassenfinanzierte Therapieplätze für Kinder und Jugendliche", heißt es darin beispielsweise.

Die Stärkung von Familien und sozialen Netzwerken sei ebenso wichtig wie der Kampf gegen die Kinderarmut. Dazu Hackspiel: "300.000 Kinder oder jedes fünfte Kind in Österreich ist von Armut bedroht oder lebt in Armut." Speziell zu stützen seien auch die Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche, um sozial Schwächere zu fördern. Im Bereich der Kinder und Jugendlichen tätige Berufsgruppen müssten in ihrer Bedeutung und Bezahlung aufgewertet werden.

Schließlich fehle es in Österreich an Partizipationsmöglichkeiten für Kinder- und Jugendliche. "Für 25 Prozent der Bevölkerung, für die Interessen von Kindern und Jugendlichen, gibt es keine Vertretung in der Politik. Wir fordern ein eigenes 'Kinderministerium'", sagte Hackspiel.

Familien und Kinder für Soziologin zu lange unsichtbar

Nach Ansicht der Soziologin Ulrike Zartler (Uni Wien) wurde die oft schwierige Situation von Familien und Kindern in der Coronakrise bisher zu wenig im öffentlichen Diskurs beleuchtet. Eltern seien oft in eine "Rollenüberlastung" zwischen Familien- und Arbeitsleben geraten, Kinder hätten eine Bedrohung mitbekommen, deren Einordnung für sie mehr als schwierig ist, sagte die Forscherin am Dienstag.

Die Familiensoziologin stellte im Rahmen des Symposiums mit dem Titel "Leben mit Corona" am Institut für Höhere Studien (IHS) Ergebnisse einer Reihe von Studien vor, die sich mit den Entwicklungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie auseinandersetzen. Zartler und ihr Team führten selbst eine Studie mit dem Titel "Corona und Familienleben" durch. Dafür wurden rund um den Lockdown 98 Eltern mit 181 Kindern ausführlich befragt, bzw. führten ein Tagebuch. Insgesamt könne man festhalten, dass "Corona ein Katalysator für sozialwissenschaftliche Forschung war". Alleine weit über 100 einschlägige Forschungsprojekte wurden nur in Österreich durchgeführt, sagte die Wissenschafterin.

Schulschließung: Eltern oft mit Rollenüberlastung konfrontiert

Sehe man sich die Situation der rund 900.000 Familien mit Kindern hierzulande an, falle auf, dass Eltern mit einer beispiellosen Rollenüberlastung konfrontiert waren. Das Wegbrechen von Schule oder Kindergarten bzw. Betreuung durch Großeltern bei vielfach gleichbleibender bis steigender Arbeits- und psychischer Belastung oder Angst um den Job sei greifbar. Nochmals stärker betroffen von alldem waren Alleinerzieherinnen, so Zartler. Um das Funktionieren von Homeoffice-Lösungen zu suggerieren, seien Kinder teilweise etwa vor Videokonferenzen "aktiv versteckt" worden. Dementsprechend mussten etwa "Medien als Kinderbetreuungseinrichtung" einspringen, Eltern als Motivatoren für Schüler auftreten und neue Tagesstrukturen erarbeitet werden.

Rückzugszeiten für Eltern gab es vielfach einfach nicht mehr, so die Soziologin. Familien, die "Corona als Urlaub" erlebt haben, "gab es zwar auch". Dieses Phänomen sei aber nur zutage getreten, wenn die familiären Rahmenbedingungen sehr positiv waren. Mit Fortdauer des Lockdowns habe sich diese Form des Erlebens auch durch die Bank als von kurzer Dauer herausgestellt.

Corona-Modus nicht kindgerecht

Die Perspektive von Kindern sei "lange in der Diskussion nicht sichtbar" gewesen. Insgesamt brachte und bringt der Corona-Modus eine nicht kindergerechte Situation mit sich. Es fehlte etwa über lange Strecken der Austausch mit Peers. Ein teils merklicher Anstieg an Aggression, Bettnässen oder von Ängsten zeige, dass "Kinder die Gefahr mitbekommen haben", so Zartler. Welche Auswirkungen die Prämisse "Wenn ich jemanden liebe, muss ich Abstand halten" längerfristig hat, werde sich erst weisen.

Im Zusammenhang mit den Schließungen im Bildungsbereich hätten sich viele Familien alleine gelassen gefühlt. So musste auf ein Ausstiegsszenario lange gewartet werden, Informationen hätten sich vielfach widersprochen. Kurzum: "Die Eltern leiden vor allem unter völlig undurchsichtigen Regelungen." Der nunmehrige Schichtbetrieb an Schulen bringe auch Probleme mit sich, wie etwa der Schulstart im Herbst aussieht "wird spannend".

Ein Aspekt der Wirkung des Homeschooling sei auch das Signal, dass Schule in ihrer gewohnten Form in der Wahrnehmung vieler Schüler mitunter als unwichtig angesehen wird. Zartler: "Wir werden einiges zu tun haben, dieses Bild wieder zurechtzurücken."

Trotz der vielen Zumutungen, die die Corona-Pandemie für die Familien gebracht hat, sei es erstaunlich, wie souverän viele trotzdem agiert hätten und wie sie "unter ganz schwierigen Bedingungen" in gesamtgesellschaftlicher Sicht funktioniert haben. Diese Leistung werde aber bisher oftmals in der Gesellschaft und Politik kaum wahrgenommen. Da anzunehmen ist, dass die Ausnahmesituation in Abstufungen noch weiter aufrecht bleibe, brauche es "mehr Augenmerk auf Information und Unterstützung für diese Gruppe", so die Wissenschafterin.

Ungehorsam bei neuerlichem Lockdown denkbar

Beim Blick auf einen etwaigen weiteren Lockdown im Schulbereich tauche in den Daten zunehmend Unmut auf. Im Fall der Fälle könnte es zu einem Ausweichen auf zivilen Ungehorsam unter Eltern nach dem Motto "Ich mach' da nicht mehr mit" kommen.

Auch in den wiederkehrenden Befragungen von rund 1.500 Österreichern im Rahmen des "Austrian Corona Panel" finden sich Ermüdungserscheinungen: Immer noch halte ein Großteil der Leute das Gros der Maßnahmen für gerechtfertigt - bei über die Zeit hinweg steigender Skepsis, hielten Fabian Kalleitner und David Schiestl (beide Universität Wien) im Rahmen eines Vortrages fest. Mittlerweile würden vor allem Schließungen von Schulen, Spielplätzen, Kindergärten, Gastronomiebetrieben und Geschäften deutlich weniger Anklang finden. Höhere Zustimmung gibt es für Präventionsmaßnahmen wie Abstandhalten und Maskentragen.

(APA/Red)

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