"Ausgrabungsarbeiten" am Wiener Nordwestbahnhof

Nachzeichnung der Einbauten für die NS-Propaganda-Ausstellung im Wiener Nordwestbahnhof von 1938.
Nachzeichnung der Einbauten für die NS-Propaganda-Ausstellung im Wiener Nordwestbahnhof von 1938. ©Wolggang Thaler / Tracing Spaces
Als Erinnerungsmale historischer Ereignisse haben Michael Hieslmair und Michael Zinganel vor Ort "Spuren" der 1952 abgebrochene Halle des Nordwestbahnhofs und der 1938 darin aufgebauten NS-Propaganda-Ausstellung "Der ewige Jude" im Maßstab 1:1 am Boden nachgezeichnet.

Es ist eine "Ausgrabung", in der historische Ereignisse, wenn schon nicht aus der Erde, so doch in die Erinnerung geholt werden: Der interdisziplinäre Forschungsverein Tracing Spaces von Michael Hieslmair und Michael Zinganel thematisiert am Wiener Nordwestbahnhof die hier 1938 gezeigte NS-Propaganda-Ausstellung "Der ewige Jude" sowie den Film "Stadt ohne Juden", der ebenfalls zum Teil auf dem Areal gedreht wurde. So entstehen "Erinnerungsmale historischer Ereignisse".

"Erinnerungsmal 'freigelegt'"

Hieslmair und Zinganel haben für "Excavations from the darkest past" einerseits die Umrisse der 1952 abgebrochenen Bahnhofshalle im Originalmaßstab nachgezeichnet, um schließlich auf dieselbe Weise die darin aufgebaute antisemitische Ausstellung einzuschreiben. Diese wird somit als "Erinnerungsmal 'freigelegt'", wie es in der Projektbeschreibung heißt.

Verknüpft wird das in dieser weitläufigen Freiluftinstallation mit dem Filmset von "Stadt ohne Juden". Ein Kameraset und ein Zugwaggon sind dafür "in abstrahierter Form" nachgebaut worden. "War die fiktive Deportation im Film von 1924 noch vorübergehend, so zeigte die verhetzende Wirkung der Ausstellung 1938 ihre fatale Wirkung im Realen: in Pogromen, Deportationen und Massenvernichtung", liest man auf der Website des Projekts.

Fiktive Ausgrabungen am Wiener Nordbahnhof

Tracing Spaces beziehen sich mit der Methode der fiktiven Ausgrabungen einerseits auf Sigmund Freud, andererseits auf den Architekt und Architekturtheoretiker Peter Eisenman. So sei die Ausgrabungsstätte einerseits "eine Markierung unserer voranschreitenden Erinnerungsarbeit an frühere Bauformationen und die mitunter folgenschweren Nutzungen des Bahnhofs in totalitären Zeiten". Andererseits sollen auf diese Weise die "gemeinsamen Erinnerungen" erhalten werden, um sie nicht zuletzt der künftigen Freiraumgestaltung des Areals einzuschreiben.

Eine Führung durch die "Ausgrabungsstätte" gibt es am 21. Oktober ab 18.30 Uhr, wobei im Anschluss der Stummfilm "Stadt ohne Juden" gezeigt wird. Am Folgetag steht ab 16.00 Uhr eine Wanderung zur Geschichte jüdischer Unternehmen, zu Arisierung, Beraubung, Verfolgung, und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus auf dem Programm. Bei dieser werden die Historikerinnen Gabriele Anderl, Rosemarie Burgstaller, Bernhard Hachleitner, Sabine Loitfellner, Eva Steigberger, Hannes Sulzenbacher und Michael Zinganel dabei sein.

(APA/red)

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